Rezension

Balmorhea

All Is Silent, All Is Wild


Highlights: Settler // Night In The Draw // Harm and Boon
Genre: Post-Rock
Sounds Like: Sigur Rós // Audiotransparent // Ef // Gregor Samsa // Godspeed You! Black Emperor

VÖ: 10.03.2009

„Postrock ist Rock, der nicht rockt“ wie oft schon wurde diese leicht spöttische Phrase unbekannter Herkunft schon benutzt, um viele Wesensmerkmale dieser Musikrichtung kurz anzureißen. Langatmige, überdimensionierte, komplizierte Stücke, die nur sehr wenige Musikfanatiker begeistern können. Selbst begeistern scheint hier das falsche Wort, ist der Klischeefan doch genauso wie seine Lieblingsmusiker eher introvertiert und zurückgezogen. Balmorhea aus den USA sind nach dieser Sichtweise keine Ausnahme, auch ihre Musik hat mit Rock so viel zu tun, wie Metal mit rosa-Poloshirt-Trägern. Allerdings ist diese Bezeichnung für Balmorhea eher Auszeichnung als Kritik, denn die Musik, die sie schaffen, spielt sich in ganz anderen Kategorien ab. Die Band verwendet klassische Instrumente nicht nur als Beimischung, nein, hier bilden Klavier, Violine und Cello das Grundgerüst der Musik, welche von Gitarre, Schlagzeug und diversen anderen Klangwerkzeugen begleitet wird.

Die ersten Sekunden versprechen jedoch puren Kitsch. Eine zigfach bekannte Klaviermelodie leitet „Settler“ ein, versprüht zwar Leichtigkeit, ist aber dennoch auf den ersten Blick zu sehr filmischen Momenten entlehnt, bei denen zwei Hauptpersonen liebend irgendwo herumtollen, was durch schwach wahrnehmbaren summenden „Gesang“ beider Geschlechter noch unterstützt wird. Ein klassisch instrumentalisierter Liebespopsong also. Nach knapp fünf Minuten vorbei. Oder auch nicht. Gefühlt ein Stück weiter geskippt, aber immer noch in Lied Nummer eins verharrend, entwickeln sich auf einmal neue Töne, fröhliches Klatschen und eine glückliche Stimmung, die Sigur Ros‘ „Gobbledigook“ locker in die Tasche steckt. Wiederum ein Klavier bestimmt die Einleitung von „Harm and Boon“, dieses mal allerdings eher in dunkle Töne gehaucht, die allgegenwärtige Violine als Hintergrundbegleitung. Nach zwei Minuten Ruhe folgt ein Ausbruch, der so typisch für Postrock ist, ohne allerdings draufloszubraten und mit Gitarre, Schlagzeug und Bass alles niederzureißen. Letzteren sucht man nahezu vergeblich auf „All Is Wild, All Is Silent“, helle Gitarren und Violinenklänge oder auch mal ein Banjo („Night In The Draw“) bestimmen vielmehr das Album.

Eine Eigenschaft, die immer wieder mitschwingt - in jedem der Stücke - ist die bereits erwähnte Leichtigkeit, mit der Balmorhea sich hier präsentieren. Sei es in „Elegy“ durch das einfache Zupfen einer Gitarre, sei es durch die romantische Geigenmelodie in „Remembrance“ – Balmorhea liefern hier den kompletten Gegenentwurf zu jener schwerebeladenen Dunkelheit von Bands wie Red Sparowes oder Godspeed You! Black Emperor und beweisen, dass Postrock nicht nur etwas für die dunkleren Monate des Jahres sein kann, sondern auch dazu im Stande ist, den anbrechenden Frühling dieser Tage zu vertonen.

Klaus Porst

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