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Record Store Day 2013 – im Flight13 in Freiburg


Freiburg. Der Record Store Day 2013: Ein Tummelbecken für alle Musikliebhaber. Weltweit feiern die unabhängigen Plattenläden sich selbst und das Vinyl mit zahlreichen limitierten Veröffentlichungen und Live-Konzerten. Wer die spezielle Kultur in Plattenläden hautnah miterleben will, der ist an diesem Tag genau richtig. Am vorvergangenen Samstag war es nun soweit. Auch im Flight13 in Freiburg.

Es ist ganz schön voll geworden. Zahlreiche Musikliebhaber tummeln sich um kurz nach 16 Uhr zwischen den Plattenregalen. Es gibt kaum noch ein Durchkommen. Andere rauchen vor der Tür des Flight13 noch eine. Drinnen: Gemurmel, immer wieder richten sich die Blicke in die Ecke zwischen den 7"-Singles und der CD-Abteilung, wo die Freiburger Heroen Fleischlego sich für ihren Auftritt bereit machen. Das Schlagzeug wird in Stellung gebracht, Kabel werden entwirrt und in Gitarre und Bass eingestöpselt. Sänger Thomas Wehler alias Bdolf überprüft das Mikro: "Test, Test, Ausprobieren". Im Hintergrund läuft über die Lautsprecher mit "I hear colors" psychedelischer Rock von The Black Angels. Mit einer Geschwindigkeit von 33 Umdrehungen in der Minute tastet sich die Nadel Rille für Rille weiter zum nächsten Lied. Alles ist relaxed. Auch dann noch, als sich der Konzertbeginn um etwa eine dreiviertel Stunde verzögert hat. Doch plötzlich ist es vorbei mit der Ruhe. Die vierköpfige Band brettert los. Punkig, rumpelig mit charmanten deutschen Texten, die Bdolf gerne auch mal ohne musikalische Begleitung rezitiert. "Was sollen wir tun, Batman?" heißt es da und: "Pamela Anderson, flieg dein Nazi-Ufo". Etwas sonderbar, aber dem Publikum gefällt es. "Das ist ein schönes Lied" meint ein Zuhörer, als der letzte Song "Töten & Essen" eingeleitet wird. Er lächelt zufrieden.

Ihm geht es da wie den ganzen anderen Menschen, die sich am dritten Samstag im April in den Freiburger Stühlinger aufgemacht haben. Es ist Record Store Day. Die Live-Musik ein Teil davon. Aber bei Weitem nicht alles. Auch wenn neben Fleischlego mit den beiden finnischen Folk- und Songwriter-Acts Mäkkelä Trash Lounge und Janne Westerlund noch zwei weitere Bands in familiärer Atmosphäre aufspielen.

An diesem Tag dreht sich alles um das gute alte Vinyl und den Plattenladen. Für die Besucher heißt das: Stöbern in Plattenkisten und Fachsimpeln über Musik. Es ist eine Wohlfühl-Oase für alle Liebhaber physischer Tonträger. Für sie hat der Tag noch einen ganz besonderen Anreiz. Rund 400 Tonträger gibt es in limitierten und speziellen Aufmachungen nur an diesem Tag zu kaufen. Viele davon gibt es auch im Flight13.

Drei Kisten voll sind es in diesem Jahr, die ihren Weg nach Freiburg gefunden haben. Zwei mehr, als bei der Premiere im vergangenen Jahr, erzählt Götz Adler vom Flight13-Team. Trotzdem ist natürlich nicht von jeder Veröffentlichung etwas mit dabei. Immerhin machen 2013 in Deutschland, Österreich und der Schweiz 180 Plattenläden mit. Und jeder soll schließlich etwas abbekommen. "Manches kommt einfach nicht", stellt Adler fest. Andere Tonträger sind nur in sehr kleiner Anzahl vorhanden. Da lohnt es sich, gleich bei Ladenöffnung vor Ort zu sein. Schnell sind dann die Kisten mit den raren Scheiben umlagert. Da stört es die Sammler auch nicht, dass sie etwas tiefer in die Tasche greifen müssen als sonst. "Billig ist das alles nicht", bestätigt Adler.

Dass die Tonträger so limitiert sind, führt aber auch zu negativen Begleitumständen. Manche haben nicht den musikalischen Genuss im Sinn, sondern den reinen Profit. Da hilft es auch nicht, dass pro Person jeweils nur ein Exemplar einer Scheibe verkauft wird. "Bereits kurze Zeit nach Öffnung der Läden werden manche Platten für den doppelten Preis im Internet angeboten", ärgert sich Adler. Und genau das soll ja nicht sein. Nicht umsonst werden Plattenläden, die bereits vor dem eigentlichen Record Store Day die Veröffentlichungen in ihren Online-Shops anbieten, mit einer strengen Mail bedacht, mit der sie aufgefordert werden, den Tonträger aus dem Netz zu nehmen.

Dass es einen Record Store Day überhaupt gibt, das findet Adler natürlich super. Dabei könnte es dem Flight13 ja auch eigentlich egal sein – zumindest finanziell. Denn das meiste wird seit 1999 über das Internet verkauft. Doch Götz Adler betont: "Der Laden ist für uns das Tor zur Welt!" Eine Anlaufstelle, die die Plattenladen-Kultur am Leben erhält. "Die schätzen wir alle sehr", spricht er das Denken des Flight13-Teams aus.

Auch Max Schlenker schätzt die Plattenladen-Kultur sehr. Der 29-Jährige lebt in Freiburg und war beim Record Store Day schon kurz nach Öffnung des Ladens vor Ort. Seine Beute: Die Wiederauflage des Post-Hardcore-Klassikers "Relationship Of Command" von At The Drive-In aus dem Jahr 2000, limitiert auf 4000 Kopien weltweit. Er freut sich nicht nur deswegen über den Record Store Day, weil er Lücken in seinem Plattenregal mit raren Veröffentlichungen auffüllen kann: "An diesem Tag wird nicht nur dem Vinyl gehuldigt, sondern auch den Plattenläden, die sich trotz zunehmender Digitalisierung den "Arsch aufreißen", damit wir immer pünktlich unsere heißgeliebten Platten in den Händen halten dürfen." Das Flight13 sei in dieser Hinsicht eine der Top-Adressen in Deutschland. "Super, dass man einen solchen Plattenladen in der Stadt hat."

Schlenker steht für die junge Generation von Vinyl-Fans. Er ist erst seit drei Jahren mit dabei. Einfach, weil er gemerkt hat, "dass eine digitale Sammlung der Kunstart Musik nicht gerecht wird. Das muss etwas Physisches sein." CDs hat er vorher schon nicht mehr gekauft, also blieb nur das Vinyl. So wie er denken viele. Die Nachfrage nach den Vinyl-Scheiben bringt große Ketten dazu, die Schallplatten-Abteilung wiederzubeleben. Götz Adler hat erst vor Kurzem sogar eine einsame Kiste in einem bekannten Drogeriemarkt ausgemacht. Gibt es also ein Vinyl-Revival? Adler kann über diese Frage nur lächeln. Denn für ihn war das Medium nie weg. Und schon gar nicht tot. Denn die Anfänge des Flight13 reichen bis zum Ende der 1980er-Jahre zurück. Und es hat während dieser Zeit überlebt. Mit Vinyl. Und trotz CD. Und so darf sich der Freiburger Plattenladen im kommenden Jahr dann wieder einmal selbst und die Plattenladen-Kultur feiern, wenn am dritten Samstag im April der Record Store Day in eine neue Runde geht und wieder zahlreiche Sammler in seinen Bann ziehen wird.

Der Text erschien auch in der regionalen Tageszeitung "Schwarzwälder Bote".

Joachim Frommherz

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