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Pop und Politik: zur Diskussion um Frei.Wild


Kontroversen und Skandale sind das Salz in der Suppe des Boulevards und der Musik-Journallie. Zutreffend heißt es, jede PR sei gute PR. Seien es Mia., die vor zehn Jahren ein gesundes Deutschlandbild forderten, sei es das evangelikale Christentum eines Marcus Mumford (Mumford & Sons) oder die Verteidigung des Kreationismus durch Brian Fallon (The Gaslight Anthem), am Ende führen die Auseinandersetzungen mit dem Thema dazu, dass mehr Menschen von den jeweiligen Bands hören.

So stehen denn auch bei den jüngeren Feuerstürmen um Jennifer Rostock, das With Full Force und den Echo am Ende alle als Gewinner fest. "Alle" umfasst in diesem Fall Jennifer Rostock, das With Full Force, die Visions, Jägermeister, Kraftklub, den Echo, Mia. und, vermutlich vor allem, Frei.Wild. Auch die NPD hat die potentielle positive Wirkung der Kontroverse für sich erkannt und andere versuchen ebenfalls aufzuspringen.

Allerdings soll es hier nicht in erster Linie um Frei.Wild oder ihre Fans gehen. Um erstere einschätzen zu können, reicht das Lesen des Textes von "Wir Gehen Wie Bomben Auf Euch Nieder" und letztere haben in besagten Feuerstürmen ein deutliches – wenn auch vermutlich unrepräsentatives – Bild hinterlassen.

Hier geht es vielmehr um die Frage, ob Politik in deutschsprachiger Musik einen Platz hat, beziehungsweise ob die Fans überhaupt die politische Haltung einer Band oder ihrer Texte reflektieren. Auslöser der genannten Feuerstürme ist zu einem Gutteil weniger die Kritik an der Band aus Südtirol, sondern das Gefühl der Fans, als rechts, als nationalistisch, als Nazis dargestellt zu werden. Ebenso häufig, wie ein wenig Recherche tatsächlich einen deutschen Nationalstolz offenbarten, zeigte sich aber, dass vielfach die Musik das Objekt war und die Identitäts-betonenden (d.h. "Identity Rock"), übertrieben patriotischen bis nationalistischen (oder gar revanchistischen und weitergehenden) Texte effektiv ausgeblendet werden. Wie schon bei den Böhsen Onkelz (und ihren Nachfolge-Acts) ist es nicht ausgeschlossen, dass Acts der Neuen Deutschen Härte, Rammstein, Onkelz, Frei.Wild und Die Toten Hosen oder Die Ärzte kurz hintereinander gehört werden und eine solche Playlist mit einem Song der Broilers abgeschlossen wird. Der Reiz liegt also offenbar nicht in der politischen Position der Künstler. Neben der direkten Verständlichkeit der Texte, die sicherlich eine Rolle spielt, ist wohl die direkte Härte der Musik verantwortlich für die Popularität der Band(s) und die potentielle Gleichwertigkeit von Onkelz und Hosen in den Sammlungen. Der "Party"-Charakter verbirgt effektiv textliche Schwächen. Als dritter Grund mag eine pathetische Emotionalität gelten, die bei der Neuen Deutschen Härte typisch ist, sich aber auch im aktuellen deutschen Altpunk und der Neuen, Neuen Deutschen Welle findet. Das heißt auch, wo früher Die Toten Hosen und Rosenstolz zwei Seiten des gleichen Musikgeschmacks bedienten, bedienen heute Bands beides.

Hinzu kommt, in den letzten zwanzig Jahren und nicht zuletzt seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat sich ein neues deutsches Selbstbewusstsein etabliert, das berechtigt kritisiert werden kann, das aber vor allem eine Realität ist, an der man schwer vorbeikommt. Dies findet sich auch im Rock-Bereich wieder. Wo in den 1990er Jahren Die Toten Hosen, Die Ärzte und eben die Onkelz sowie später dann Rammstein allein standen als Vertreter eines Mainstream-Rocks, drangen nach und nach andere Künstler (z.B. aus der sogenannten Hamburger Schule) in die Öffentlichkeit; ein Effekt, der vielleicht durch die abnehmenden Verkaufszahlen begünstigt wurde. Neben Unheilig entdeckten die Musikhörer im letzten Jahrzehnt Künstler wie Wir sind Helden und Mia., Madsen und Jennifer Rostock oder jüngst Kraftklub und Casper. Alle verbinden Emotionalität mit Party- und Mitgröhltauglichkeit, und die Musik all dieser Bands ist vordergründig unpolitisch. Tendentiell aber stehen alle diese Künstler eher links. Emotionales Mitgröhlen auf der Party bieten aber nun einmal auch die Identitäts-Rocker.

Der uninformierte, das heißt normale Hörer, für den Musik vor allem eine Alltagsbegleitung oder eine emotionale Unterstützung darstellt, wird kein Problem haben, Mia., Jennifer Rostock, Frei.Wild, Die Ärzte, Broilers, Madsen und Kraftklub durcheinander zu hören. "Schrei Nach Liebe", "Feinde Deiner Feinde", "Was Es Ist" und "Love Is A Killer" werden so zu einer ganz normalen Playlist. Hintergründe über die Bands haben dann keinerlei Bedeutung, denn "es ist doch nur Musik". Das Desinteresse an Politik und politischer Haltung wird so potentiell sogar zu einem Nachteil der Bands, die sich in einer Art und Weise äußern, die links der Mitte angesiedelt ist.

In den letzten Jahren dominierte die Haltung "Musik ist Musik, und Politik ist Politik". Vielleicht wäre es wünschenswert, wenn die erfolgreichen Bands auch in ihren Songs klarer politisch Position bezögen. Ähnliches ließe sich von den Medien fordern, von Metal Hammer über Intro bis zu Bild und von Viva über RTL2 bis zur ARD. Das heißt, es ließe sich fordern, dass die deutschen Bands jenseits der Alt-Punks ihre politische Haltung auch gegen den Willen ihrer Plattenfirmen deutlicher in ihren Songs präsentieren; zumindest, wenn sie denn tatsächlich Position beziehen möchten gegen nationalistische und übertrieben patriotische Tendenzen. Allerdings machen die alten und neuen Diskussionen um die Böhsen Onkelz und ihre Nachfolger auch deutlich: es hilft nicht, eine Band zu stigmatisieren, besonders, wenn das Stigma automatisch auf die Fans übertragen wird. Dies erlaubt Fans und Band, sich in einer Opferrolle zu sehen, beziehungsweise sich in eine selbstgewählte Opferrolle hineinzusteigern (siehe Diskussionen der Marke "Wir wurden um Platz 1 der Charts betrogen").

Der Aufforderung zur Politisierung ließe sich aber entgegenhalten: So wie in den 1990ern Onkelz-Fans die Toten Hosen hörten, müssten sich Bands und Öffentlichkeit damit abfinden, dass Mia.-, Kraftklub- und Jennifer-Rostock-Fans eben auch von Deutschrock-Bands begeistert sein könn(t)en. Das hieße zwar zu akzeptieren, dass tatsächlich Musik im Regelfall nur Musik ist, es würde aber auch Vereinfachungen verhindern und dazu zwingen, Kritik sehr klar zu formulieren. Solch eine weniger pauschale Auseinandersetzung mit politisch fragwürdigen Künstlern, Songs und Argumenten mag die hartnäckigsten Ignoranten nicht überzeugen, bietet aber wenigstens die Gewissheit, sich nicht auf deren Niveau begeben zu haben.

Bild von Flickr.

Oliver Bothe

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