Rezension

We Are The City

At Night


Highlights: When I Dream, I Dream Of You // Mid-Tempo Drama // Dark Horizon // Ones You Love
Genre: Art-Pop // Dream-Pop
Sounds Like: Alt-J // Yukon Blonde // Aidan Knight

VÖ: 05.10.2018

Ausgerechnet eine Band wie We Are The City stellt sich auf ihrem neuen Album „At Night“ dem Unperfekten. Wer die kanadische Band schon einmal live gesehen hat, weiß, wie besessen diese drei Männer von ihrer Musik sind. Entrückt und etwas selbstverliebt werkelt jeder an seinen Instrumenten und scheint alles um sich herum zu vergessen. Umso spannender ist es da, nun ein Album vorgesetzt zu bekommen, in dem noch nicht alles perfekt ausgefeilt und bis in den letzten Takt ausgeformt ist, sondern das bewusst eine Momentaufnahme auf der Suche nach neuen Klängen und Ideen darstellt.

„At Night“ wurde als Gegenstück zu seinem nächstes Jahr erscheinenden Geschwisterwerk „RIP“ angekündigt und ist das Ergebnis einer zwei Wochen umfassenden Aufnahmesession. Komplett in Eigenregie fertiggestellt ist „At Night“ mit seinen teils recht kurzen Fragmenten ein Album, das gerade einmal eine halbe Stunde füllt. Aber funktioniert das Ganze überhaupt? Wieso sollte man sich etwas so unvollkommen Gehaltenes überhaupt anhören wollen? Tatsächlich hat „At Night“ seine Höhen und Tiefen und ist sicherlich kein rundes Gesamtwerk, aber zugleich zeichnen sich durch das bewusst gewählte Konzept viele Stärken der Band ab.

Gerade in der musikalischen Nische irgendwo zwischen progressivem Art-Rock und Dream-Pop, in der sich We Are The City bewegen, begegnet man nicht selten dem Hang zur Überproduktion. Der Reiz, alle technischen Möglichkeiten auszukosten, kann dazu führen, dass das Ergebnis zwar schön klingt, aber emotionale Untertöne und Direktheit irgendwo in sterilen Soundcollagen verloren gehen. Auch We Are The City hatten auf ihren bisherigen Alben manchmal eine Neigung zu dieser Art von Perfektionismus und umso erfrischender ist es daher zu hören, wie sich die Band selbst damit auseinandersetzt.

„When I Dream, I Dream Of You“ mit seinen blechern rumpelnden Beats ist ein schönes Beispiel für diese direkt auf den Hörer überspringende Freude an der Musik. Das unterkühlte „Mid-Tempo Drama“ gehört ebenso zu den Highlights des Albums wie „Dark Horizon“, das durch seine reduziert gehaltene Produktion geschickt den Kitsch umschifft. „Ones You Love“, das gesanglich von Shad unterstützt wird, spielt mit Versatzstücken eines klassischen 80er-Synthwave-Tracks und bleibt dabei nahbar und abwechslungsreich.

Man muss schon genau hinhören bei diesem Album, gerade weil nicht jede Idee, die es beinhaltet, ausgebaut und zielgerichtet inszeniert wird, sondern häufig einfach nur als kleiner Gedankenblitz kurz auftaucht und wieder verschwindet. Wenn man mit diesem Bewusstsein We Are The City begegnet, sich einen ruhigen Moment für „At Night“ mit Kopfhörern in voller Lautstärke nimmt, wird man eine Menge Freude haben. Jetzt ist natürlich die Spannung groß, was uns mit „RIP“ erwarten wird – laut Angaben der Band eine „sehr unterschiedliche Art von Album“.

Kilian Braungart

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Video zu "When I Dream, I Dream Of You"

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