Rezension

Bon Iver

i,i


Highlights: Hey Ma // Naeem
Genre: Experimental-Folk
Sounds Like: Big Red Machine

VÖ: 30.08.2019

Was sich im Laufe der letzten Alben schon angedeutet hatte, ist spätestens seit dem Konzert im Juli beim Open Air am Schlachthof Wiesbaden Gewissheit, als sich Justin Vernon mit den Worten "Thank you very much, we are Bon Iver" verabschiedete: Bon Iver, gestartet als Vernons Singer/Songwriter-Selbsthilfeprojekt in den Wäldern Wisconsins, hat sich seit dem Debüt 2008 über vier Alben hinweg zu einem Bandprojekt entwickelt. Auf "i,i", das ähnlich kryptisch wie der Vorgänger "22, A Million" anmutet, pendelt die Band zwischen progressiv-pompösem Indie-Folk und der Dekonstruktion desselben hin und her. Dass Bon Iver derzeit einer der spannendsten und innovativsten Acts im alternativen Mainstream ist, zeigt auch die unkonventionelle Art der Veröffentlichung: Angekündigt für den 30.08., war "i,i" bereits drei Woche vorher auf den gängigen Streamingplattformen zu finden, nachdem es tags zuvor weltweit Listeningparties in ausgewählten Plattenläden (in Deutschland in Köln, Berlin, Hamburg, Freiburg und München) gegeben hatte. Willkommen im VÖ-Modus von 2019.

Vieles auf "i,i" wirkt fragment- und bruchstückhaft, unfertig, ja fast sessionhaft. Dass sich die gemeinsamen Projekte der letzten Monate von Vernon mit The-National-Gitarrist Aaron Dessner auch auf die Platte auswirken, zeigt sich neben dem teils prominenten Piano-Einsatz auch in den zahlreichen Gastbeiträgen – unter anderem der Dessner-Brüder selbst, James Blake, Hip-Hop-Produzent Wheezy oder Channy Leaneagh von Poliça. Im Grenzbereich von experimentellem Folk, R'n'B, Hip Hop, Gospel, Soul, Ambient und dem Teils dadaistisch anmutenden Einsatz von Samples und elektronischen Störeffekten definiert die Band das, was Pop im postmodernen Zeitalter sein kann und muss, um weiterhin den Zeitgeist zu spiegeln. Was Kanye West (musikalisch gesehen) mit dem Hip Hop der 2000er gemacht hat, macht diese Band nun mit dem fast schon elendig sich selbst erliegenden Genre des melancholischen Indie-Folk, indem es der Hörerschaft neue Horizonte aufzeigt und sie bewusst herausfordert.

Während "22, A Million" bei diesem Vorstoß mit der Tür ins Haus fiel, in der Retrospektive vermutlich jedoch als eines der innovativsten Alben der 2010er-Jahre betitelt werden wird, tritt "i,i" einen Schritt zurück, lotet die Extreme aus und schlägt dabei die Brücke zum sphärisch-melodischen selbstbetitelten Album von 2011. Songs wie "Hey, Ma" und "Faith" oder die balladesken Songs "U (Man Like)" und "RABi" sind wesentlich ein- und somit auch zugänglicher als die Songs der Vorgängerplatte, offenbaren dabei vermehrt Vernons Folk-Wurzeln und bleiben dabei trotzdem unbequem. Seinem typisch Einsatz von modulierten Vocals bleibt Vernon vereinzelt noch treu – neu sind das in breite Sonderflächen gebettete Saxophon in "Sh'Diah" und Trap-Anleihen wie in "We".

Vernon selbst sieht in seiner Diskografie Analogien zum Jahreszeitenwechsel, mit "i,i" als Herbstplatte, die als viertes Album diesen Jahreszeitenzyklus komplettiert. Inwiefern die Vorgängerplatte dabei der Sommer sein soll und "i,i" den Herbst symbolisiert, sei mal dahin gestellt. Dass es unabhängig davon die Diskografie in dem Sinne komplettiert, dass es Elemente der Vorgänger aufgreift, ausfeilt und somit erneut eine für den aktuellen Popdiskurs relevante Platte darstellt, kann man getrost behaupten. Chapeau – mal wieder – nur dieses Mal an die Band Bon Iver.

Abhilash Arackal

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Bon Iver - iMi
Bon Iver . Hey Ma
Bon Iver - Naeem

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