Rezension

Black Lips

Arabia Mountain


Highlights: Family Tree // Spidey's Curse // Mr. Driver // The Lie
Genre: Flower Punk // Alternative Rock // „Garage“
Sounds Like: The Sonics // The Seeds // Davila 666

VÖ: 24.06.2011

Spätestens 2009 mit „200 Million Thousand“ hörte selbst der Taubste den Schuss: Ein wenig lächerlich waren die Black Lips ja immer schon. Zu aufgesetzt, zu manieriert. Vor Jahren auf "In The Red", als staubige Fuzzschwaden noch die eigentlichen Lieder verschleierten, war das vielleicht mal halbwegs cool. Doch dann ließen Vice Records Goldtaler aufs Garagentor prasseln und verhalfen der Band zu nachbearbeiteten Livemitschnitten aus Tijuana, inszenierten Skandalen am Arsch der Welt und Werbejingles für Virgin Mobile. Kurz: Zum großen Ausverkauf. „As fake as a three dollar bill“, tönten die Gralshüter aus ihren Garagen.

„Arabia Mountain“ führt diese Entwicklung konsequent fort – und das ist gut so. Im Gegensatz zum misslungenen „200 Million Thousand“ versuchen die Black Lips hier zu keinem Zeitpunkt vorzutäuschen, dass sie weiterhin im tropfenden Keller rumlärmen. „Arabia Mountain“ soll nun endlich den Durchbruch bringen und um diese Ambition zu verdeutlichen, hat die Band niemand Geringeren als Mark Ronson (Amy Winehouse, Robbie Williams) als Produzenten angeheuert. Wer nun die scheußliche „Frat Boy“-Vorabsingle „Go Out And Get It“ gehört hat und befürchtet, dass die Black Lips endgültig zur Bloodhound Gang des Alternative Rock mutiert sind, darf aufatmen: „Arabia Mountain“ ist die Breitbildversion zu „Good Bad Not Evil“. Überproduziert, kalkuliert und vollgestopft mit Hits.

Natürlich klingt die Musik trotz der Überholung immer noch nach alten „Nuggets“-Zusammenstellungen und Helden wie den Sonics. Doch während diese Gruppen stets einen rauen, spröden Charme versprüht haben, haben die Black Lips ihren Klang glattgebügelt, um Finessen ergänzt und auf den Punkt gebracht. Und das ist hier ausnahmsweise mal ein Kompliment. Da wäre das Saxophon im Opener „Family Tree“, welches völlig unpeinlich den Song vorantreibt. Oder die nach dem Ramones-Cover zweitschönste Hommage an Marvels weltberühmten Wändekrabbler. „Mad Dog“ ironisiert die oft gefeierte Subversion von Rocktexten, indem es auf den lächerlichen Rückwärtsbotschaften-Skandal um Judas Priest anspielt. „Mr. Driver“ ist dunkel, beklemmend und damit Kontrapunkt zum pfeifenden Gequietsche von „Raw Meat“. Und „The Lie“ dürfte wegen des ausgefuzzten Solos sogar einzelne alte Fans besänftigen.

Es ist fast provozierend in einer Zeit, in der echte Musik anecken sollte, ein Album aufzunehmen, welches eine möglichst große Zielgruppe erreichen will. Es bedarf wahrer Größe, um diese Entwicklung unpeinlich und konsequent zu vollziehen. Die Black Lips rücken damit, nicht zuletzt wegen des stilisierten Outlaw-Albumcovers, in die Nähe von The Clash, welche 1982 mit „Combat Rock“ ein ähnlich massenkompatibles Album geschaffen haben. Diese enterten daraufhin die Fußballstadien der Welt. Ob die Black Lips ihrem Beispiel folgen, wird sich zeigen. Es wäre allerdings schade, wenn das nächste Album ein „Cut The Crap“ würde.

Yves Weber

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Video zu "Modern Art"
Musikvideo zu "Go Out And Get It"

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