Interview

Woog Riots


Sie ersteigern ihre ungewöhnlich genialen Instrumente bei Ebay und widmen ihre Aufmerksamkeit erst einmal einer Legende, bevor sie ihr eigenes Debütalbum zu Hause aufnehmen, und auch sonst sind die beiden kreativen Köpfe der Woog Riots aus Darmstadt mehr als liebenswert. Während sich das Weinheimer Café Central allmählich füllte, sitzen wir zusammen mit Silvana Battisti, Marc Herbert und den beiden Gastmusikerzwillingen Flavio und Fabrizio Steinbach an einem Tisch mitten im Club – ihre Stärkung für den Abend hatten sie gerade genüsslich verspeist – und plauderten. Von Sägen, Zahlen und Keyboards, die sie eigentlich gar nicht spielen können...

Euer Name setzt sich einem Badesee und dem aufständischen "Riot" zusammen. Was hat es damit auf sich?

Silvana Battisti: Da gibt´s diverse Geschichten. Eine, die wir ganz gerne erzählen ist, dass es 1968 Unruhen mit brennenden Autos in Darmstadt gab. Aber eigentlich steht "Woog" nur für das gemächliche, ruhige eines Badesees und Riot ist der Gegensatz dazu.

Marc Herbert: Nicht, dass jemand meint, wir machen nur Badesee-Sonnenschein-Musik. Wir vereinen die eine Seite, den Badesee, ganz nett und "Riot", die andere Seite, schon gucken was einen alles so stört.

Silvana: Und nur in Darmstadt sagt man "Wohg"-Riots, international sind wir die "Wuhg"-Riots.(lacht)

Wie kam es denn zur Gründung der Woog Riots?

Silvana: Das muss Marc erzählen, denn Marc ist der Gründer....(grinst)

Marc: Ich hatte eine andere Band namens Milton Fisher aus Darmstadt. Irgendwann war das ein bisschen leergelaufen und ich habe mir überlegt, dass ich auch gerne mal was mit anderen Leuten probieren würde. Ein paar Leute habe ich gefragt, so kam Silvana dazu. Sie kam sogar gleich mit Mikrofon an. Zu der Zeit gab es auch gerade die neue Platte der Moldy Peaches, mit dem wunderbar abwechselnden Gesang von Adam Green und Kimya Dawson. Darauf hatte ich auch Lust, mal mit einer Frau zu singen, also duettmäßig oder durcheinander, gegeneinander und miteinander, und das haben wir jetzt mal so ausgelost bei den Woog Riots.

Silvana: Man muss dazu sagen, am Anfang waren wir eine feste Fünferbesetzung und haben festgestellt, dass das zum Arbeiten nicht gut funktioniert hat. Mal konnten die einen nicht, mal die anderen nicht. Außerdem war es immer so, dass Marc und ich die Songs geschrieben haben. Vor anderthalb Jahren haben wir die Entscheidung getroffen, dass wir nur noch als Duo agieren wollen und dann lieber Gastmusiker dazuholen.

Also habt ihr die restlichen Mitglieder sozusagen rausgeschmissen?

Marc: Einer ist noch dabei. Mathias Hill spielt normalerweise bei der Rockformation Discokugel, und wenn er Zeit hat, bei uns Bass. Wenn er einen freien Tag hat, so wie heute, spielt Fabrizio Steinbach. Mathias kommt heute vielleicht auch noch.

Silvana: Als Gast.

Marc: Zu zweit können wir auch minimalistischere Songs machen. Wenn man immer fünf Leute im Proberaum stehen hat, die alle losrocken wollen, geht die Musik eben auch in eine solche Richtung, dass es immer nach einer vollen Band klingt. Wir haben dann festgestellt, dass uns das zwar auch gefällt, aber eben auch, was ganz Reduziertes zu machen. Damit beides geht, haben wir jetzt quasi die "Kern"-Woog Riots mit zwei Personen, und wenn wir mehr brauchen, spielen Freunde mit uns.

Silvana: Also du kannst uns als Zweiershow sehen, als Dreier-, Vierer-, oder wie damals in Darmstadt bei unserer CD-Release Party als 14er-Show.

Wie koordiniert ihr diese ständig wechselnde Formation?

Marc: Die Songs sind schon mal nicht so schwierig, jeder kann, wenn er die Akkorde weiß, einfach mitspielen. Mit Flavio und Fabrizio (die heute im Café Central Bass und Schlagzeug übernehmen und sonst in ihrer eigenen Band namens Crashing Dreams spielen. Anm. d. Red.) haben wir schon 2 bis 3 Monate nicht mehr gespielt. Wir haben uns gerade heute Mittag im Proberaum noch mal getroffen und alles zusammen gespielt, und jetzt spielen wir´s heut Abend.

Silvana: Weil wir so viele haben, ist es schon so, dass wir uns vorher überlegen, welcher Part derjenige übernehmen kann, das wird dann kurz vor dem Gig noch mal geprobt. Wir sagen dann schon ´zu dem Song könnte man dies und das spielen`. Da haben wir schon die Visionen und setzen das dann gemeinsam mit den Gastmusikern um.

Auf eurer Release Party waren auch zwei Kinder mit auf der Bühne...

Silvana: Genau. Meine Tochter und Marcs Nichte, beide zehn Jahre alt, haben auch mitgemacht. Marcs Nichte ist Woog Riots Fan, meine Tochter eher nicht so, den einen Song fanden sie allerdings beide gut und haben gerne mitgemacht.

Marc:: Das ist der Song "Martial Arts", den singen sie auch auf der Platte mit.

Bevor ihr euer erstes Album aufgenommen habt, habt ihr einen Tribute Sampler für The Fall zusammengestellt. Was für eine Verbindung habt ihr zu dieser Band?

Silvana: Ich habe The Fall immer sehr gerne gehört und fand es unglaublich, dass Mark E. Smith immer mit neuen Musikern gespielt hat, weil er sie immer gefeuert hat, aber er war stets der kreative Kopf. Das fand ich ziemlich beeindruckend. Hinzu kam, dass eine Freundin von mir, Barbara Manning, einen Song über Mark E. Smith geschrieben hatte. Ich fand es lustig, dass es Bands gibt, die Songs über The Fall schreiben und deren Songs nicht einfach nur covern. Das war bei mir der Auslöser.

Marc: Ein anderer Song ist von Tocotronic "Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith". Unser Bassist kennt eine Band aus London. I, Ludicrous, ebenfalls auf dem Sampler vertreten, die gerade frisch einen Song gemacht hatten, der "I´ve never been hit by Mark E. Smith" heißt. Also hatten wir schon drei Songs über The Fall und dachten, wir müssen einfach einen Sampler zusammenstellen, da fehlt ja nicht mehr viel. Wir haben E-Mails rund um den Globus verschickt und so viele Antworten von Leuten, die mitmachen wollten bekommen, dass es am Ende sogar eine Doppel-CD geworden ist.

Silvana: Wir haben auch die Strokes und die White Stripes angeschrieben. Es kamen aber nur Absagen, weil The Strokes wohl noch nie etwas von The Fall gehört haben und die White Stripes gerade im Studio waren um ihre Platte aufzunehmen.

Marc: Die mussten ihre Platte mit dem großen Hit aufnehmen. "Seven Nation Army"

Silvana: Der Sampler war schon ein Arbeitsaufwand von zwei Jahren, deswegen haben wir unsere eignen Projekte auch alle zurückgestellt.

Euer deshalb erst später erschienenes Debütalbum "Strangelove TV" entstand bei Marc zuhause. Was hält euch davon ab, im Studio aufzunehmen?

Marc:: Ein paar Songs auf der Platte sind tatsächlich im Studio aufgenommen worden. Es war aber einfach zu teuer, wir konnten es uns nicht leisten, dauernd für ein paar Hundert Euro ins Studio zu gehen, und haben uns Home Recording angeschafft. Wir haben dann auch gemerkt, dass wir ganz neue Möglichkeiten haben. Im Studio läuft die Zeituhr eben wie im Taxi, und das kostet. Man kann nicht so schön rumprobieren. Zuhause haben wir den halbfertigen Song und können wochenlang irgendwelche Keyboards ausprobieren, die wir eigentlich gar nicht spielen können. Mit den einzelnen fertigen Spuren sind wir dann letztendlich nach Hamburg ins Studio zu Tobias Levin gefahren, der auch Blumfeld und Kante gemischt hat. Er hat dem Ganzen den amtlichen Sound gegeben.

Auf eurer Single King Of Pop habt ihr einen Song gecovert. Wieso gerade Adam Green´s "Friends of Mine"?

Silvana: Weil wir die Platte großartig fanden. Wir sind beide große Moldy Peaches Fans und haben dann auch Adam Green verfolgt. Wir saßen bei Marc zu Hause und haben die ganzen Songs probiert.

Marc: Wir hatten uns gerade dieses Home Recording Teil neu gekauft, das hat ungefähr die Größe eines Videorekorders, und dann wollten wir halt mal probieren wie das so geht. Wir dachten uns wir spielen mal was nach, haben kurz überlegt, und dann hieß es "lass uns Adam Green aufnehmen". Der ist dann überraschend gut geworden. Dann haben wir die Säge dazu ausprobiert.

Silvana: Stimmt, das war eigentlich das erste Werk, was wir mit Home Recording gemacht haben. Natürlich kannst du Sachen leichter ausprobieren, wenn du was nachspielst.

Du erwähntest gerade die Säge, wo habt ihr all die ungewöhnlichen Instrumente wie die singende Säge, das Omnichord und das Stylophone her, die sich bei Auftritten vor dir türmen?

Silvana: Das ist mein Faible. Ich finde analoge Geräte sehr spannend und durchforste Ebay regelmäßig nach solchen obskuren Geräten und habe das meiste tatsächlich ersteigert. Auf die Säge bin ich durch meine beste Freundin gekommen, die ebenfalls Säge spielt und irgendwann Fabrizio angesteckt hat. Also bin ich bei uns in den Hornbach, habe mir eine kleine Haushaltssäge gekauft und stellte fest, dass da tatsächlich Töne rauskommen. Dann habe ich mir eine richtige Musiksäge gekauft. Nennt sich auch Stradivarius und ist etwas weicher als die normalen Sägen.

Das stell ich mir sehr schwer vor...

Flavio: Du kannst tongenau Tonleitern rauf- und runterspielen

Silvana: Wenn du gut bist (lacht). Marlene Dietrich war eine große Sägespielerin zum Beispiel.

2003 wurden eure Songs auf Sampler in Kanada und den USA veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Marc: Der erste Kontakt war eigentlich eine Newsgroup der britischen Band TV Personalities, in der Fans weltweit vernetzt werden. Ich hatte für meine alte Band einen Song über den Sänger dieser Band geschrieben, weil dieser mal für drei Jahre verloren gegangen ist. So wie Syd Barrett von Pink Floyd. Den Song hab ich ins Internet gestellt, die Leute aus dieser Newsgroup haben das entdeckt, es hat sich rumgesprochen und dann kamen Angebote.

Silvana: Netzwerke sind für uns sehr wichtig, sodass wir viele Musiker weltweit kennen, dass der Kontakt steht und wir teilweise eingeladen werden, mit ihnen zu spielen.

Was macht ihr, wenn ihr gerade keine Musik macht?

Silvana: Wir haben beide Teilzeitjobs, weil die Musik schon eher das Wichtigere ist.

Silvana, du hast Familie. Wie managest du das Touren? Zur Zeit seid ihr ja in ganz Deutschland unterwegs.

Silvana: Ich habe das große Glück, sämtliche Großeltern in der Umgebung zu haben, die dann meine beiden Kinder, einen Sohn und eine Tochter, hüten.

Auf eurer Platte gibt es einen Song namens "347". Auf eurer Bandhomepage gibt es ebenfalls ein Foto mit dieser Zahl. Irgendwie mysteriös...

Silvana: Marc und ich sind irgendwann mal durch Darmstadt gezogen, wo viele Plakate hingen, unter anderem unsere eignen. Aber nur auf unseren war dieser Aufkleber mit der "347". Wir fragten uns, was dann denn nun soll. Das war bestimmt eine Verschwörung. Wir haben dann im Internet 347.com eingegeben und rausgefunden, dass das die Homepage eines Informatikers ist. In unserer damaligen Besetzung gab es ebenfalls zwei Informatiker. Ich hab dann weiter gesponnen und raus kam dieser Song.

Was läuft zur Zeit in euren Cd-Playern?

Silvana lacht überrascht

Marc: Wir interessieren uns immer für die Neuerscheinungen. Gerade gestern habe ich einen großen Fehlkauf getätigt, ich habe mir die Kooks gekauft. Ich war leider etwas enttäuscht, wirkt irgendwie plattgebügelt. Clap Your Hands Say Yeah! fand ich ganz gut dieses Jahr. Die neue Adam Green natürlich auch.

Silvana: Ich höre tausend verschiedene Sachen, was hab ich mir denn gekauft? (grübelt und lacht)

Marc: Architecture in Helsinki?

Silvana: Architecture in Helsinki gefällt mir gut, ja. Die Infadels auch. Broadcast, zwei Lieder (lacht)

Marc: Dann haben wir den Antifolk ganz gerne. Jeffrey Lewis zum Beispiel. Mit ihm haben wir schon zwei, drei Mal gespielt, und Herman Dune aus Paris.

Was ist denn nun eigentlich der genaue Unterschied zwischen Antifolk und Folk?

Silvana: Antifolk ist eigentlich eine Bewegung, die es nur in New York gibt. Dort gibt es das Sidewalk Café, mit diesem Typ, der Lach heisst, der lauter Bands um sich gescharrt hat.

Marc: Die New Yorker Szene ist ein bisschen durchgeknallter würde ich sagen.

Silvana: Es ist auch etwas rauer als der normale sanfte Folk á la Bob Dylan. Es können auch punkige oder poppige Anteile drin sein. Es ist überhaupt nicht festgelegt, dass es nur Gitarrenfolk zu sein hat.

Wieder was gelernt! Wir bedanken uns für das Interview, viel Spaß gleich auf der Bühne!

Silvana: Danke auch!

Stefanie Graze, Ramona Krause

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Rezension zu "Pasp" (2008)
Interview (2008)

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