Interview

Chinawoman


Nach ihrem Konzert in der Haldern Pop Bar trafen wir Chinawoman in einem kleinen Nebenraum zum Interview. Anwesend waren, neben Michelle Gurevich (s. Bild rechts) selbst, auch ihr Mitmusiker Diego (s. Bild links), sowie Victor, der Schwede für alle Fälle, der Michelle und Diego an diesem Tag von Berlin nach Haldern gefahren hatte. Außerdem hatte sich noch ein junger, betrunkener Kerl eingeschlichen, der zugab, Michelle beim Konzert so faszinierend gefunden zu haben, dass er sie unbedingt sprechen wollte.

Ihr seid ja heute nur zu zweit aufgetreten, was ist denn eigentlich mit dem Rest der Band passiert?

Michelle (lacht): Ach, das war eigentlich eine unspektakuläre Geschichte. Es gab Probleme mit dem Van, den wir eigentlich ausleihen sollten. Den wollten sie mir nicht geben wegen irgendwelcher bürokratischer Angelegenheiten. Also hat sich heute morgen herausgestellt, dass wir als Duo auftreten würden.

Ihr habt also nicht in dieser Formation geübt?

Michelle: Nein! Wir waren nicht vorbereitet. Darum gab es auch recht viele Karaoke-artige Einspieler. Ich habe auf der Hinfahrt auf dem i-Pod die Hintergrundmusik gemixt. Es war alles sehr improvisiert. Ich hoffe, es war in Ordnung?

Absolut! Es war eine richtig gute Show, die Leute waren begeistert. Aber bist du es nicht eigentlich gewohnt, sogar alleine aufzutreten? Seit wann spielst du die Shows mit einer Band?

Michelle: Seit ungefähr anderthalb Jahren. Damals bin ich nach Berlin gezogen und habe mir eine Band zusammengesucht. Wer bist du eigentlich? (Zum Mann, der die ganze Zeit schon neben uns sitzt und gespannt zuhört) Gehörst du zu einer anderen Band?

Fremder: Nein...

Michelle: Du hast dich also einfach unerlaubt hier rein geschlichen?

Fremder: Ja. Ich wollte mit dir sprechen. Denn die Show war wirklich gut!

Michelle: Ja? Na dann, dann bin ich ja froh (lacht).

Bist du denn selbst zufrieden mit deiner ungeprobten Show?

Michelle: Ja, schon... aber ich möchte mich immerzu verbessern. Es gibt immer einiges, das ich an meinen eigenen Shows auszusetzen habe. Aber ich bin froh, wenn es den Leuten gefallen hat.

In einem Interview habe ich gelesen, dass du deine Musik als eine Mischung aus beiden Kulturen, mit denen du aufgewachsen bist, beschreibst. Eine Mischung aus amerikanischer beziehungsweise kanadischer und russischer Musik. Was macht welchen Teil aus?

Michelle: Ich denke, für die meisten Hörer werden die melancholischen Songteile mit den tiefgehenden Lyrics das Russische ausmachen. Die Strukturen der Songs sind recht osteuropäisch.

Sprichst du auch Russisch?

Michelle: Ja, aber mit einigen Fehlern. Aber ich singe gerne russische Lieder.

Könntest du dir vorstellen, deine Songs auf Russisch zu übersetzen und nochmals einzusingen?

Michelle: Ich war zuletzt recht beeindruckt, weil jemand im Internet fünf meiner Songs ziemlich gut übersetzt hat. Aber weißt du was, das ist eigentlich eine gute Idee. Wenn ich das nächste Mal in Russland bin, werde ich einen meiner Songs auf Russisch singen.

Super! Es ist immer spannend, wenn Künstler aus anderen Ländern kommen und in der Sprache des Publikums sprechen. Auch, wenn es nur "Guten Abend!" und "Danke!" ist, finden die Leute es gut.

Michelle: Vielleicht sollte ich auch mal einen Song auf Deutsch singen! Wir haben zuletzt einen Teil aus dem Song "Aviva" zum Spaß übersetzt: "Zwei Mädels sind nicht genug!" (Zum fremden Mann, der immer noch zuhört:) Was denkst du darüber, reichen dir zwei Mädels?

Fremder: Ehm... ja. (Allgemeines Gelächter)

Während deiner Show hatte ich den Eindruck, dass du wirklich viel Spaß hattest, entgegen einiger Meinungen, dass deine Musik so melancholisch und traurig sei und auch traurig stimmt.

Michelle (grinst): Vielleicht sollte ich mich meiner Musik anpassen und depressiv und traurig werden. Was denkst du?

Ich mag es wirklich gerne, dass du die Erwartungen der Zuschauer nicht erfüllst. Man erwartet eine melancholische, ruhige Show und auf einmal bringst du witzige Ansagen zwischen den Songs.

Michelle: Das ist ja das Schöne, dass man nie sagen kann, was alles in einem Menschen steckt. Selbst die schlechtesten Popstars können einen plötzlich überraschen. Es ist doch erfrischend, wenn man bemerkt, dass eine Person unterschiedliche Seiten hat und diese plötzlich auftauchen. Außerdem muss ich auf der Bühne Spaß haben, denn da sind so viele Leute, die mir zuhören, das macht einfach Spaß.

Kannst du denn deine Songs in jeder Laune schreiben?

Michelle: Nein, nein, tatsächlich ist es so, dass ich dafür meist betrunken und etwas melancholisch sein muss. Ich muss einsam sein, das Gefühl haben, dass gerade niemand für mich da ist.

Man muss sich das also so vorstellen: Du sitzt in deinem dunklen Schlafzimmer, in einer betrübten Stimmung, trinkst Wodka und fühlst dich ganz alleine auf der Welt?

Michelle: Das trifft es ziemlich genau! (lacht) Wenn es mir gut geht, habe ich keine Zeit, ans Songschreiben zu denken. Ich verstehe nicht, wie Menschen Gute-Laune-Songs schreiben können. Das ganze "Es geht uns gut! Ich bin sexy, du bist sexy, wir gehen zum Strand und lachen"-Ding. Wer kann über so etwas einen Song schreiben?

Du hast zum Beispiel einen Song über deine Mutter, eine russische Ballerina, geschrieben. Kannst du tanzen wie eine Ballerina?

Michelle: Ich habe mit dem Ballett angefangen, als ich sechs war. Aber ich habe es nie geschafft, richtig professionell zu werden. Ich war immer ein bisschen zu langsam. Beim Ballett muss alles sehr ordentlich und perfekt sein... Aber ich bin schon ein wenig melancholisch, so dass es nie etwas geworden ist.

Aber du kannst sicherlich durch das Tanzen deine Gefühle ausdrücken?

Michelle: Ich denke schon, aber wahrscheinlich kommt es nicht so richtig rüber. Ich musste für mich eine künstlerische Ausdrucksweise finden, die zu mir passt und mit der die Leute verstehen, was ich sagen möchte. Wenn ich tanze, kann es sein, dass ich dabei ein bestimmtes Gefühl habe, das heißt aber noch lange nicht, dass die Zuschauer dieses Gefühl mit mir teilen oder es verstehen (lacht). Ich hab einiges ausprobiert: Erst das Tanzen, dann habe ich Filme gemacht, doch es hat immer etwas gefehlt, das mir das Gefühl gegeben hat: Das ist es! Ich hatte immer so viel zu sagen und wusste nicht, wie ich es loswerden sollte. Es ist gut, vieles auszuprobieren. Ich habe nun für mich die Musik gefunden, mit der ich mit den Leuten kommunizieren kann.

Gibt es auch Songs, die du nur für dich schreibst, die du mit niemandem teilen möchtest?

Michelle: Ja, es gibt da einige. Auch solche, die nicht genügend Chinawoman entsprechen. Vielleicht kommen sie irgendwann auf eine B-Seite. Obwohl einige Leute, wenn sie sie hören, sie besonders toll finden, weil sie eben so anders sind.

Du sagtest, dass du Filme gemacht hast. Hast du deine Musikvideos auch selbst gemacht?

Michelle: Ja... man sieht das ja daran, dass sie so einfach gehalten sind. Welches magst du am liebsten?

Ich mag besonders gerne das "Lovers Are Strangers"-Video. Ich finde es schön, dass so viele alte Frauen miteinander tanzen. Du hast es auf dem Geburtstag deiner Großmutter gedreht, oder?

Michelle: Ja, das ist jetzt 15 Jahre her. Die Frauen tanzen miteinander, weil all deren Ehemänner bereits gestorben sind. Die meisten Leute, die zu sehen sind, sind nicht mehr in der gleichen Verfassung, oder sie sind tot. Das Schöne an dem Video ist, dass es echt ist. Die Leute kennen mich, sie grüßen mich herzlich, sehen mich hinter der Kamera. Es ist nichts gespielt. Ich hoffe, dass viele Menschen sehen, dass das Video sehr sentimental ist. Es sind meine Verwandten, die dort zu sehen sind und es ist sehr persönlich.

Hat deine Familie das Musikvideo eigentlich mal gesehen?

Michelle: Nein, ich denke nicht. Es sei denn, jemand hat das Video zufällig im Internet gefunden. Meine Großmutter sieht auch nicht mehr sonderlich gut, sie würde es wahrscheinlich gar nicht verstehen.

Zu welcher Kultur fühlst du dich denn mittlerweile hingezogen? Zur russischen? Zur kanadischen? Oder sogar zur deutschen?

Michelle: Ich fühle mich definitiv nicht russisch. Ich fühle mich immer noch ziemlich kanadisch... aber eigentlich ist es eine Mischung. Berlin ist so international, da hat man auch kein richtig deutsches Gefühl.

Kannst du mittlerweile ein wenig Deutsch?

Michelle: Ich möchte unbedingt mehr lernen. Ich verstehe, was die Kassierer im Geschäft sagen, oder weiß, dass ein Brief vom "Finanzamt" schlecht ist (lacht).

Wie oft bist du in Russland auf Tour und was sagst du zum politischen System? Bekommst du das dort zu spüren?

Michelle: Ich bin 1-2 Mal im Jahr da. Man bekommt das System zu spüren, aber ich würde niemals sagen, ich fahre darum nicht mehr hin. Denn die Leute, die meine Musik hören wollen, sollten trotzdem noch ihre Freude haben können. Es ist schon verrückt, was dort passiert. Manchmal kommt es mir vor, als ob sie gerade 1000 Jahre in ihrer Entwicklung zurück fallen. Zum Glück hatte ich aber noch nie ein Problem, dort aufzutreten.

Was ich dich noch fragen wollte: Erlaubt es dir deine Stimme, höher zu singen, oder ist diese tiefe, melancholische Art zu singen deine Lieblingsstimmlage?

Michelle: So, wie ich im Moment singe, fühle ich mich wohl. Wenn ich irgendwann trashige Popsongs mache, werde ich vielleicht höher singen (lacht). Aber wenn ich wie Barbara Streisand singen könnte, würde ich es wahrscheinlich tun.

Diego kommt und fängt an, auf seiner Akustikgitarre zu spielen.

Diego: Ich könnte euch etwas vorsingen! Ein italienisches Lied. (Fängt an, ein Medley italienischer Songs zu spielen)

Damit endet auch der offizielle Teil des Interviews, mit viel Gesang in allerhand Sprachen.

Marlena Julia Dorniak

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Rezension zu "Let's Part in Style" (2014)

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