Rezension

Yo La Tengo

I Am Afraid Of You And I Will Beat Your Ass


Highlights: Mr. Tough // Black Flowers // The Weakest Part // The Story Of Yo La Tango
Genre: Rockpop
Sounds Like: Sonic Youth // Built To Spill // Sebadoh // My Bloody Valentine

VÖ: 08.09.2006

Im Auf und Ab des Pop- und auch des alternativen Pop - tut es gut, eine Band zu hören, die seit nun mehr 20 Jahren auf der Straße unterwegs ist und immer noch weiß, wie man sich neu erfindet und seine Fans vor neue Aufgaben stellt. Yo La Tengo sind definitiv eine dieser Bands. Wo „Summer Sun“ 2003 doch eher nett und gefällig war, aber nicht wirklich hängen blieb, ist „I Am Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass“ ein Monster, das überrascht und begeistert. In seiner Vielseitigkeit könnte es ein zukünftiger Klassiker sein, ein Album, auf das man unter anderem verweist, wenn man in 20 Jahren den Leuten erklären will, was die Musik von Yo La Tengo ausmacht, oder zumindest damals – also heute – ausmachte.

Und das ist: Ira Kaplan, Georgia Hubley und James McNew machen es uns nicht einfach. Nach fünf Sekunden stürzen wir in ein zerstörtes, unstrukturiertes Noise-Ungetüm namens „Pass The Hatchet, I Think I’m Goodkind“. Verzerrt und sich stumpf / meditativ wiederholend, ziehen Gitarre, Schlagzeug und Bass ihres Weges und uns in ihren Bann. Das geht knapp drei Minuten so, bis Ira Kaplan endlich beginnt, seine Stimme zu erheben. Dabei aber liegt deren Spur weiter versenkt unter einem Meer von Geräusch. Auch hält dieser Gesang nur kurz, bevor das Dickicht, in dem wir stecken, beginnt, sich schneller und schneller zu bewegen. So geht das elf Minuten, nach denen wir wissen, dieses Album wird ein Genuss und Yo La Tengo sind noch lange nicht am Ende und auch nicht an einem stillen Standpunkt angekommen.

Wie „I’m Not Afraid …“ beginnt, endet es auch. „The Story Of Yo La Tango“ – man beachte das Wortspiel der Schöpfer – saugt sich leise flirrend an unser Ohr an, bevor doch eine Gitarre erklingt, sich verzerrt, erregt aufstampft, eine Steigerung vollzieht, sich beruhigt, wieder lauter wird … So geht das diesmal vier Minuten, bevor die Geschichte erzählt wird, und zwölf, bevor das Album uns dann in die Freiheit entlässt. Während der Gesang immer das gleiche Niveau hält, durchlaufen die Instrumente um ihn herum einen überdrehten Dauerlauf, steigern sich von Minute zu Minute immer mehr hinein in die Ekstase dieser Geschichte.

Zwischen „Pass The Hatchet, …“ und „The Story Of …“ pressen sich in der Enge eines Albums dreizehn weitere Stücke, die von zuckersüßen Pop-Hymnen („Beanbag Chair“, „Sometimes I Don’t Get You“, „The Weakest Part“) und -Balladen über Souljazz-Eskapaden („Mr. Tough“) und kleine Punk-Ecken („Watch Out For Me Ronnie“) bis zu länglichen Instrumentals („Daphnia“) reichen. Dabei wird stimmungsmäßig sowohl der (private) Weltuntergang („I Feel Like Going Home“) beschworen als auch kräftig die Stimmungskanone abgefeuert (wieder „Mr. Tough“). Dabei fallen Highlights am laufenden Band ab: vom Opener über „Mr. Tough“ und „Black Flowers“ zu „The Room Got Heavy“, „Sometimes I Don’t Get You“ und „I Should Have Known Better“, um nur einige zu nennen. Viele Veröffentlichungen dieser Zeit wären froh, einen dieser Songs ihr eigen zu nennen und Yo La Tengo pressen sie alle auf ein Album, überproduzieren sie einerseits mit Streichern und Bläsern und rotzen sie an der anderen Stelle nur hin. Dieses Album ist eine Fundgrube und verliert dabei doch nie den inneren Zusammenhalt. Toll.

Eine Band, die die Grenzen der Aufnahmequantität einer CD ausreizt, mag häufig langweilen, oder einfach nur größenwahnsinnig sein. Hier jedoch erklärt sich dies, mit ihrer vielseitigen Liebe zu den verschiedensten Spielarten der (amerikanischen) Rockmusik, dem selbstbewussten Wissen um die Qualität der eigenen Stücke und begeistert somit auf der gesamten Länge von knapp 78 Minuten.

Oliver Bothe

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