Interview

GoGo Penguin


Auf der Bühne wirken sie wie die coolsten und professionellsten Jazzmusiker, die man momentan zu Gesicht bekommen kann, im Interview sind GoGo Penguin witzige, redselige Jungs, die ihr Können gerne ein wenig runterspielen. Über die heilsame Wirkung ihrer Musik auf andere Menschen, die Faszination für neue Technologien und Robotik, oder auch einfach nur über ihre Lieblingsgetränke, erzählen sie im Interview.

Zum Gespräch treffen wir uns hinter der Hauptbühne des Haldern Pop Festivals, zwischen alten Wohnwagen, die den Künstler_innen als Rückzugsort dienen. Dort sitzen wir entspannt auf Bierbänken im Sonnenschein. GoGo Penguin, das sind Pianist Chris Illingworth, Kontrabassist Nick Blacka und Schlagzeuger Rob Turner. Sie haben gerade ein famoses Konzert gespielt, bei dem dem Publikum nichts Anderes übrig blieb als zu staunen. Über diese drei jungen Typen mit ihrem Manchester-Akzent, die wirken wie Rockstars, in Sonnenbrille und legerer Kleidung, und dabei Musik aus den Ärmeln schütteln, die in ihrer Großartigkeit und Komplexität so selten zu hören ist, jedenfalls nicht auf einem Indiefestival. Die drei sind studierte Musikgenies, haben ihre Abschlüsse am Royal Northern College Of Music in Manchester gemacht. Was sie aber so besonders macht, ist die Art, wie sie als Konstellation zusammen spielen, wie sie aufeinander eingehen und ihre individuellen Stärken miteinander verbinden, um so eine ganz neue Art von Jazz zu erschaffen, die Einflüsse von Elektronik, Trip-Hop, Rock und Klassik in sich vereint.

Im Interview nach dem Konzert geben sie sich ganz verlegen, als ich ihnen von den Reaktionen des Publikums erzähle. "Was? Wir wirken cool? Ich habe die Sonnenbrille nur aufgehabt, weil mich sonst die Sonne so stark geblendet hätte", meint Kontrabassist Nick Blacka etwas verlegen und lacht. Ohnehin geben sich GoGo Penguin gerne etwas zurückhaltend, wenn es um ihr Können als Musiker geht. "Wir freuen uns, wenn sich die Leute für uns interessieren", meinen sie ganz bescheiden. Zu GoGo-Penguin-Songs kann man wunderbar träumen, es bauen sich Bilder und Geschichten vor dem inneren Auge auf, die farbenprächtig und lichtdurchflutet sind. Wie ist das bei den Musikern selbst, was stellen sie sich vor, wenn sie die Songs spielen? "Das ist jedes Mal anders. Aber die meisten Songs sind dadurch entstanden, dass wir an bestimmte Dinge gedacht haben und sie durch den Sound kanalisiert haben. Es ist unglaublich, wie unterschiedlich die Reaktionen der Menschen auf die Musik sind. Einige reagieren sehr stark und emotional. Letzte Woche kam ein junger Mann nach dem Konzert zu uns und meinte, dass er zum ersten Mal bei einer Liveshow weinen musste. Andere Leute schreiben uns E-Mails und erzählen uns, wie unsere Musik ihr Leben verändert hat. Eine Frau aus Polen hatte eine schwierige Zeit, viele Operationen, sie hat uns gesagt, dass unsere Musik ihr geholfen hat, wieder gesund zu werden. Das sind wunderbare, schöne Geschichten. Es ist ein Grund, warum es sich lohnt, Musik zu machen", meint Pianist Chris Illingworth. "Wenn ich jemals Thom Yorke treffen sollte, werde ich ihm auch erzählen, wie positiv seine Musik mein Leben verändert hat", meint Nick und lächelt. "Auf unserem kommenden Album wird es auch darum gehen, wie Musik den Menschen beeinflusst, auf wissenschaftliche Art und Weise erfasst", meint Rob.

Rob scheint den wissenschaftlichen Einfluss in die Band einzubringen. Er interessiert sich sehr für Transhumanismus, Robotik und neue Technologien, erzählt begeistert von Menschen, die dank Cochlear-Implantaten zum ersten Mal in ihrem Leben hören können, von anderen Möglichkeiten, Technologien zu nutzen, um das Leben zu verbessern und es auch massiv zu verändern. Das Thema hat auch stark ihr aktuelles Album beeinflusst. Mit "Man Made Object" haben GoGo Penguin es Anfang des Jahres geschafft, in so einigen Magazinen zum Album der Woche gekürt zu werden. Schon zuvor hatten sie sich in die Herzen der Kritiker_innen und Hörer_innen gespielt, immer wieder für Standing Ovations gesorgt, wenn es sich um Sitzkonzerte handelte, oder tosenden Applaus, wenn man vor der Bühne stand. Trotzdem sind sie absolut auf dem Teppich geblieben und sehr dankbar und begeistert über die Reaktionen der Menschen.


Foto-Credit: Felix Strosetzki

GoGo Penguin, die selbst große Efterklang-Fans sind und auch mal einen Song der Band gecovert haben, freuen sich, dass der letzte Interviewte Casper Clausen, Sänger bei Efterklang und Liima, ist. Der hat nämlich eine Frage im Interviewbuch notiert, die die Band nun beantworten soll: "Wenn du ein großes Haus auf dem Land hättest, das umgeben ist von vielen schönen, alten Bäumen mit Hängematten, und in den Hängematten liegen Menschen, und der Klang des Windes geht durch diese Bäume – was würdest du trinken?" Nick, Rob und Chris geraten in eine lebhafte Diskussion über ihre Lieblingsgetränke, verfallen in Lachanfälle bei der Erinnerung an Situationen, in denen sie sie getrunken haben, amüsieren sich köstlich. Die Entscheidung fällt schwer: Von Gin Tonic über Lambrusco, New Castle Brown, Weißwein, bis hin zu süßer Limonade ist alles dabei. Nur Mojito wird ausgeschlossen, das wäre zu klischeemäßig. Sie kommen zu dem Entschluss, dass die Situation zu perfekt ist, sodass sie nicht auch noch ein perfektes Getränk haben können. Auf "Poitín Zombie" einigen sie sich dann irgendwie. Poitín ist ein irischer Schnaps, der gut mal 90 Vol.-% haben kann und bei dem man besser Vorsicht walten lassen sollte.

Durch den Konsum von zu viel Poitín scheinen die Protagonisten, die GoGo Penguin sich in ihrer Frage fürs Interviewbuch ausdenken, auf eine einsame Insel gekommen zu sein. Wie, weiß keiner mehr. Jetzt geht es darum, wieder von dort weg zu kommen. "Du hängst fest auf einer einsamen Insel. Die einzige Möglichkeit zu entkommen, ist ein Helikopter. Du hast eine Anleitung zum Fliegen des Helikopters, aber das erste Kapitel ist raus gerissen. Sie beginnt mit 'Nun kennst du die Grundlagen'. Würdest du versuchen zu entkommen?" Was würden GoGo Penguin tun? "Wir würden es zumindest versuchen, auch wenn wir wahrscheinlich mit dem Helikopter ins Meer stürzen würden!".

Marlena Julia Dorniak

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Rezension zu "Man Made Object" (2016)

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