Festival-Vorbericht

Berlin Festival 2007


Wir, als Land-/Kleinstadt/mittlere Großstadtkinder (Hamburger und Kölner sind ausgeschlossen) hassen die Berliner oft dann, wenn gerade mal wieder neue Tourdaten veröffentlich werden, die aus zwei bis drei Terminen bestehen, die Hauptstadt natürlich immer eingeschlossen, unser Heimatort dagegen nicht. Der vermeintliche Trost fällt dann so aus: Ja, aber im Sommer, dann haben wir auf dem Land die grünen Wiesen, den Badesee, die frische Luft und, ganz wichtig, die Festivals. Schade nur, oder eben auch nicht, wenn sich diese Aussage als Trugschluss erweist. Berlin hat nämlich alles. Die Konzerte und eines der hübschesten Indie/Electro-Festivals des Jahres. Seit 2005 findet mitten im Häusermeer das sehr eindeutig betitelte "Berlin Festival" statt, Poststadion Mitte. Gecampt wird, ebenfalls in klassischer Festivalmanier, im Grünen. "Tentstation", der einzige Campingplatz im Herzen Berlins, steht den Besuchern zur Verfügung. Verzichten auf abendliches Grillen und nächtliches Biertrinken vorm Zelt muss also auch in der Metropole niemand.

Line-up-technisch bleibt das Berlin-Festival ganz auf der Linie der letzten beiden Male: Keine ganz großen Namen, stattdessen Feines, Unbekanntes und vor allem Bands, die nicht 180 Festivals pro Jahr bespielen. Nationale Superhelden werden ebenfalls gerne eingeladen. Nach den Sternen 2005 und den Robocop Kraus 2006 sind es diesmal unser aller Lieblinge: Tocotronic. Zieht die Trainingsjacken an, wir brauchen Platz zum Träumen! Nicht ganz unauffällig ist auch die Tendenz, dass heute schon im Poststadion spielt, was morgen so heiß ist, dass man Spiegeleier darauf braten kann. Nur ein Beispiel: Letztes Jahr im Sommer ließ der Name "Klaxons" über den meisten Köpfen nur gelbe Fragezeichen aufblinken. Jetzt verkommt der Begriff New Rave zum Unwort das Jahres. Wenn ihr 2006 nach Mitte gefahren wärt, ja, dann hättet ihr den Hype schon vor dem Hype sehen können...

Und dieses Jahr? Habt ihr etwa auch noch diese unerträglich brillante, zuckersüß gepfiffene Melodie im Kopf? Wenn nicht, solltet ihr sie bald auffrischen. Peter, Bjorn and John also, die schon erwähnten Tocos, craaaazy Electroclash-Peaches, The Go Team!, 2ManyDjs um Ballerina-Absätze zu ruinieren, für die Melancholie zwischendurch Midlake, Au Revoir Simone, Tele, The Films, Datarock, Jape, Princess Superstar, WhoMadeWho, The Presets, Shitdisco, Uffie & DJ Feadz, Late of the Pier, Boss Einstein, X Vectors, MIT, Kilians, Diskokaine und die Jolly Goods. Ein Mix verschiedener Genres also, der sich aber immer noch im Find-ich-gut-Bereich des typischen Indieclubgängers und Musikliebhabers bewegt, ohne dabei allzu abgegriffene Bands aufzufahren.

Speziell muss das Line-up auch sein, bewegt sich doch der Ticketpreis bei 40€ im VVK (AK 53€) und sogar 60€ inklusive Campen (AK 68€) im oberen Bereich, gerade im direkten Vergleich zu ähnlich gearteten Festivals wie dem Melt!. Einzeltagestickets sind ebenfalls verfügbar, für 25€ im VVK und 33€ an der Abendkasse. Erwähnenswert: Diverse Vorverkaufsstellen in Berlin bieten Hardtickets für 40€ an, Adressen gibt es unter www.berlinfestival.de/2007/tickets.php

Wenn wir Landkinder also unseren Ärger mangels Konzerten außerhalb der Metroploen fallen lassen können, dann sollten wir uns überlegen, ob wir uns in den Großstadtdschungel wagen, um uns im Endeffekt wieder wie auf einem Wald- und Wiesenfestival zu fühlen, nur mit besserem Line-up. Auf, die Stadt ruft!

Lisa Krichel

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