Interview

Suuns


Suuns sind Pseudo-Intellektuelle und betrachten die Zukunft aus der Vergangenheit. Das behaupten nicht wir, sondern Sänger Ben Shemie. Zu unserer Freude zeigte er sich beim Phono Pop Festival absolut im Rede-Flow!

Ein Blick auf euren Tourplan offenbart ja echt Stressiges: Heute Deutschland, morgen Belgien, übermorgen ein Konzert in der Schweiz, dann gleich Italien. Selten wart ihr auf einer ausgedehnteren Tour. Euch geht’s aber allen gut?

Ben: Klar, man gewöhnt sich dran, weißt du. Viele Leute helfen einem, die Tour sehr angenehm zu gestalten. Du kommst in eine Art Rhythmus und so vergisst du die stressige Seite des Ganzen recht schnell. Außerdem ist das Touren echt aufregend. Vor allem tourt es sich in Europa wirklich entspannter als beispielsweise in den Staaten. Nicht nur von den Entfernungen her, sondern auch das Essen ist besser, die Leute sind cooler, ...

In einem früheren Interview erwähntest du mal, dass dein absolutes Lieblingskonzert in Paris stattgefunden hat.

Ben: Ja, die Shows in Paris tendieren immer dazu, sehr gut zu sein.

Was macht Paris so besonders?

Ben: Die erste Show, die wir in Paris gemacht haben, war gleichzeitig unser erstes Konzert in Europa überhaupt, der Laden war unmittelbar ausverkauft, es war alles ziemlich anders als alles davor und es war am Ende einfach eine total verrückte Show. Seither sind die Konzerte dort immer größer und größer geworden und Paris wurde zum aufregendsten Ort für uns als Band. Es ist schlicht besonders für uns persönlich, aus welchem Grund auch immer.

Bedienst du dich ausgefeilter Techniken, um zwischen den Konzerten mal runterzukommen?

Ben: Es hängt ganz davon ab, wann und zu welcher Zeit du die Konzerte spielst. Jetzt beispielweise im Sommer sind wir auf zig Festivals, es gibt kaum Zeit und ständig bist du von so vielen Dingen umgeben oder wirst durch so vieles stimuliert, dass es meist schwer wird, einen Ort zu finden, an dem du mal für dich bist. Weißt du, es gibt manchmal Shows, die laufen nicht so, wie man sich das vorstellt und dann gibt es wieder solche, die alle Erwartungen übertreffen, dass du vor lauter Adrenalin nachts nicht einschlafen kannst. Für gewöhnlich trink ich aber auch sehr viel und ständig.

Wenn wir schon gerade bei Festivals sind: Letztes Jahr hattet ihr ja die Möglichkeit, ein eigenes Festival zu kuratieren.

Ben: Wir spielten an diesem Venue ein Jahr zuvor und nach dem Konzert kam der Typ, dem der Laden gehört, auf uns zu und fragte uns, ob wir dieses Festival-Ding nicht machen wollen. Keine Ahnung, ob er das aus einer Laune heraus tat oder vielleicht, weil er dachte, dass wir ja vielen Musikrichtungen gegenüber offen und deshalb besonders geeignet sind. Der Typ war nett, der Vibe passte und wieso soll man sich so eine Möglichkeit entgehen lassen? Ich meine, wir hatten das fucking großartigste Line-Up ever! Ehrlich gesagt, fühlten wir uns verdammt privilegiert. Und irgendwie wurde es auch das Festival, auf das wir schon immer selbst gerne gegangen wären. Es war perfekt. Nicht zu groß und einfach nett. Vor allem konnten wir die ganzen Bands aussuchen und mussten nicht die ganze Kack-Arbeit, das Technische oder Organisatorische machen. Wir hatten den besten Job!

Ein anderes Festival, das ja immer von irgendwem kuratiert wird oder – man muss ja leider sagen – kuratiert wurde, ist das All Tomorrow's Parties Festival, auf welches ihr von The National eingeladen wurdet. Gibts irgendeine besondere Beziehung zwischen Suuns und The National?

Ben: Wie soll man das beschreiben? Wir kennen The National überhaupt nicht persönlich. Ich glaube, der Schlagzeuger hat uns mal in Brooklyn spielen sehen vor einigen Jahren und wahrscheinlich hat sich da ein Gespräch von Drummer zu Drummer ergeben oder so. Naja, bis heute hab ich die eigentlich nie kennengelernt. Aber es war cool und wie zuvor schon gesagt war es auch hier etwas sehr Ehrwürdiges, eingeladen zu werden. Ich kenne die Typen zwar nicht und woher und wie sie uns kennen, aber vielleicht erging es ihnen ja auch wie in unserem Fall, als wir die Bands raussuchen durften. Die wenigsten Bands kannten wir persönlich, sondern mochten ganz einfach die Musik und ich hoffe, dass das im Fall von The National auch so war (lacht).

So, genug über Shows und Touren gequatscht. Reden wir über euch als Band! Euer Debütalbum „Zeroes QC“ hat euch vor ein paar Jahren einen ganz schönen Sprung nach vorne katapultiert, obwohl du mal meintest, dass du gerade in der Anfangszeit Suuns selbst nicht wirklich als Band verstanden hast. Wie darf man das denn verstehen?

Ben: Ja, ich weiß, worauf du hinaus willst. Wobei das beim ersten Album schon anders war, da wir bereits drei Jahre zusammen gespielt hatten, ehe das Album rauskam. Gerade in der Anfangszeit und als wir unsere ersten Songs geschrieben haben, war alles noch sehr lose, vage und sowas wie eine feste Band waren wir zu der Zeit einfach nicht, weil wir es auch nicht ernsthaft in Erwägung gezogen haben, eine feste Band zu sein. Wir waren mehr ein loses Kollektiv und erst nach und nach haben sich feste Mitglieder herausgebildet.

Und die Mitglieder, die dann letztlich dabeigeblieben sind? Die Produktion eurer Platten war schon mit dem Debüt sehr professionell und vielleicht auch ein bisschen ambitioniert. Wie erklärt sich das? Habt ihr beispielsweise eine professionelle Musikausbildung?

Ben: Ja, einige von uns sind auf eine Musikhochschule gegangen, aber nicht alle haben dort auch einen Abschluss gemacht und einer von uns hat nichts dergleichen gemacht. Und wir schreiben unsere Songs schon selbst. Aber gerade von der Produktionsseite unserer Musik und da vor allem der technische Aspekt des Produzierens haben wir nicht wirklich eine Ahnung. Das ist eher Jaces Sache (Jace Lasek von Besnard Lakes, Anm. d. Red.), der unsere Alben bisher produziert hat. Wobei wir sehr pedantisch dabei sind, unsere ziemlich genauen Vorstellungen umzusetzen oder diese von ihm umsetzen zu lassen. Ich glaube, dass die Platte professionell und gut klingt, hat daher weniger mit unserer musikalischen Ausbildung zu tun, sondern eher mit dem Verständnis und dem Gehör von Jace und unseren klaren Vorstellungen, wie etwas genau klingen soll.

Und wie hat sich dabei eure eher düstere Musik und euer Verständnis von Ästhetik herausgebildet?

Ben: Ganz am Anfang war irgendwie recht klar die Situation gegeben, dass eine Person das Heft in die Hand nehmen musste, was in dem Fall mein Part war. Ich sagte, das ist die Musik, die ich gerne machen möchte. Wir alle fingen an, Songs in diese bestimmte Richtung zu schreiben und wahrscheinlich entwickelte sich daraus dann letztlich unser Sound, unser Klang. Vielleicht haben wir einen bestimmten Teil bereits ganz am Anfang festgelegt und daraus entwickelte sich dann mehr, bis wirklich jeder damit zufrieden war, was wiederum wirklich eine lange Zeit in Anspruch genommen hat. Viele unserer Songs sind sehr minimalistisch, so würde ich sie zumindest beschreiben. Es ist das, was sich insgesamt für die Band durchgesetzt hat. Und wir reden sehr viel über Musik, über das, was uns gefällt und was uns nicht gefällt, aber wir reden nicht über eine bestimmte, generelle Richtung, in die sich unsere Musik bewegen sollte, sondern eher über Details.

Bevor wir gleich über euer zweites Album „Images Du Futur“ sprechen: ich fand damals die vorangegangene EP sehr spannend, auf der u.a. eine andere Version von „Red Song“ zu finden war, der später trotzdem aufs zweite Album mit aufgenommen wurde, auf der EP aber um einiges experimenteller und etwas unzugänglicher war. Swans sind ja ein Einfluss, den ihr gerne benennt (Swans spielten natürlich auch auf zuvor genanntem Festival, Anm. d. Red.), aber im Gegensatz zu deren experimentellem Geist heißt es bei euch oft, eure Musik soll kalkulierbar und berechenbar bleiben. Wie passt das zusammen?

Ben: Ich habe davor ja schon gesagt, dass wir häufig über Details in unserer Musik sprechen und ja, es ist kalkuliert im gewissen Sinn und alles geschieht absichtlich und bewusst. Wir sind eine sehr prozessorientierte Band, weswegen es bei uns auch sehr lange dauert, bis etwas endgültig fertiggestellt ist. Davor spielen wir Dinge erstmal endlos oft live. Das ist das Kalkulierbare an unserer Musik und auf gewisse Art macht das unsere Musik etwas pseudokünstlerisch und pseudointelligent. Es hat also nichts mit Improvisation zu tun, weil eben alles bewusst geschieht, abgesehen davon, dass Ideen natürlich spontan überhaupt erst aufkommen. Wir gehen aber sehr bewusst mit diesen Ideen um, entwickeln diese weiter, so dass man es beinahe schon als konzeptionell bezeichnen könnte.

Ich meinte in erster Linie auch, dass ihr stets versucht, zugänglich zu klingen, also zumindest definitiv zugänglicher als beispielsweise Swans.

Ben: Ich bin der Meinung, dass wir zugängliche Musik machen. Ich meine, Swans sind auf bestimmte Art ein Extrem. Sehr laut, sehr repetitiv. Ich liebe das, aber das ist und bleibt deren Sache. Wir sind nicht ganz so „weit draußen“ wie sie es sind. Aber es gibt definitiv Dinge in ihrer Musik, denen wir nacheifern, um sie auf unsere eigene Art und Weise umzusetzen. Wahrscheinlich ist unsere Musik nicht die Art von Musik, die kommerziell erfolgreich und populär sein kann, weil es wohl etwas zu schräg und – wie ich sagte – pseudointelligent ist. Und obwohl ich das sage, denke ich zur selben Zeit nicht, dass unsere Musik unzugänglich wäre. Wir versuchen nicht, es unnötig verschachtelt und schwergängig zu gestalten. Das wiederum soll hoffentlich nicht heißen, dass wir nicht auch im gewissen Maß herausfordernd für den Hörer sind. Aber es soll eben mehr sein als ein einziger abgefahrener Trip.

Und beim zweiten Album war nichts anders?

Ben: Es hat sich insofern ein bisschen was verändert, als dass es kollaborativer als davor war. Jeder hat etwas mehr Input geliefert, es war eine rundere Sache insgesamt als noch beim ersten Album. Es gab beim zweiten Album vielleicht etwas mehr Druck, höhere Erwartungen von anderen, aber auch von einem selbst. Beim Debüt hatten wir einfach „null“ Druck (Albumtitel „Zeroes QC“, Anm. d. Red.), insofern muss alles andere mehr Druck bedeuten. Man weiß einfach, dass es da draußen Leute gibt, die dein Album hören werden, beim ersten war das noch anders. Das ist natürlich gut, aber auf der anderen Seite: Bei „Zeroes QC“ waren wir sehr naiv und es ist schon etwas schade, dass es nie wieder so sein wird. Wenn du etwas derart naiv angehst, kümmerst du dich einfach um gar nichts, scherst dich nen Dreck um irgendwas. So entstehen denke ich die wirklich großen Werke. Beim zweiten war das schon anders, es war – um das erneut zu sagen – kalkulierter. Wir haben jetzt vielfach live gespielt und haben einen realistischeren Blick auf das, was das Musik-Business bedeutet und mit sich bringt. Und das beeinflusst auf jeden Fall die Musik, die du machst. Für mich ist es schon etwas eine Schande. Ich wäre gern nochmal da, wo ich einfach noch über nichts Bescheid wusste. Naja, ich versuche so gut es geht, das Ganze als einen langen Prozess zu verstehen, der mich zu neuen Songs, einer neuen Platte führt. Ich versuche nicht, einzelne Platten als etwas „Definierendes“ zu verklären, etwas, das eine Art Meilenstein in meiner Karriere bedeuten soll oder so, sondern, das Gesamtwerk als etwas sich Entwickelndes. Das ist natürlich leichter gesagt, als es sich anhört. Heutzutage kommen und gehen so viele Bands von heute auf morgen, was auch sehr verständlich ist, weil es schließlich so viel Musik da draußen gibt. Für mich ist es aber interessanter, Bands zu verfolgen, die sich etablieren konnten, weil du daran eine Entwicklung verfolgen kannst. Das finde ich spannend.

Das zweite Album „Images Du Futur“ zeichnet ein eher düsteres Bild der Zukunft, meiner Meinung nach. Sieht die Zukunft von Suuns wenigstens rosiger aus?

Ben: Ich glaube nicht, dass wir ein sonderlich düsteres Zukunftsbild auf dem Album entworfen haben. Die Intention bestand sicherlich nicht darin zu sagen, die Zukunft sei elendig und miserabel. Für mich läufts ja faktisch aktuell sehr gut. Wenn ich künftig etwas machen will, dann will ich auf alle Fälle mehr mit anderen Künstlern zusammenarbeiten, vielleicht ein Neben-Projekt starten oder sowas.

Hast du dafür schon jemanden im Sinn?

Ben: Ja, momentan arbeiten wir mit einem Kerl aus Montreal zusammmen, der Libanese ist. Er ist Sänger, er singt arabisch. Wir haben jetzt ein paar Demos aufgenommen und es geht ein bisschen in Richtung Psych-Rock trifft auf mittelöstlichen Psychedelic mit Synths und solcher Kram. Es ist wirklich sehr schräg, ich finds geil. Es klingt großartig und anders. Wenn du also mit anderen Leuten zusammenarbeitest, öffnet dir das einfach Mittel und Wege, um sich an Neues heranzuwagen.

Nochmal: Eure Musik soll nicht düster sein?

Ben: Du hast schon Recht. Mit solchen Mitteln versuchen wir schon in einer Wunde zu bohren und und wir verfolgen schon eine eher düstere Ästhetik. Der Albumtitel bezieht sich aber nicht auf DIE Zukunft, auf unsere Zukunft. Der Ansatz ist vielmehr ein retrospektiver. Ein Blick in die Zukunft ausgehend von der Vergangenheit. Es ist quasi eine Retro-Zukunft, die wir im Sinn hatten. Das entspricht auch in etwa dem, was wir als Band sind. Es heißt immer von unserer Musik, sie sei futuristisch, aber gewissermaßen machen wir ziemlich retromäßiges Zeug. Wir spielen Gitarre, unsere Keyboards sind so weit wie möglich analog, wir nutzen also am wenigsten die neueste Technologie für unsere Musik.

Trotzdem gibt es ja doch diese beiden Elemente in eurer Musik: Post-Rock oder Gitarrenlastiges einerseits, aber auch bewusst elektronische Elemente. Würdest du das verneinen?

Ben: Nein, auf keinen Fall. Aber es ist mir einfach völlig egal, wie Musik letztlich gemacht wird. Schau, ich hör viel elektronische Musik. Der Großteil elektronischer Musik wird heutzutage von einem Typen eingespielt, der nachher mit seinem Laptop auf der Bühne steht, und ich liebe diesen Scheiß. Und dazu kommt auch, dass man ohnehin den Einsatz von Computern in einem modernen Studio gar nicht vermeiden lässt.

Archi Pelago hat erst vor kurzem einen eurer Songs geremixed. Gibts bald vielleicht ein Remix-Album?

Ben: Das ist verdammt teuer! Wenn ich könnte, würde ich es aber sofort machen. Ich müsste erstmal Leute dazu bringen, sowas zu machen und das ist kompliziert. Am liebsten wären mir so reine Techno-Produzenten.

Nun aber zur letzten Frage. Eure letzte Platte endet mit den Worten: „Music Won't Save You“. Wird sie nicht?

Ben: Nein, sie wird nicht.

Achim Schlachter, Christoph Herzog

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