Interview

The Bronx


Gerade vom indischen Restauarant um die Ecke zurückgekehrt, lädt The Bronx' Frontsau Matt Caughtrain im Ruheraum des Tourbusses zum Interview. Während diesem trinkt er drei Biere, auf einer Couch gegenüber liegt Gitarrist Joby Ford, dessen glasiger Blick verrät, dass er seinem Bandkollegen sogar schon um ein paar Flaschen voraus ist. Die Stimmung stimmt. Und Matt zeigt sich äußert redselig.

Erstmal zur neuen Platte. Für mich klingt sie so, als ob ihr mit dem Können, das ihr mit dem zweiten Album erworben habt, eine Punk-Platte – wie euer Debüt – geschrieben habt. Siehst du das auch so? Und falls ja, war das ein bewusster Vorgang oder wie ist es passiert?

Matt Caughtrain: Das ist eine gute Erkenntnis. Das ist etwas, das ganz natürlich passiert: Wenn du eine Platte aufnimmst, lernst du immer etwas Neues. Mit unserer zweiten Platte haben wir vor allem gelernt, wie man Songs besser strukturiert. Und ich denke, dass wir dieses Wissen definitiv auf die neue Platte angewandt haben. "III" ist ein Mix aus der ersten und der zweiten Platte. Sie hat dieses typische Bronx-Feeling, weil wir sie bei uns zu Hause aufgenommen haben. Die Sache ist aber, dass du Wissen, wenn es unbewusst erworben wurde, nicht löschen kannst. Die dritte Platte musste also gewissermaßen so klingen, wie sie es jetzt nun mal tut.

Viele Leute fanden euer zweites Album, das ihr beim Major Island veröffentlicht habt, bei Weitem nicht so gut wie euer Debüt. Jetzt seid ihr mit dem dritten wieder auf White Drugs - eurem eigenen Label - gelandet. Fühltet ihr euch durch diesen Druck des Majors beeinflusst und mit dem zweiten Album zu weit von euren Wurzeln entfernt?

Matt: Dieser Einfluss kam gar nicht mal direkt von Island, sondern vielmehr von uns selbst. Wir wollen nie dieselbe Platte zweimal aufnehmen. Und mit dem zweiten Album wollten wir einfach etwas machen, das viel größer war als das, was wir zuvor gemacht haben. Außeneinfluss spielte auch eine Rolle, weil wir eben plötzlich auf einem Major-Label waren. Aber wir können alle geschlossen behaupten, dass sich dieser wirtschaftliche Aspekt nicht auf das Songwriting ausgewirkt hat. Wir haben einfach versucht, mit unseren eigenen Erwartungen zu wachsen und alles besser zu machen als bei "I". Ich denke der Sound des zweiten Albums, Songs wie "White Guilt" und "History's Stranglers", ist am Meisten bedingt durch unsere eigenen Erwartungen.

In euren ersten Major-Vertrag seid ihr ja quasi hineingestolpert...

Matt: ...stolpern ist das richtige Wort! (lacht)

Im Nachhinein: denkst du, das ging alles zu schnell?

Matt: Das wird dir jeder in der Band wohl unterschiedlich beantworten. Und das liegt auch daran, dass jeder von uns - wirklich jeder - schon wirklich lange Musik macht. Für keinen von uns ist The Bronx seine erste Band. Es ging für The Bronx sicherlich zu schnell, aber nicht für uns als Einzelne. Komisch war es trotzdem: Du fängst eine neue Band an, die Chemie zwischen den Leuten ist super, du schreibst Songs, die wirklich klasse sind und an denen du Spaß hast. Und drei Monate später sitzt du am Tisch mit einem Manager. Verdammt, ich hatte vorher noch nie einen Manager, nicht mal mit einem geredet! Und weitere drei Monate danach sitzt du wieder am Tisch, diesmal mit einem Plattenlabel. Das war irrsinnig. Aber das passt genau zu dem, was The Bronx ausmacht: Diese Band diktiert sich selbst. Das mag oft im Chaos enden, aber genau das ist der entscheidende Faktor dieser Band. Und weil das so ist und schon immer so war, ist diese Band heute dort, wo sie ist.

Und zwar auf White Drugs, eurem eigenen Label. Hatte Euch Island sehr unter der Fichtel, so dass ihr euch jetzt befreit fühlt?

Matt: (überlegt) Nun, das ist schwierig. Wir wurden nicht so sehr kontrolliert, aber es war immer eine eigenartige Beziehung. Wie ein kleiner, armer Junge, der - Gott weiß wie - für zwei Monate mit diesem reichen, heißen Mädel zusammen war. Und sie denkt: "Naja, er sieht echt gut aus." Oder: "Er ist ein Sexgott". Und irgendwie war es ein cooles Paar. Die Zeit, so kurz sie auch war, war heiß, aber auf Dauer hatte die Beziehung keine Chance gehabt.

Vielleicht, weil das Mädel den Jungen in etwas verwandeln wollte, das er nicht war?

Matt: Ja, absolut. Aber wir empfinden die Zeit mit Island wirklich nicht negativ. Im Leben geht es ums Lernen aus Erfahrungen und das Beste aus dem zu machen, was du bekommst. Und Island hat uns super behandelt: Sie halfen uns zum Beispiel, einen Van zu ergattern und schickten uns auf toll organisierte Touren. Aber auf einigen Ebenen - meistens die, in der es direkt um den künstlerischen Aspekt ging - verstanden sie uns nicht hundertprozentig. Als wir das erkannten, wussten wir, dass es besser sein würde, die Sache zu beenden. Es war gut, es war manchmal auch schlecht, aber jetzt fühlen wir uns wohl damit, wieder auf eigenen Füßen zu stehen.

Seid ihr euch eigentlich darüber im Klaren, dass euer zweites Album bei den Fans eine Art "Back-to-the-roots"-Diskussion ausgelöst hat? Ich meine, letzten Endes dürften alle, die sich genau darüber beschwert haben, mit der neuen Platte ja zufriedengestellt sein.

Matt: Nein, das ist mir jetzt neu. (überlegt) Dass die zweite Platte so geworden ist, ist nicht aus einer Diskussion entstanden, das passierte ganz unterbewusst. Wir reden nie über Erwartungen oder was passieren soll. Es fängt eigentlich immer auf dieselbe Art und Weise an, wenn wir eine Platte schreiben: Wir schreiben erstmal so zehn bis zwölf Songs. Zwei davon sind Punk, zwei sind Hardcore, zwei sind Rocksongs, zwei davon sind verrückter Scheiß und so weiter. Und dann gibt es irgendwann diesen einen Song, den wir so sehr mögen, dass er den Rest der Platte bestimmt. Eine Art Schlüsselsong. Für die neue Platte war das "Knifeman" - da dachten wir uns: okay, erforschen wir diese Richtung einmal genauer.

Habt ihr aus dieser Position heraus euer Mariachi-Nebenprojekt "El Bronx" gegründet? Um neuen Ideen einen eigenen Spielplatz zu bauen? Oder könnte man das mit einer gespaltenen Persönlichkeit vergleichen? Also hat gewissermaßen The Bronx über die Jahre einige Charakterzüge entwickelt, die letztendlich so stark wurden, dass sie sich abgespalten und verselbständigt haben und jetzt als eigene Persönlichkeit isoliert von The Bronx existieren?

Matt: Als eine gespaltene Persönlichkeit würde ich das nicht bezeichnen. The Bronx hat ein gewisses Element, das sicherstellt, dass die Leute ständig damit rechnen müssen, dass etwas Unerwartetes passiert. Und dieses Element ist jetzt El Bronx. Ich denke nicht, dass El Bronx, die eine andere Seite von The Bronx sein wird. (überlegt)...oder um ehrlich zu sein: ich weiß es nicht. Es könnte sein. Es könnte auch sein, dass El Bronx nur eine einzige Platte wird, die The Bronx gemacht haben, weil sie mal Lust auf etwas Anderes hatten. Wir versuchen immer, uns neu zu erfinden und Dinge anders zu machen. Das zweite El-Bronx-Album kann dann auch komplett anders klingen als das erste. In dieser Band planen wir nicht, Dinge sollen einfach passieren, denn sie können sich ja auch einfach über Nacht ändern. Und das ist schwer vorherzusehen.

Aber ihr geht mit El Bronx auf jeden Fall auf Tour?

Matt: Oh ja! Auch durch Europa. Die Platte wird überall auf der Welt erscheinen, deswegen versuchen wir, auch überall mit ihr zu touren.

Ist El Bronx auch ein Ausdruck eures Humors, der sich ja zweifellos auch in The Bronx finden lässt?

Matt: Also wir sind natürlich lustige Leute, Partydudes, aber unser Humor findet sich viel stärker in The Bronx als in El Bronx. El Bronx ist uns wirklich ernst. Wir wollten da keinen Humor miteinfließen lassen, weil viele Leute es dann als Witz verstehen würden. Humor ist natürlich in den Lyrics vorhanden, aber das Projekt an sich ist keine Verarsche, es soll nicht belächelt werden.

Woher kam eigentlich diese Idee, die neue Band zu gründen?

Matt: Das war komplett Jobys Idee. Wir haben mal ein Akustik-Set im Fernsehen geplant, wo wir ein bisschen mit "Dirty Leaves" in einer Mariachi-Version herumgespielt haben. Daran hatten wir sehr schnell einen Heidenspaß. Und dann ging es drunter und drüber, die Songs strömten aus Joby und mir nur so heraus. Wir wurden immer schneller und hatten schnell 16 Songs zusammen. Das war dann das Basismaterial für El Bronx. Die anderen haben sich dann die Sachen angehört und improvisiert. Auf einmal war es ein Gruppenprojekt. Dazu da, einfach nur Spaß zu haben und der Kreativität freien Lauf zu lassen.

Ja, der Ansatz ist wirklich interessant. Es gibt auch äußerst wenige Bands, die so etwas einmal probiert haben. In der Regel beginnen die einzelnen Mitglieder ja mit Soloprojekten...

Matt: Das ist wahr. Der Unterschied ist bei uns, denke ich, dass wir unsere Egos nicht füttern müssen. Viele Bands reden darüber, anders zu sein, sind es aber nicht. Es ist alles nur Gelaber, denn sie haben eigentlich nicht die Eier, wirklich einmal aus sich heraus zu gehen und etwas völlig anderes zu machen.

Was euch ja von anderen Rockbands unterscheidet, ist das Element Wut. Aber in eurem Fall ist es wiederum eine positive Wut, findet ihr nicht?

Matt: Ja, bei uns ist Wut mehr eine Grundlage für Veränderung. Sie kommt aus einer Verärgerung, die so stark ist, dass du die Dinge, über die du dich ärgerst, verändern willst. Und die Wut ist dieser entscheidende Funke, der die Zündschnur zum Anpacken, zum Verändern entflammt. In dieser Hinsicht ist unsere Wut positiv.

Welche eurer Platten fängt diese Energie deiner Meinung nach am besten ein?

Matt: Das ist nicht einfach. Es gibt spezielle Songs auf jeder Platte, bei denen das der Fall ist. "History's Stranglers" und "Shitty Future" auf "II", "Heart Attack American", "Notice Of Eviction" "White Tar" und "Strobe Life" vom Debüt, zum Beispiel. Und auf der dritten "Knifeman", "Digital Leash" und "Past Lives". Es gibt immer einzelne Songs, zu denen die Leute richtig durchdrehen.

Gab es denn schon Shows, bei denen alles über die Stränge lief und ihr nur dachtet: "Oh, mein Gott...das ist zu viel."?

Matt: Ja, klar. Und genau dann wird es richtig gut. Es gibt hier in Hamburg zum Beispiel diesen einen Typen, der durch den Club läuft und jeden küsst. Der ist heute auch hier, ich hab' ihn vorhin schon gesehen. Aber das ist cool. Je wahnsinniger die Show, desto besser.

Ihr seid gerade auch wieder einmal lange auf Tour. Habt ihr bei euren energiegeladenen Liveshows manchmal Probleme, jeden Abend Vollgas zu geben? Wie du sagtest, seid ihr schließlich Partydudes.

Matt: (lacht) Wir kommen damit schon zurecht. Was es immer wieder lustig macht, ist, dass nichts choreografiert ist oder so. Außer alles, was Joby tut, natürlich...

Joby Ford: (verwirrt) Entschuldigung, ich bin eingeschlafen.

Matt: (lacht) Also echt jede Bewegung von ihm ist vorher durchgeplant, das ist echt ätzend. In der Hinsicht geht's uns also gut...solange den Leuten eben nicht der Kitsch-Mist von Joby auffällt.

Joby: Matt macht auch jeden Abend den selben Sprung von der Bühne, hör' nicht auf ihn! Ach, und ganz vertraulich: Er ist ein beschissener Sänger. (lacht)

Könnt ihr Euch denn vorstellen, nochmal eine Platte so wie euer Debüt live einzuspielen?

Matt: Ja, sehr gern sogar. Das zweite Album haben wir auch live eingespielt. So funktioniert diese Band einfach am Besten. Alle im selben Raum und dann drauf los.

Die Fans der Band fehlen in dieser Gleichung natürlich nicht. Wenn Matt eine halbe Stunde später voller Freude ins Publikum springt und kräftig im Pogo-Pit mitmischt, dann könnte man sogar behaupten: Sie lösen diese Gleichung überhaupt erst. Wie viele von ihnen sich anschließend noch mit der Band besoffen haben, ist nicht überliefert. Dass die Band voll war allerdings schon. Naja, zumindest kann man davon ausgehen. Denn ihre Liveshows verraten: die Bezeichnung Partydudes trifft den Nagel auf den Kopf.

Gordon Barnard

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