Story

Sehendes Hören


In Zeiten der Krise der Musikindustrie, die eigentlich zuvorderst eine Krise der Tonträgerindustrie ist, suchen sowohl die Produzenten der "organisierten Schallereignisse" wie ihre Konsumenten nach einer Erweiterung der bestehenden klingenden Produktkonzepte. Auf der Hörerseite des Geschäfts zeigt sich dies in der Verwendung freiwerdender finanzieller Mittel für Konzerte und Festivals sowie für Konsolenspiele, die eine eigene, Musik-bezogene Aktion verlangen (Guitar Hero, Rock Band, SingStar). Auf der Erzeugerseite dominieren zumeist Versuche, den Wunsch nach Konzerten durch mit DVD-versehene Live-Alben oder Live-Versionen eines Albums zu befriedigen. Letztere dienen nicht zuletzt der Beförderung der Verkäufe des eigentlichen Albums, da sie in der Zählung für Goldene und Platin Preise bei diesem mitgerechnet werden, was sowohl dem Ego schmeicheln wie werbend wirken kann. Dies alles ließe sich als eine stärkere Betonung der visuellen Komponente der Musik bezeichnen, eine Deutung die durch Ankündigungen von Künstlern bestätigt wird, die nächsten Alben sollten eine visuelle Erfahrung sein oder beinhalten (Noah And The Whale, Tori Amos, und andere).

Natürlich ist Musik schon lange untrennbar von ihrer visuellen Begleitung. Das Musikvideo stellte nur eine logische Entwicklung dar. Weit zuvor schon galten die Plattencover als wichtiger Teil des musikalischen Erlebnisses. Doch selbst dies greift zu kurz, denn bevor Musik als "Konserve" erwerbbar war, waren eigene Aktion oder zumindest die Betrachtung ihrer Erzeugung, des Vorspiels, des Konzerts also, integraler Bestandteil der Erfahrung, die mit Musik verbunden ist. Ohne diese war und ist diese unmöglich.

Während die Plattenhülle als visuelles Trägermedium und das Musikvideo als künstlerisches wie als Werbe-Medium in ihrer Wertigkeit abnehmen, gewinnt das sehende Erfahren im Live-Geschehen an Bedeutung. Aufwändige Bühnenshows lenken einerseits von der Qualität der Musik ab – im Falle des Plastikpop – oder versuchen, zumeist erfolgreich, das Erlebnis zum Event aufzuwerten. Radioheads Lichtinstallationen auf der "In Rainbows"-Tour 2008, Madonnas durchchoreographierte Inszenierung, die Bühnenaufbauten von Muse oder Kanye Wests Musical-Space-Odyssee "Glow In The Dark" mögen beispielhaft stehen. Besonders im Bereich der elektronischen Musik bedarf die Live-Inszenierung einer visuellen Begleitung. Nur sie vermag den Eindruck zu vermeiden, da würden irgendwelche Kerle ihre "E-Mails checken". Legendär sind nicht nur die visuellen Shows von Kraftwerk und den Chemical Brothers. Besonders hier in der elektronischen, in der Dance-Musikszene gehören Visuals aber auch zur Gestaltung der Clubs. Parties werben mit den Visual Artists wie mit den auflegenden DJs. Dieses Nebeneinander von Musik und Visualisierung entstammt ursprünglich der psychedelischen Rockszene der späten 1960er, in der, zum Beispiel mit Hilfe von Projektionsapparaten, die hypnotische Atmosphäre der Musik verstärkt wurde. Drogen taten – und tun – ein Übriges.

Auch im Netz soll Sichtbares und Hörbares in eine Einheit verwandelt werden. Aufwändig produzierte, virtuelle wie visuelle Spielplätze dienen als Transportmittel für die Musik: Ein Beispiel wäre die Homepage von Harmonic 313 zum Album "When Machines Exceed Human Intelligence", ein weiteres ist die mobile Homepage von Notic Nastic. Beide verstecken ihre Songs und Videos unter kleinen Rätseln. Musik und virtuelle Inszenierung sollen eine Einheit eingehen.

Die Schaffung einer visuellen Albumkomponente bleibt jedoch weiterhin ein Gerücht. Livekonzert-Aufnahmen und die dokumentarische Begleitung der Albumentstehung bilden die Höhepunkte dieser Albumzusätze und interessieren wohl vornehmlich die Fans. Die komplette Einheit aus Ton und Bild verkörpern natürlich die Gorillaz um Damon Albarn. Allerdings bleibt diese für den Hörer weiter unerlebbar. Die "perfekte" Einheit von Musik und Film streben angeblich Noah And The Whale für ihr nächstes Album an. Einerseits erscheint das wie eine zeitgemäße Umsetzung, wirkt aber gleichzeitig schon wieder altmodisch in seiner rein rezeptiven Einbindung des Kunden. Immerhin erweitert es die Sinneswahrnehmung des Albumformats um einen Sinn.

Dieser Tage versuchen die Schweden von Minilogue – Marcus Henriksson und Sebastian Mullaert aus Malmö – die Schaffung einer audio-visuellen Albumeinheit, indem sie ihr letztjähriges Album "Animals" um die DVD "Animals – The Movie" ergänzen. Das Doppelalbum "Animals" bestand aus zwei klar getrennten CDs. Die eine widmete sich der clubmusikalischen Komponente des Minilogue-Schaffens, die andere erforschte ambiente "Listening"-Welten. Das Album erhielt begeisterte Kritiken von Spex bis Residentadvisor. "Animals – The Movie", das ebenfalls auf Sven Väths Cocoon-Label erscheint, versammelt nun in fünfzehn Kapiteln nicht nur Tracks vom Album mit ihren visuelle Umsetzungen durch die Neuseeländer von Hinge Design und andere Visual Artists. Diese Beschreibung stellt bereits klar, dass der Titel "Animals – The Movie" in die Irre führt. Zwar tauchen in den meisten Tracks – nicht immer sinnvoll – die namengebenden Tiere auf, die auch das DVD- und Albumcover zieren, und die Musik bildet einen durchgehenden Mix; bei der visuellen Umsetzung handelt es sich jedoch (nur) um klar abgetrennte Videos. In Zeiten, wo künstlerisch anspruchsvolle Musikvideos im (Musik-)Fernsehen nicht mehr stattfinden, ist eine solche DVD schon eine Errungenschaft, eine leichte Enttäuschung bleibt dennoch. Die durchschnittliche Qualität der Clips bestätigt nichtsdestotrotz die Selbsteinschätzung der beiden Minilogue-Macher, das Projekt habe sich von Beginn an – das heißt seit 2000 – ebenso für die visuelle wie für die hörbare Komponente der Popkultur bzw. der elektronischen Musik interessiert. In seinen schlechten Momenten ("Across Town") kommt "Animals – The Movie" nicht über durchschnittlich interessante Club-Visuals hinaus, in den schlechtesten ("The Word" featuring One) ist sogar die Musik – hier ein uninspirierter Rap von One – uninteressant. In den guten Momenten – die in der Mehrzahl sind – entstehen entweder kleine kongeniale visuelle und musikalische Perlen ("Animals" und "Hitchhiker's Choice"), oder die Kombination erzeugt gar einen durchgängigen, atmosphärischen Sog. Als solcher lässt sich die gesamte erste Hälfte der DVD empfinden. Minilogue schaffen mit dieser Clip-Sammlung (natürlich) keine perfekte visuelle Albumhälfte. Allerdings entsteht mit Hilfe der Video-Künstler eine durchaus lohnende Erforschung der Möglichkeiten, Minimal, Tech-House und Ambient mit einer zweiten, einer bildlichen Komponente zu versehen. Auch die DVD zur "Rüts"-Vinyl-Minicompilation-Reihe auf Meakusma verfolgt einen ähnlichen Ansatz.

Den bisher überzeugendsten Ansatz einer Einheit aus Film und Musik starteten vor nunmehr sechs Jahren bereits Daft Punk mit ihrem Anime-House-Musical "Interstella 5555". Die Perfektion der Verbindung verhinderte damals nur die gelegentlich mangelnde Kohärenz zwischen Musik und Storyline. Bereits im Zuge der Videos zum Album "Discovery" ging 2001 das Gerücht, zum Album werde von einer japanischen Anime-Legende ein Film produziert. Das Ergebnis erschien in nahezu perfekter Synchronität von Musik und Animation. Allein die Musik vermochte – ab von einzelnen Inkohärenzen – die Geschichte und die Emotionen des Films zu tragen. Der Film vollendete das Album "Discovery" ebenso, wie erst die Musik den Film zum Leben erweckte. Die organische Harmonie von Daft Punks phunky French House und Leiji Matsumotos visueller Welt ist unwahrscheinlich. Selbst beim Hören des Albums im Nachhinein leben die Bilder auf, in all ihrer Stärke, in ihrer Triphaftigkeit. Die Intensität dieses Erlebnisses muss als Maßstab gelten für jedes weitere Bestreben, eine DVD als visuelles Album oder zumindest visuelle Umsetzung eines Albums zu verkaufen.

Trotz dieser zu 95% perfekten Synthese aus Bild und Ton sind aber mehr als subjektive Erkundungen im weiten Feld der "Sichtbaren Erfahrung von Musik" kaum zu erwarten. Solange Interaktion an "überteuerte" Konsolen gebunden ist, der Zuschauer nicht mit auf der Bühne steht oder in die Köpfe, Körper oder Instrumente schlüpfen kann, bleibt die echte "visual experience" wohl Werbe-Spruch oder – hoffentlich erfüllbare – Science-Fiction. Das heißt aber im Umkehrschluss: Jeder weitere Versuch, dies zu erreichen, wird uns einen zumindest kleinen Schritt weiterbringen. Jede Erweiterung der simplen Live-DVD-Album-Kombination ist ein Gewinn.

Bild: Photo by Johan Sundell, Clay animals by Kristoffer Strom

Animals – The Movie von Minilogue ist am 13. Februar 2009 bei Cocoon erschienen. www.minilogue.com

Die DVD "Rüts" erscheint auf Meakusma (www.meakusma.org), einen Trailer gibt es hier ("Rüts"-DVD-Trailer auf Vimeo).

Daft Punk & Leiji Matsumotos Interstella 5555 – The 5tory of the 5ecret 5tar 5ystem ist 2003 bei EMI erschienen www.bacfilms.com/site/interstella/.

Unter www.harmonic313.com finden sich die Promotion-"Rätsel" zum Album "When Machines Exceed Human Intelligence". Notic Nastics eigene digitale Welt zum Mitnehmen und daran Partizipieren ist unter www.noticnastic.com zu erreichen.

Kraftwerk spielen im Juni bei den Festivals Hurricane und Southside. Madonna tourt im Sommer.

Oliver Bothe

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