Interview

Dan Mangan


Lange Zeit galt der Kanadier Dan Mangan als liebenswürdiger Folk-Teddy. Mit seinem vierten Album "Club Meds", das er zusammen mit der Band Blacksmith aufgenommen hat, fand eine deutliche Verschiebung dieser Wahrnehmung statt. Die düsteren und politischen Zeilen ließen sich so gar nicht mit den früheren Songs über liebende Roboter oder Indie-Königinnen vereinbaren. Warum er damit jetzt erst herausrückt, welchen Einfluss Dave Grohl hatte und warum er nicht Tierarzt geworden ist, verrät er im Gespräch im Hinterhof des bekannten Michelberger Hotels an der Warschauer Straße in Berlin.

Hallo Dan! Wie war deine Tour bisher? Hattest du etwas Freizeit?

Dan Mangan: Nein, dieses Mal nicht. Diese Tour war einfach krass. Vierzehn Tage hintereinander, keinen Tag frei. Tagsüber reisen, nachts Shows. Es war sehr intensiv. Aber wir waren ja schon öfter in Deutschland.

Also kennst du Berlin als Stadt?

Dan: Ja, ich habe hier tatsächlich viel Zeit verbracht. Unser Label sitzt nämlich hier. Es gibt also immer einen Grund, vorbeizuschauen und für ein paar Tage abzuhängen.

Als ich dich vor einiger Zeit in Berlin gesehen habe, hast du noch in einer wesentlich kleineren Location gespielt. Damals bist du gegen Ende rein ins Publikum und hast in der Mitte ohne Mikrophon gespielt. Jetzt spielst du größere Hallen. Wie sieht für dich der perfekte Auftritt aus?

Dan: Ich hatte wirklich wunderbare Momente auf kleinen Bühnen bei intimen Konzerten. Genauso wunderbar waren aber auch Auftritte bei riesigen Outdoor-Festivals mit abertausenden Menschen. Es ist gar nicht so, dass eins besser ist als das andere. Wo auch immer du bist, du musst den Abend so besonders wie möglich machen. Und wenn es nur für 25 Zuschauer ist. Mach es einfach so gut wie es geht für diese 25 Personen, anstatt griesgrämig oder ein Arschloch zu sein, weil wenige Menschen gekommen sind.

Wo du gerade die großen Festivals erwähnst. Du hast ja mit einigen großen Namen die Bühne geteilt. Wer war die interessanteste Person?

Dan: Da fallen mir doch plötzlich die ganzen Leute gar nicht mehr ein, mit denen ich gespielt habe.

Bei Wikipedia gibt es da eine lange Liste.

Dan: Ich wünschte, ich könnte sie mir jetzt anschauen.

Also meine Lieblinge waren ja We Were Promised Jetpacks, The Decemberists und die Japandroids.

Dan: Mit We Were Promised Jetpacks haben wir in Kroatien gespielt. In derselben Nacht haben wir auch mit The Roots gespielt. Und dann lief da diese riesige, abgefahrene Party und alle waren in der Adria baden oder trieben einfach umher. Das war wirklich sehr cool.

Können Künstler bei solchen Events auch richtige Freunde werden?

Dan: Die Festivals helfen auf jeden Fall dabei. Da kann man dann auch ein bisschen gemeinsam rumhängen. Auf Tour sieht das anders aus. Schlafen, aufstehen, fahren, spielen und wieder ins Hotel. Da lernt man sich nicht bei einem Drink kennen. Deshalb liebe ich Festivals auch so. Die sozialen Interaktionen.

Steht noch jemand auf deiner Liste, den du gerne kennenlernen oder mit dem du gerne arbeiten würdest?

Dan: Da gibt es einige Personen. Ich war beispielsweise immer riesiger Radiohead-Fan. Also mit jedem Mitglied der Band wäre es schon ziemlich cool. Ansonsten ist das schwer zu sagen. Theoretisch bin ich für alles offen. Ich habe einige Helden, das muss ich gestehen. Es wäre toll, auch außerhalb der Musik mit Leuten zusammen zu arbeiten. Wenn ich zum Beispiel irgendwie mit Bill Murray arbeiten könnte oder Louis C.K., wäre das schon ziemlich cool.

Zuletzt hast du ja mit Dave Grohl zusammengearbeitet. Beziehungsweise: habt ihr eigentlich richtig zusammengearbeitet?

Dan: Ja, wir haben ihn tatsächlich getroffen. Wir sind runter nach L.A. und haben am Soundtrack für den Film "Hector and the Search for Happiness" gearbeitet. Wir haben dann an "Vessel" rumgewerkelt und Dave ist mit dem Regisseur befreundet. Wir haben uns dann lange unterhalten und hatten eine gute Zeit zusammen und später habe ich ihm die Spuren geschickt. Aufgenommen hat er dann allerdings allein. Ziemlich cool auf jeden Fall. Er ist ja schon einer der Hauptcharaktere in der Musikszene. Schon unglaublich, dass er wirklich bei Nirvana gespielt hat. Er ist auf jeden Fall ein richtig toller Typ. Total bodenständig ohne überbordendes Ego.

Was vielleicht auch daran liegt, dass nicht jeder seine Musik gut findet.

Dan: Ja, das stimmt schon. Er wäre auf jeden Fall der Erste, der zugeben würde, dass er Pop-Musik macht. Er ist sich sehr bewusst, dass die Foo Fighters keine Avantgarde-Musik machen. Das ist eben, was er mag und was er machen will. Auf unserem Song reißt er auf jeden Fall ziemlich ab. Er kann richtig schreien. So im klassischen Rock'n'Roll-Sinne. Das passt einfach perfekt und es war ein wahres Geschenk, mit ihm zu arbeiten.

Das kann ich mir vorstellen. Was ich bei meiner Recherche noch über dich gelesen habe, ist, dass du an der University of British Columbia studiert hast. Aber nirgends stand, was denn genau. Also raus mit der Sprache: Was hast du studiert?

Dan: Ich habe englische Literatur und ein bisschen Soziologie und Geschichte studiert.

Und was hättest du damit gemacht, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?

Dan: Das weiß ich echt nicht. Ich wollte früher mal Highschool-Lehrer werden. Mit Kindern arbeiten wäre toll. Wenn ich jetzt mit meiner eigenen Musik aufhören würde, dann würde ich wahrscheinlich das Zeug von anderen Leuten produzieren. Oder ich würde beim Radio arbeiten. Das interessiert mich irgendwie total. Bei CBC könnte ich mir mich selbst vorstellen. Das ist ein landesweiter Sender in Kanada.

Also eigentlich lief es immer schon auf Musik hinaus?

Dan: Ja, schon. Obwohl ich als kleines Kind Tierarzt werden wollte. Aber irgendwann wurde mir klar, wie viel Arbeit da drinsteckt. Also nicht die Arbeit an sich, aber der Umfang der Ausbildung. Zu der Zeit habe ich auch mit dem Gitarrenspiel angefangen. Und davon, ein Musiker zu sein, habe ich eh immer geträumt.

Auf dem Song "Vessel" singst du "It takes a village to raise a fool". Vancouver ist ja nun eher kein Dorf und du brichst ja aus dem immer gleichen Habitus auch eher aus. Das heißt im Umkehrschluss eigentlich, dass du kein Dummkopf bist, oder?

Dan: Nein, im Gegenteil. Es bedeutet, dass ich ein Dummkopf bin. Wir sind doch eh alle Dummköpfe. Wir sind alle an allem schuld. Wir zeigen zwar gerne mit dem Finger auf andere, aber solange wir von Dummköpfen erzogen werden, werden wir selbst auch Dummköpfe großziehen. Der Kreis schließt sich und so.

Aber wenn man das merkt, dann kann man den Kreis ja durchbrechen. Da hast du vielleicht den ersten Schritt getan.

Dan: Für die Menschheit? In jedem Fall! (lacht) Von jetzt an wird sich für die gesamte Menschheit etwas ändern. Ich meine, jeder tut doch, was er kann. Ich glaube, wenn du eine positive Kraft für die Menschen um dich herum sein kannst, dann ist das ein Anfang.

Das passt ja auch gut zu dem Lehrer- oder Tierarzt-Wunsch.

Dan: Da hast du wohl recht.

Aber wo du das so sagst. Du hast in einem Interview kürzlich gesagt, dass du nicht mehr als "süß" wahrgenommen werden willst. Warst du zu naiv und wurdest enttäuscht?

Dan: Nein, aber ich denke, dass ich mich bei meiner früheren Musik viel zu oft auf meinen Charme verlassen habe. Das schien mir ganz natürlich zu sein. Man kann sich ja nicht aussuchen, wie man wahrgenommen wird beziehungsweise wird man ja auf eine Fülle von Arten aufgenommen. Ich finde, dass die Musik, die wir jetzt machen, nicht mehr süß ist. Sie ist ein bisschen ernster, aber auf der anderen Seite darf man sich auch nicht zu ernst nehmen. Wenn man total humorlos ist, dann funktioniert das ja auch nicht. Man sollte sich seiner Selbst bewusst genug sein, dass man auch über sich lachen kann. Die Musik hat einfach eine genauere Absicht als vorher.

Als "Oh Fortune" herausgekommen ist, konnte man ja schon eine deutliche Entwicklung sehen, aber jetzt nach dem neuen Album wirkt es auch nur wie ein Zwischenschritt. Die persönlichen Geschichten sind globalen Themen gewichen. War das schon immer in dir oder hat sich das erst kürzlich herauskristallisiert?

Dan: Ich war schon immer irgendwie politisch und mir sehr meiner Meinungen bewusst. Aber wenn man über Sachen schreibt, die irgendwie einen Nerv treffen, dann ist es leicht, in Stereotype zu verfallen und nur Gut und Böse zu sehen. Während es einiges an Feingefühl erfordert, sich angemessen damit auseinanderzusetzen, anstatt von der Kanzel zu predigen. Eigentlich stelle ich nur Fragen, auf die ich selbst keine Antworten habe. Ich bin auch nicht schlauer als die anderen Menschen. Und bis ich mit meinen Texten zu diesem Punkt gekommen bin, hat einfach seine Zeit gedauert. Erst jetzt habe ich das Selbstbewusstsein, dass ich mich an diese Themen herantraue.

Also hat es nichts mit einer gewissen Unzufriedenheit zu tun?

Dan: Das ist eh so eine komische Sache. Ich bin eine total glückliche Person. Ich bin echt nicht die Person, die durch die Gegend läuft und Leute herunterzieht. Das Album handelt eher davon, dass man schläft oder betäubt ist. Es handelt aber genauso sehr davon, wach zu sein. Das ist nämlich das Ziel und da will ich hin mit meiner Musik. Am Leben sein und keine Angst davor zu haben, zu lieben und verletzlich zu sein. Die Menschen stumpfen aus Angst ab. Dabei muss man raus in die Welt und liebevoll und großzügig sein. Das ist auch nicht nur Selbstbewusstsein, sondern Demut. Wenn man sich nämlich nicht mehr selbst beweisen muss, wie wichtig man ist, geht es einem viel besser. Wenn man realisiert, wie unwichtig man eigentlich ist, kann man frei sein und aufhören, sich zu viele Gedanken zu machen. Sagt, was ihr wollt, es ist mir egal.

Und was kommt als Nächstes?

Dan: Da habe ich auch viel drüber nachgedacht. Ich habe echt nicht viel geschrieben, seit das Album fertig ist. Momentan würde ich gerne Zeit allein mit ein paar Instrumenten verbringen. Ich habe mich ja zuletzt viel mit anderen Musikern umgeben und es wäre sicher schön, jetzt für sich zu sein. Auf der anderen Seite kann ich mir nicht vorstellen, ohne die Band zu sein. Ich weiß es echt nicht. Von nun an gibt es so viele Optionen, aber kurzfristig geht es einfach nur darum, die aktuellen Songs zu genießen.

Arne Lehrke

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Rezension zu "Oh Fortune" (2011)

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