Interview

Chris Garneau


Vor seinem Auftritt im Grünen Salon in Berlin traf Chris Garneau uns bei bester Laune zum Interview auf der Couch. Dabei kam es zu einem Shout Out für "The Sound Of Music", düstere Weltuntergangsgedanken und den Wandel vom Studiohasser zum Arbeitstier.

Pünktlich zur Deutschland-Veröffentlichung stand der sympathische, junge Amerikaner für Fragen bereit. Mit "Winter Games" zeichnet er ein noch dichteres Bild von Jugenderinnerungen als auf den beiden ebenfalls grandiosen Vorgängeralben "Music For Tourists" und "El Radio". "Winter Games" wurde deshalb kürzlich auch unser Album der Woche.

Der US-Release von "Winter Games" war im November und jetzt ist es endlich in Deutschland draußen. Ist es für dich seltsam, es immer noch als neu zu bewerben und hat sich jetzt, wo der Winter vorbei ist, deine Sicht auf das Album geändert?

Chris: Also es fühlt sich immer noch neu an, weil es erst ein paar Monate alt ist und wir damit auch das erste Mal in Europa mit dem Album auf Tour sind. Deshalb ist es für mich sehr spannend, weil es eben noch keine drei Jahre alt ist oder so. Wir hatten allerdings auch drei Veröffentlichungstermine mit Asien, Nordamerika und Europa. Die Wahrnehmung hat sich dabei nicht so großartig geändert, da wir die Lieder erst seit letztem Juli spielen. Nicht mal ein Jahr später sind wir damit gar nicht so viel auf Tour gewesen und so ist es noch sehr frisch und neu. Ich fühle mich also immer noch sehr winterlich.

Gab es denn einen wichtigsten Song für dich oder sogar einen am wenigsten lieben Song und hat sich daran im letzten Jahr etwas geändert?

Chris: Es gab einen Song, den wir von der Platte genommen haben, bevor sie rausgekommen ist. Er heißt "Boston Movie Time". Er war vielleicht nicht mein unliebster Song, aber es gab Probleme bei der Aufnahme. Irgendwie hat es mir nicht gefallen. Also haben wir beschlossen, ihn vorerst runter zu nehmen und ihn nochmal aufzunehmen, um ihn auf einer kleinen EP, die dieses Jahr noch kommen soll, zu platzieren. Wir spielen ihn allerdings heute, also kannst du ihn schon mal hören. Wir spielen bei den Shows jeden Song des Albums, weil sie sich alle sehr notwendig anfühlen. Sie sind alle gleich wichtig für das Gesamte.

Ist die Wahrnehmung der Platte denn in Europa anders als in den USA?

Chris: Ich finde schon. In Europa wird sie stärker aufgenommen. Für dieses Album habe ich ein neues Label in Europa, genauer gesagt in Deutschland, gefunden und Deutschland wird dabei wichtiger und wichtiger, weil ich quasi einen Botschafter im Land habe. Das vorherige Label war in Frankreich und deshalb hatten wir rein von der Sache schon mehr Pressestimmen in Frankreich. Jetzt fühlen sich beide Länder sehr einladend und herzlich an. Nordamerika war immer schon schwieriger. Das wird es wohl wahrscheinlich auch immer sein und ich kann nichts daran ändern (lacht).

Für mich fühlt sich "Winter Games" deutlich trauriger an als "El Radio". Hat sich dein Leben in den letzten vier, fünf Jahren dahingehend verändert? Oder hast du diese Gedanken schon immer mit dir rumgetragen und jetzt war der richtige Zeitpunkt, um sie umzusetzen?

Chris: Ich bin auf jeden Fall an einem Punkt, wo ich mich so fühle, als seien mein Wut- und Paranoia-Level, was den Planeten angeht, durch die Decke geschossen. Deshalb geht wahrscheinlich ein Teil dieser Energie jetzt in die Musik. Die ursprüngliche Inspiration waren allerdings Erinnerungen, die ich von Freunden und Familie gesammelt habe. Ich habe diese Leute nach ihren frühesten Erinnerungen an den Winter gefragt, so weit sie sich erinnern konnten. Dabei habe ich wirklich viel düsteres Material bekommen. Es ist nicht so, dass die Songs biografisch, sondern eher von diesen Erinnerungen, gemischt mit meinen eigenen, inspiriert und so zum Album geworden sind. Wenn du mit Leuten über ihre dunkelsten Kindheitserinnerungen sprichst, dann weckt das wieder eigene Gedanken. So gesehen fühle ich mich auch ein bisschen als die Stimme dieser Menschen. "El Radio" war vom Inhalt her nicht wesentlich sanfter oder süßer. Ich bewege mich von Natur aus thematisch in diesem düsteren Bereich, aber die Musik sollte das ein wenig aufhellen. Nicht, dass "El Radio" ein spaßiges Album ist, aber ich hatte damit mehr Spaß, weil es theatralischer und verspielter ist, während das neue Album das so gar nicht ist. Ich denke allerdings auch, dass es mit dem Alter zu tun hat. "El Radio" ist ja eigentlich fünf Jahre alt, aber in Wirklichkeit habe ich es schon 2006 aufgenommen, also sind es schon acht Jahre. Da war ich also ungefähr 22 Jahre alt und es ging noch viel darum, zu lernen, wer ich bin.

Du hast gerade deine Paranoia angesprochen. Hast du eine größte Angst?

Chris: Ich hatte in letzter Zeit sehr viel Angst davor, in welchem Zustand sich unser Planet und das Klima befinden. Ich fühle mich innerlich so, als würde es jetzt langsam sehr übel werden und mein Gefühl sagt mir auch, dass das früher passieren wird, als wir glauben. Der andere Teil von mir, das hört sich jetzt ziemlich grenzwertig an (lacht), denkt sich, dass alles vielleicht ausgelöscht werden sollte, damit die Erde nochmal neu anfangen kann. Es ist eben ein riesiges Desaster, in dem wir stecken, mit diesen Unmengen an Grausamkeiten und Leid, die uns umgeben. Deshalb denke ich manchmal, dass es einfach besser wäre, wenn es gar nichts gäbe. Das ist also, was in meinem Kopf so passiert (lacht noch mehr).

In dem Song "The Whore In Yourself" sagst du, ich zitiere: "You should get more in touch with the whore in yourself". Meinst du damit, dass dich sture, konservative Menschen nerven oder ist das eher eine eigene Erfahrung, dass man manchmal offener und ausgelassener sein sollte?

Chris: Es hat schon beide Bedeutungen. Auf der einen Seite ist es sehr wörtlich zu nehmen. Damit wollte ich, wie du schon gesagt hast, Konservativität thematisieren und kritisieren. Auf der anderen Seite ist der Song von meinen eigenen Erinnerungen inspiriert. Es sind Erinnerungen an das Leben mit meiner älteren Schwester, die in sexueller Hinsicht tief konservativ ist. Das macht mich trauriger als alles andere, weil ich das Gefühl habe, dass sie ihr Leben nicht richtig nutzt und so war es schon, als ich jung war. Also spricht es meine eigenen Erinnerungen, aber eben auch die Öffentlichkeit und sexuell konservative Politiker an.

In einem Interview mit Baeblemusic hast du gesagt, dass du den Aufnahmeprozess eines Albums nicht so gern magst. Können wir dementsprechend erst mal von vielen Auftritten ausgehen oder hast du schon wieder neue Songs fertig, von denen du es dieses Mal nicht erwarten kannst, sie aufzunehmen?

Chris: Ich bin da ein bisschen reingewachsen und mag es mittlerweile sogar. Ich mochte es vorher eigentlich nicht. Bei den ersten zwei Alben habe ich mich richtig unwohl gefühlt im Studio. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht richtig das machen kann, was ich immer tun wollte. Und egal, wie sehr ich es versucht habe oder wie hart ich auch gearbeitet habe, ich konnte einfach nicht das Album machen, das ich machen wollte. "Winter Games" ist das erste Album, bei dem ich zumindest sehr nah dran bin, alles so umzusetzen, wie ich es im Kopf hatte. Ich habe bei "Winter Games" fast alles selber gemacht. Ich habe den Großteil selber produziert und ich meine das nicht arrogant oder überheblich, weil ich so ein toller Techniker bin, aber ich konnte einfach den Stress und die Aufregung vermeiden, die ich habe, wenn Leute im Studio um mich sind. Es war sehr abenteuerlich, weil ich zu jeder Tages- und Nachtzeit tun konnte, was ich wollte. Und das habe ich dann wirklich gemacht und habe alles in Pro Tools bearbeitet und geschnitten. Ich hatte einfach die volle Kontrolle und habe gemerkt, dass ich das schon viel früher hätte tun sollen. Nicht, dass ich etwas bereuen würde, dafür bin ich gar nicht der Typ, aber hätte ich es früher schon so gemacht, hätte ich das Aufnehmen besser genießen können. Jetzt nehme ich sehr viel zuhause auf und will auch ständig mehr machen und mag nicht mehr nur die Auftritte.

Es ist schön, dass du jetzt beides genießt. Eine Frage, die mir schon seit "Music For Tourists" auf der Zunge brennt, muss ich dir endlich unbedingt stellen. In dem Song "Relief" singst du an einer Stelle "Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen". Wie kam es dazu?

Chris: Wie ist das denn nochmal passiert? Gute Frage. Ich glaube, zuerst habe ich mich auf den reinen Klang der Worte konzentriert. Die Stelle davor ist ja "Asked me to sin, asked me to sin in red". Es war also einfach eine Alliteration und es hört sich sehr ähnlich an und hat eine Art akustische Poesie. Ich mochte die Worte irgendwie schon immer. Außerdem erinnert es mich an eine Performance von "The Sound Of Music", die ich als Kind gesehen habe. Du kennst das bestimmt, wenn sie sich in allen Sprachen verabschieden und dementsprechend ist es auch ein Shout Out an "The Sound Of Music", so bekloppt das auch klingt (lacht).

Da uns jetzt etwas die Zeit ausgeht, noch eine letzte Frage. Ist die öffentliche Wahrnehmung von dir, dass du sehr empfindsam und verletzlich bist, richtig oder würdest du das gerne ein Stück weit ändern oder revidieren?

Chris: Also ich habe nie etwas getan, was von dieser Vermutung ablenkt. Ich habe immer versucht, sehr ehrlich in meiner Arbeit zu sein und wenn es zu Interviews kommt, dann antworte ich immer offen, sogar wenn es sehr persönlich ist. Ich denke nämlich, dass es Zeitverschwendung ist, Teile seines Ichs vor Leuten zu verstecken oder sich zu verstellen, besonders wenn du jüngere Fans hast, die zu dir aufsehen und harte Zeiten durchmachen. Für die ist es wichtig zu wissen, dass es Leute gibt, die auch leiden mussten und dass sie nicht allein sind. Deshalb bin ich einfach offen und natürlich bin ich verletzlich und empfindsam und das möchte ich auch gar nicht ändern. Eine Vermutung über mich, die wohl in der öffentlichen Wahrnehmung durch meine Musik zustande gekommen ist, ist, dass ich rumsitze und vor Selbstmitleid zerfließe. Dabei bin ich eigentlich ziemlich albern und mache über so gut wie alles Witze. Meine Freunde und ich sind schon ziemlich doof und denken, dass wir dabei lustig sind, was wir wahrscheinlich nicht mal sind. Aber wenn wir am Ende lachen, dann ist es in Ordnung. Wenn man sich die meisten Bands anguckt, die düstere Musik machen, dann wird einem ja auch bewusst, dass sie nicht den ganzen Tag auf dem Stuhl sitzen und in die Ecke starren.

Also ich glaube, dass die Leute, die deine Musik hören, es sehr zu schätzen wissen, dass du so ehrlich mit deinen Antworten und vor allem in deiner Musik bist. Vielen Dank, dass du es auch in diesem Interview warst und ich wünsche dir einen gelungenen Auftritt.

Chris: Danke dir. Es war mir ein Vergnügen und ich hoffe, ihr habt viel Spaß beim Konzert.

Arne Lehrke

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Rezension zu "Winter Games" (2014)

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