Interview

Christian Kjellvander


In der Rezension zu dem Album "The Pitcher" von Christian Kjellvander schrieb Mischa Karth bereits: "Das Album wurde in einer schwedischen Dorfkirche eingespielt. Wo sonst, möchte man denken?" Im Bielefelder Falkendom traf sich der sympathische und ausgeglichene Schwede mit uns vor einem seiner Deutschland-Konzerte. Wieso das Gras in der Erinnerung immer grüner ist als in dem Moment, in dem man sich darauf befindet, und wieso die Musik in gewissem Sinne ein Gott ist, lest ihr in unserem Interview.

Ich beginne mit einer Frage, die im Leben vieler Menschen eine große Rolle spielt und geradewegs Bezug auf dein Album nimmt. Welche Rolle spielen Kirchen für dich?

Christian: Welche Rolle Kirchen für mich spielen? Ich glaube, ich mag diese gerade deshalb, weil da, immer wenn man einen Zugang zu einer Kirche hat oder man eine Kirche sieht, etwas ist. Es ist nicht unbedingt etwas Religiöses, doch man weiß, dass sich die Menschen dennoch dort aufhalten, um über alles Mögliche nachzudenken. Es ist ein Trost, ein Ort des Trosts für Menschen, und ich denke, dies ist mein Hauptgrund, eine Kirche aufzusuchen. Es ist still, ruhig und Menschen haben sich bereits über viele tausende Jahre dort aufgehalten und über Dinge nachgedacht. Das ist gut.

Haben Kirchen einen besonderen Einfluss auf deine Musik im Gegensatz zu anderen Orten?

Christian: Nein, ich glaube für mich ist Musik... also, ich habe immer versucht, in Bezug auf meine Musik in gewisser Weise in Bewegung zu bleiben und habe die Abwechslung gesucht. Für mich persönlich sind es Dinge wie Zugfahrten. Bewegung, im Sinne von gehen und laufen. Sachen, die einen besonderen Einfluss auf mich haben, über die ich oft nachdenke.

Inwiefern fließt denn die jeweilige Umgebung in deine Musik ein?

Christian: Es ist wirklich schwer zu sagen, da man als Musiker abhängig vom Reisen und eben viel unterwegs ist. Es ist verdammt schwer, über das zu schreiben, was gerade eben geschieht. Das Reisen ist eher ein Filter, ein perspektivischer, auf den du erst später, wenn du anfängst zu schreiben, zurückgreifst. Sicherlich ist das Gras in meiner Erinnerung immer grüner als in dem Moment, in dem ich mich darauf befinde. Die Vergangenheit und die Zukunft sieht man klarer als das Jetzt. Sozusagen sind diese Zeiten besser zu erkennen, simpler nachzuvollziehen. Aber ich meine, das Reisen an sich und die Umgebungen, genau wie sie aussehen, das ist ziemlich wichtig.

Bist du schnell von Orten und Städten gelangweilt?

Christian: Das ist eine gute Frage...Ja, ich glaube genauer betrachtet bin ich schnell gelangweilt. Vermutlich auf Grund der Tourneen, auf denen du gezwungen bist, eine kurze Zeit an einem Ort zu bleiben. Du nimmst das Beste aus dieser Zeit mit, um dann wieder weiter zu ziehen. Du nimmst etwas aus der Umgebung mit und meistens die besten Teile. Doch wenn ich mich für einen längeren Zeitraum an einem Ort aufhalte, in einer Stadt oder in einem Land, dann entwickelt sich auch ein andersartiger Zugang. Ich verschmelze sozusagen mit dem Ort und das ist wieder eine andere Erfahrung, eher dem Urlaub gleich.

Gab es bereits einen Ort, der dich derartig gefesselt hat, dass du diesen im Nachhinein erneut aufgesucht hast?

Christian: Ja, wir waren im letzten Winter für fast dreieinhalb Wochen in Sevilla und das war großartig. Du konntest richtig an diesem Ort ankommen, zu deiner eigenen Bucht gehen und hast den Ort in einer gewissen Art und Weise zu verstehen begonnen. Wenn ich auf Grund der Arbeit unterwegs bin, geschieht dies in der Regel nicht, weil ich so viel herum reise, dass ich mir in meiner kurzen freien Zeit die Orte nicht mehr wirklich angucke.

Wie bekommst du deine Familie, Freunde und die Arbeit unter einen Hut?

Christian: Mit den Freunden ist es simpel, da diese eben auch Musik machen. Leider ist es in meinem Fall zumindest so, dass die Leute, mit denen ich arbeite, meist auch meine Freunde sind. Ich habe ebenso eine Hand voll anderer Freunde, die keine Musik machen, doch diese, mit denen ich die meisten Erfahrungen teile, sind jene, mit denen ich auch musiziere. Und die Familie... wenn ich zu Hause bin, verbringe ich die Zeit mit meiner Familie, anstatt mit Freunden los zu ziehen. Es ist nicht schwer, da mein Hauptgedanke, mich nicht in zwei Teile zu spalten, schon immer da war. Verstehst du, ich wollte eben niemals zu einer Hälfte der "Familientyp" und zur anderen der "Musiker" sein. Ich habe immer versucht, alles gemeinsam unter einen Hut zu bekommen. Alles andere wäre ein ständiger Rollentausch, das wäre zu viel für meinen Kopf.

...also hast du immerzu versucht, alle Bereiche sozusagen in einem abzudecken?

Christian: Ja, das versuche ich und auf einer Tournee wie der in Deutschland und den längeren ist es schwierig, die Familie mitzunehmen. Wenn wir jedoch in Schweden sind, nehme ich meine Familie öfters mit. Sogar auf kürzeren Tourneen, einwöchigen zum Beispiel, ist meine Familie dabei. Zwar nicht immer, doch oft genug, sodass es sich natürlich anfühlt.


Christian Kjellvander // Photo Credit: Elisabeth Moch

Auf deiner Webseite habe ich gelesen, dass dein Bruder verstorben ist. Inwiefern hat sich dieser Schicksalsschlag auf deine Musik ausgewirkt?

Christian: Ich weiß es nicht. Wir haben zwar gemeinsam musiziert, doch auch nicht ganz so lange. Knapp zehn Jahre. Anfänglich hatte ich das Gefühl, dass wir immer aufeinander hockten. Wir haben keine Songs zusammen geschrieben. Er schrieb einen, den er mir vorspielte und ich einen, den ich ihm vorspielte. Da war immer eine Art, kein Wettbewerb in dem Sinne, doch schon in gewisser Weise etwas, das man dem anderen immerzu zeigen, mit ihm teilen wollte. Klar, besonders ausgeprägt war das, als wir noch jünger waren, doch irgendwie blieb ein Teil dessen über die Jahre bestehen. Es lief dann in etwa so ab: "Oh, ich kann es kaum abwarten, ihm diesen Song zu zeigen". Als dies erlosch, befand ich mich durchaus in einer Phase, in der ich mich fragte: "Wie zur Hölle soll es nun weitergehen?". Das war sozusagen mein Grund, überhaupt Musik zu machen: meine Familie und meine Freunde. Wenn andere Menschen der Musik lauschen wollen, ist es ein toller Zusatz, doch hauptsächlich denke ich da wirklich an mein Leben, meine Familie und meine Freunde. Doch, dass er gestorben ist, war sicherlich...Das war heftig. Persönlich war dies ein gewaltiger, enormer Verlust. Ganz klar.

Hat dieser Schicksalsschlag deine Arbeit, deine Sichtweise verändert?

Christian: Nein, eine Menge Dinge geschehen eben im Leben und gerade deshalb änderst du dich immerzu, ebenso Sichtweisen. Du näherst dich dem Schreiben für eine neue Platte immerzu anders an. Ich meine nicht gänzlich, doch in gewisser Hinsicht versucht man es ständig. Es ist mit der Fotografie vergleichbar. Wie wenn du die Kamera wechselst. Ob du eher etwas dokumentieren oder dich auf die Wüste, eine Art Box, beschränken willst, um zu schauen, was hierbei geschieht, was du in dieser Box findest. So sollte es laufen. Sobald du alle Möglichkeiten hast, wirst du verrückt.

Das kann ich nachvollziehen...

Christian: Und so war es immer. Die Zeiten ändern sich in gewissem Sinne, so wie die Jahre ins Land ziehen. Zunehmend lernt man den Wert zu schätzen, freut sich immer mehr über die kleinen Dinge im Leben.

Machen dich deine Familie und Freunde genauso glücklich oder erfüllen sie dich gleichermaßen, wie die Musik es vermag?

Christian: Nein. Es ist anders, weil die Familie und Freunde mich sehr glücklich machen, es fühlt sich nicht nach demselben an. Da ist etwas um dieses "Musik machen" oder "produzieren" herum – diese Dinge dann wieder loszulassen, zu veröffentlichen und sich weiter zu bewegen –, ein Gefühl, das mit den Freunden oder der Familie so nicht möglich ist, da du dich gemeinsam, konstant entwickelst, mit ihnen zusammen arbeitest. Doch bezogen auf die Musik kann ich mich ausleben, es so umsetzen, wie ich es will und es dann wieder loslassen – was sehr interessant ist.

Die Familie und Freunde sind ein wichtiger Bestandteil des Lebens. In anderen Zeiten und Stimmungen ist es jedoch immerzu die Musik, die einen unendlich glücklich macht. Würdest du mir da beipflichten?

Christian: Ja, auf die Musik war sozusagen schon immer Verlass. Für mich war die Musik immerzu wie ein sehr guter Freund. Fast schon wie eine Religion. Weißt du, in gewisser Hinsicht ist sie wie ein Gott. Etwas, an das man glauben kann.

Kannst du jederzeit Musik hören oder gibt es Zeiten, in denen du dies nicht kannst, weil es dir zu viel wird?

Christian: Es gibt unterschiedliche Zeiten, in denen ich keine Musik hören kann. Sie werden, wurden mit der Zeit immer mehr und zwar deshalb, weil ich auf Grund anderer Dinge, wie der Familie, nicht dazu komme.

...abgesehen von der vorhandenen Zeit?

Christian: Ja, weil meine Frau verrückt wird, wenn da irgendwo Musik läuft. Sie ist eben sehr empfindlich, hat eine stark ausgeprägte Sinneswahrnehmung, weshalb es ihr meistens zu viel ist, gleichzeitig, neben dem Kochen oder inmitten von Unterhaltungen, im Hintergrund Musik zu hören. So nehme ich mir meinen Raum, verbringe meine Zeit mit der Musik, wenn ich Auto fahre. In den Momenten höre ich dann Musik. Doch ich habe einst viel mehr Musik gehört. Ich habe bereits zum Aufwachen CDs angehört, bin mit Musik schlafen gegangen. Alles drehte sich immerzu um die Musik. Irgendwie vermisse ich diese Zeiten manchmal. Ab und an gehe ich mit Kopfhörern schlafen, um noch Musik zum Einschlafen hören zu können. Das ist grandios.


Tias Carlson, Christians Bandkollege // Photo Credit: Elisabeth Moch

Inwiefern fließt die Stille in deine Musik ein? Musiker sind umgeben von den Tönen, doch was kannst du aus der Stille schöpfen?

Christian: Die Stille reinigt dich in gewissem Sinne. Sie ist wie die Unschuld. Ich genieße die Stille ungemein, auch wenn Reize anderer Art inspirierend auf mich wirken. Die Stille hingegen kann ebenso sehr inspirierend sein. Und wenn wir über die Musik im Vergleich zur Fotografie, sprich zu den Bildern reden, ist der Raum zwischen den Noten ebenso wichtig, wie die Noten an sich. Genauso verhält es sich, wenn du sozusagen die Stille einbindest. Wie in Fotografien, in denen ist es dann die Luft zwischen der Kamera und dem Objekt...

...der Zwischenraum als das Verbindungsstück?

Christian: Ja, genau dieser Raum. Wenn du diesen einfangen kannst, gibt es dem Bild das gewisse Etwas und genauso verhält es sich mit den Klängen, mit der Musik, denke ich. Wenn du es schaffst, diesen Zwischenraum einzubinden, dann ist es gut. Wie eben auch bei den Kirchen. Auch eine Kirche ist so ein Ort der Stille, ein geheimnisvoller Ort.

Was kommt bei dir zuerst, die Liedtexte oder die Melodien?

Christian: Es ist unterschiedlich. Jeder Song ist verschieden. Für eine Platte schreibe ich zum Beispiel mal vier Texte für einen Song und mal vier Melodien ohne die Texte. Der Rest ist ein kontinuierlicher Prozess, der sich mit der Zeit ergibt. Zum Beispiel starte ich mit einem Vers, dem Text und bevor ich den Refrain beendet habe, steht zumindest der Rest des Textes fest. Es ist mir sehr wichtig, dass ich mit den Texten ohne die Melodie glücklich bin. Letztendlich läuft es auf ein fifty-fifty hinaus.

Sprich, es ergibt sich alles mit der Zeit, ohne einen genauen Plan?

Christian: Ja, genau. Es ist wie beim Filmemachen. Wenn du einen Film drehen willst und in den verschiedenen Szenen denkst. Eventuell drehst du zuerst das Ende und dann bekommt noch ein Raum seinen besonderen Anstrich und danach schreibst du eventuell erst die Dialoge. Im Anschluss gehst du zurück und stellst doch noch irgendwo einen Stuhl dazu, der zuvor in dem Bildaufbau fehlte. Ich kann die Platte in gewisser Weise vor mir sehen, bevor sie fertig ist. Ich höre diese in meinem Kopf, habe eine Vorstellung dazu, doch kann längst nicht sagen, wie diese am Ende aussehen wird.

Arbeitest du zu Beginn mit deinen Musikern in der Gruppe zusammen oder zuallererst alleine?

Christian: Zu Anfang arbeite ich alleine. Danach mit meinen Freunden zusammen und dann wieder alleine. Hinterher setzen wir uns erneut zusammen. So läuft es in der Regel ab.

Sprich, du legst einen großen Wert darauf, die ersten Schritte alleine zu gehen, zu denken?

Christian: Ganz klar, ja. Um die Texte, die Hauptsache, zu beenden, auf jeden Fall. Der Text ist das Herzstück des Liedes. Ich habe eine Idee, ein Konzept für ein Lied, welches wir dann für gewöhnlich gemeinsam ausarbeiten. Manchmal habe ich eine klare Vorstellung zu dem gesamten Arrangement, ein anderes Mal hingegen nur den Text und eine vage Vorstellung, wie es klingen könnte und die Leute spielen dann darauf, was auch immer ihnen gerade einfällt. Manchmal ist es großartig, mal auch schlecht und wir arrangieren so einiges gemeinsam. Danach gehe ich wieder heim und beende viel Material oder schreibe noch etwas, wenn es noch benötigt wird. Danach setzen wir uns wieder zusammen und starten mit den Aufnahmen.

Das klingt spannend.

Christian: Weißt du, heutzutage glaube ich nicht, dass ich dies mit zwanzig Jahren bereits so gesehen habe... heutzutage sehe ich jede Platte wie ein Buch, wie eine Geschichte. Etwas, das dich packen, bewegen, irgendwohin mitnehmen kann. Du kannst es bestimmen, denn du bist der Regisseur, der Direktor. Also setze es um, nutze es, denn du hast die Fähigkeit dazu.

...die Chance.

Christian: Ja, genau. Ich weiß nicht. Ich liebe es eben, das ganze Produkt herzustellen.

Inwiefern hat sich denn deine Sichtweise über die Jahre hinweg verändert? Wie hast du den Prozess, deine Musik zuvor betrachtet?

Christian: In den letzten zehn Jahren hat sich meine Sichtweise nicht verändert. Doch früher drehte es sich darum, so viele gute Lieder wie nur möglich zu schreiben. Songs, die den anderen Leuten in der Band gefielen. Die Konzentration lag eher auf einzelnen Liedern. Heutzutage geht es mehr um das Gesamtwerk, die ganze Platte und das Gefühl, welches du zu vermitteln versuchst, damit die Leute sich hinsetzen und zuhören. Es geht um die Geschichten, die du erzählen, die Dinge, die du Menschen fühlen lassen willst, was du fühlst und was du zu erzählen hast, weshalb die Leute dir zuhören sollten. Diese Gefühle eben.

Christian, herzlichen Dank für das bereichernde Interview.

Elisabeth Moch

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