Story

Jason Molina – Ein Nachruf


Am Samstag, den 16. März 2013, verstarb der vielleicht authentischste Singer/Songwriter unserer Generation. Jason Molina, ein Mann, seit jeher getrieben von Schmerz und Traurigkeit, dessen Songs und vor allen Dingen Texte dennoch immer voller Hoffnung waren und in denen jeder in schlechten Zeiten Trost und Verständnis finden konnte. Unser Redakteur Benjamin Köhler blickt zurück und bedankt sich bei einem seiner wichtigsten musikalischen Wegbegleiter der letzten Jahre.

Die SMS ist kurz und hart: "Jason Molina ist tot! Leider kein Witz!". Sie erreicht mich zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt und an einem denkbar schlechten Ort. "Geschäftsessen" beim Italiener und danach soll auch noch in eine Kneipe weitergezogen werden, schließlich kann man den ersten Schulungstag ja nicht im Hotelzimmer ausklingen lassen. Genau das will ich aber in diesem Moment. Mit einem Schlag weiß ich nämlich, wie sich die ganze, von mir gerne als "pseudo-betroffen" heruntergespielte Traurigkeit der Fans nach dem Tod von Michael Jackson oder Amy Winehouse angefühlt haben muss. Ziemlich scheiße fühlt die sich an. Und die wird auch nicht besser, als ich zwei Bier mehr als nötig runterstürze und bei den Gesprächen krampfhaft versuche, nicht wie ein grenzdebiler Idiot zu wirken. Irgendwann liege ich dann im Bett und rekapituliere meine emotionale Beziehung zu den Werken eines Mannes, den ich nie persönlich kennengelernt und noch nicht einmal live auf der Bühne gesehen habe.

Es war vor gut sechs oder schon sieben Jahren, da entdeckte ich auf einem Mixtape einer sehr lieben Person einen Song, der mich mit einem Schlag umhaute. "Lioness" hieß er und war von einer Band namens Songs: Ohia. Komischer Name und damals wusste ich noch nicht, dass es sich hierbei eigentlich "nur" um ein Ein-Mann-Projekt mit Begleitband handelte. Was ich hingegen sofort wusste, war, dass dieser Musiker außergewöhnlich ist. Ich hatte sicherlich schon hunderte, vielleicht sogar tausende Künstler gehört, aber niemand, wirklich niemand, hatte dermaßen viel Gefühl und vor allen Dingen Wahrheit in seiner Stimme. Ja, dem nahm ich sofort ab, was er da sang. Und das waren nicht irgendwelche Texte, nein, das war, und mir fällt an dieser Stelle einfach keine andere Umschreibung ein, das war wunderschöne, in einfachen Worten vorgetragene Poesie. Zeilen, in die man eintauchen konnte.

Ich verschwendete danach nicht groß Zeit und eignete mir rasch den kompletten Songs: Ohia-Backkatalog an. Zuerst "The Lioness", aus dem der erwähnte Song stammte, danach alle anderen Alben einschließlich meines bis heute bestehenden Favoriten "Axxess & Ace", dessen Vinyl-Version ich mir ganz aufgeregt gekauft habe, ohne überhaupt einen Plattenspieler zu besitzen. Die Faszination ging sogar soweit, dass ich von Webseiten, die heute gar nicht mehr existieren, sämtliche je aufgezeichneten Bootlegs herunterlud und damit in den Genuss von unglaublichen Songs wie "All Of You In Your Darknesses Alone" kam. Songs, die teilweise einmalig bei einem ganz bestimmten Konzert gespielt wurden und dann nie wieder.

Selbst, als Jason Molina dann Songs: Ohia für beendet erklärte und mit Magnolia Electric Co. ein neues Projekt startete, dessen Fokus auf Americana und Country mir weniger zusagte, blieb ich am Ball und arbeitete weiterhin fleißig seine Diskographie auf. Da waren ja auch noch seine beiden Soloalben zu entdecken, die mich abermals über Monate fesselten. Und erst letztes Jahr kam ich dann auch noch in den Besitz von "Protection Spells", einem Songs:Ohia-Album, welches im Jahr 2000 mit gerade einmal 500 Kopien auf Tour vertrieben wurde.

Immer wieder habe ich mich in all den Jahren gefragt, wie Jason Molina all diesen Schmerz, all diese Trauer, all diese Wut aushält, die er in seinen Texten zum Ausdruck bringt. Dann rief ich mir aber jedes Mal sofort in Erinnerung, dass seine Texte gar nicht wirklich destruktiv sind, sondern immer Hoffnung und gutes Zureden mitschwingen. Jason Molina hat für jedes Problem immer den passenden Ratschlag gleich mitgeliefert. In der Hinsicht hat er bei mir und wahrscheinlich auch bei vielen anderen Menschen bessere Seelsorge in schwierigen Zeiten betrieben, als es jemand anders hätte tun können. Warum sollte dies also nicht auch für ihn gelten?

Jetzt weiß ich, dass diese Annahme ziemlich naiv und dumm war. Ein Mensch kann sich in der Regel nicht selbst therapieren und seine inneren Wunden heilen. Unterschwellig wusste ich das und wahrscheinlich hatte ich deswegen bereits ein ganz schlechtes Gefühl, als es vor zwei Jahren extrem ruhig um den sonst so umtriebigen Jason Molina wurde. Nach einem Statement, in dem von "recovery", allerdings ohne weitere Informationen die Rede war, verstärkte sich dieses Gefühl noch. Dann aber eine weitere Nachricht, in der er seine spürbare Genesung schilderte und im September 2012 kam dann mit "Autumn Bird Songs" ein Mini-Album heraus, so dass eigentlich wieder alles auf dem aufsteigenden Ast schien.

Stattdessen ist Jason Molina jetzt nicht mehr bei uns, gestorben an den Folgen schweren Alkohol-Konsums und der Gedanke daran macht mich jedes Mal aufs Neue sehr traurig. Ich kann seine Songs momentan nicht hören, weil es zu sehr schmerzt, was paradox ist, weil sie sonst immer dafür standen, den Schmerz zu lindern oder zu nehmen. Das konnte er besser als jeder andere Musiker, der mich in den vergangenen Jahren begleitet hat. Dafür empfinde ich tiefste Dankbarkeit und es wird bestimmt wieder die Zeit kommen, in der ich tagelang nichts anderes als diesen großartigen Songwriter aus Chicago hören werde. Watch your ass, Molina.

Video zu "Back On Top" von Songs: Ohia:

Benjamin Köhler

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