Rezension

Beck

Guero


Highlights: Girl // Earthquake Weather // Scarecrow
Genre: Rock
Sounds Like: Weezer // Adam Green

VÖ: 21.03.2005

"Beck has remade Odelay – only not as good" titelte der NME und hat damit, zack, helga-stempel drauf, verdammtnochmal Unrecht. Erstens: Beck Hansens neues Album ist kein zweites Odelay. Zweitens: "Guero" kommt von der Qualität locker an "Odelay" heran, auch wenn es das ja gar nicht muss, weil es nämlich kein neues Odelay ist, wie wir ja eben schon festgestellt haben. Jawohl.

Hat der Autor sich erst mal von dem kräftigen Schlag erholt, der ihn ereilte, als er ob der Coolness der Vorabsingle "E-Pro" vom Stuhl gehauen wurde, kann er sich begeistert und mit dröhnender "Nana-nananana-nana"-Rotation im Schädel dem Rest des Albums zuwenden.

Gleich der zweite Track ist der nächste Höhepunkt. Hansen besingt in "Qué Onda Guero" seine Kindheit (er wuchs in einem Latin-Viertel in Los Angeles auf) auf eine sehr coole Art und Weise: die Instrumente scheinen mit sich selbst beschäftigt zu sein, der Refrain schwirrt wie ein kühler Wind an einem Sommertag durch die heiße Luft, spanische Zwischenrufe und ungewöhnlich anmutende Geräusche versetzen einen tatsächlich in ein lateinamerikanisches Viertel einer Großstadt. Das alles aber mit einer Gelassenheit, die den Track gerade so groß werden lässt – und einen neuerlichen Sturz vom Stuhl verhindert.

Gameboy is the new loud! Der dritte und vielleicht größte Song des Albums, "Girl", beginnt tatsächlich mit einem auf der Taschenspielkonsole programmierten Geblubbere. Die Gitarre setzt ein und spätestens beim Refrain weiß man, was man mit "Girl" im Ohr alles machen will: tanzen, knutschen, glücklich sein!

Der Autor könnte nun jeden weiteren Song einzeln besprechen – zu loben gäbe es genug –, zieht es jedoch vor, nun einmal den Blick über das Allgemeinere schweifen zu lassen (nicht ohne schnell noch zu sagen: wer schon immer mal die Ruhe vor dem Sturm hören wollte – Earthquake Weahter! Anhören! Sofort!). Beck hat also, wie eingangs schon festgestellt, kein zweites Odelay aufgenommen. Guero ist vielmehr eine ziemlich gute Pop-Platte, die mit tausenden Anleihen aus den verschiedensten Sparten, Genres und Zeiten spielt: da sind Streicher, hier sind Glöckchen, da blubbert und knarzt es, da werden wie gewohnt Samples verwurstet, hier klingt die Gitarre, als habe ihr Verstärkerkabel einen Wackelkontakt, da sprechgesangt Beck wie zu ersten "Loser"-Zeiten, da drumt das Schlagzeug mal elektronisch, mal handgemacht, hier schmeckt man eine Prise Country, da etwas Bossa Nova, et cetera.

Die Symbiose Beck/Dust Brothers (die Dust Brothers kümmerten sich hauptsächlich um die Beats, während Multitalent Hansen alle anderen Instrumente selbst einspielte) funktioniert auf dem Ergebnis ihrer ersten Kollaboration prächtig: Vor uns liegt eine tolle Frühlingsplatte (mit Aufstiegschancen zur tollen Sommerplatte). Der teilweise fehlende textliche Tiefgang ("nana nananana nana") wird durch eine vielfältige und wunderbare Instrumentalisierung mit großartigen Melodien mehr als ausgeglichen.

Nur Hits sind drauf!, möchte der (zugegebenermaßen auf den Kopf gefallene, siehe oben) Autor rufen, jedoch korrigieren wir ihn hier beschwichtigend: natürlich sind nicht nur Hits auf dieser Platte, sondern auch Überhits und Semihits. Alle aber wunderbar cool und entspannt aufgenommen und produziert. Guero, du und ich und der Sommer ... hach!

Carsten Roth

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