Rezension

Christian Kjellvander

The Rough And Rynge


Highlights: Bad Hurtn // Long Distance Runner
Genre: Blues // Country
Sounds Like: Rik van den Bosch // Johnny Cash

VÖ: 11.02.2011

"Name ist Schall und Rauch", stellt Goethe in Faust fest. Da fragt sich der Musikinteressierte: Aber welche Art von Schall? Klingt "Blink 182" nach einer Punkrock-Band? Verbindet man "The Prodigy" mit Big Beat? Und könnten die "Wildecker Herzbuben" Hardcore-Techno machen? Es bleibt die Erkenntnis, dass einige Namen passen und andere sehr irreführend sind. Christian Kjellvander gehört zur letzteren Kategorie. Einen Elektro-Produzenten würde man dem charismatischen Schweden sofort abnehmen. Ist er aber nicht. Christian Kjellvander macht Blues-Musik. Und zwar ziemlich traurige.

Kjellvanders Musik ist so traurig, dass man sich fragt, ob der Mann jemals ABBA gehört hat. Vielleicht ist seine Musik aber auch nur so traurig, weil er ABBA... Ach, lassen wir das. "The Rough And Rynge" ist das fünfte Soloalbum des Mittvierzigers und es ist eine Herausforderung an den Hörer: weniger wegen seiner Komplexität, als vielmehr wegen der so spärlich gesäten Momente an Schönheit. Das Album zu hören ist wie durch eine endlose weite Wüste voller Disteln und Kojoten zu laufen und plötzlich den einen Adler am Himmel zu sehen. Den Adler der Hoffnung und des Lebens, der für ein paar Sekunden seine Kreise zieht, bevor er sich als Fata Morgana entpuppt und für immer verschwindet. Obwohl Kjellvander neben seiner Akustikgitarre viele passende Instrumente wie Mundharmonika, Banjo und Streicher integriert, wirkt der Gesamtsound äußerst fragil. Es ist die Whiskey-Stimme des Schweden, die die nachdenklichen Texte so traurig werden lässt. In der unwiderstehlich melancholischen Tradition eines Johnny Cash hat Kjellvander Songs geschrieben, die man am besten alleine hört.

In dieser Konsequenz ist "The Rough And Rynge" ein großartiges Album – trotz oder gerade wegen eines Songs wie "Freighter Boat Blue". Drei Minuten lang weint Kjellvanders Stimme mit der seiner weiblichen Duett-Partnerin um die Wette, durch nicht mehr unterstützt als ein paar einsame Gitarrenklänge. So quälend wie ein Spaziergang durch die Wüste bildet "Freighter Boat Blue" die Projektionsfläche, vor der der Rest des Albums sein Minimum an Schönheit entfalten kann. Da ist "Bad Hurtn", eine fast schon klassiche Blues-Nummer, die sich mit der Liebe zum Blues selbst beschäftigt. "Transatlantic" lässt als Opener in seiner Langsamkeit und Getragenheit auf das gesamte Album schließen, besticht aber durch ein scheinbar achtloses und dennoch perfektes Akustikgitarren-Solo – es sind die kleinen, die winzigen Momente, die die Faszination von "The Rough And Rynge" ausmachen.

Das Highlight ist dabei unbestritten "Long Distance Runner". Es ist schwer zu beschreiben, was die Magie des Songs ausmacht, aber wenn Kjellvander zur Textzeile "Why would anyone not love the sun? // Why would anyone not praise the fun? // Why would anyone not try to choose? // Why would anyone not sing the Blues?" ansetzt, ist es einer dieser Momente, in denen alles Sinn zu machen scheint: der Song, die Musik, das Leben.

Dann wünscht man sich, die Platte würde springen und wieder und wieder die Zeile wiederholen. Doch unerbittlich schreitet die Zeit voran und hält uns vor Augen, wie endlich wir sind. Vielleicht ist die einzige Enttäuschung, dass das Album so wenige Augenblicke von dieser Magie bereithält, dass der Anlauf hierzu so unverhältnismäßig groß ist. Aber damit lässt sich leben.

Mischa Karth

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