Rezension

Von Wegen Lisbeth

sweetlilly93@hotmail.com


Highlights: Westkreuz
Genre: Indie-Pop
Sounds Like: Bilderbuch // Balthazar // AnnenMayKanterei

VÖ: 03.05.2019

Der Albumtitel lässt es erahnen: Das Berliner Quartett liefert auf ihrem zweiten Album den Soundtrack für die Generation Instagram, die sich in den Großstädten der Republik die Nächte um die Ohren schlägt und von Praktikum zu Praktikum eilt. Dass der Nachfolger zum Debüt „Grande“ von 2016 kein tiefgründiges oder gar kritisches Werk ist, schreit einem der Albumtitel auch nur so ins Gesicht. Und tatsächlich, was von außen aussieht wie oberflächliche Alltagspoetik, gehüllt im Hamburger-Schule-Mantel und überstreut mit Hipsterpuder 3000, ist genau das. Reflektiert wird schon, aber eher darüber, ob nach links oder rechts geswipet werden soll und warum der Dönerladen von damals jetzt kein Dönerladen mehr ist.

Sänger Matthias Rohde ist bemüht, durch die Simplizität des Alltags sein persönliches, (selbst)kritisches Gesellschaftsbild zu zeichnen. Ein bewährtes Mittel in der gegenwärtigen deutschen Musiklandschaft. Doch während beispielsweise Kraftklubs Felix Brummer den Twist vom Privaten ins Öffentliche noch gekonnt meistert und dadurch der Musik eine gesellschaftliche Relevanz verleiht, fehlt bei Von Wegen Lisbeth oft der übergeordnete Rahmen, um die Texte nicht zu banal wirken zu lassen. Denn, wenn die größte Veränderung im Leben die neuen Orte sind, an denen sich das Handy automatisch mit dem WLAN verbindet, wird deutlich, dass man wirklich Relevantes hier nicht erwarten sollte. Fragen wie „Warum ist die AfD immer noch da, obwohl ich beim Yoga war“ – auch wenn nicht ganz erst gemeint – zeigen ein Stück weit die Naivität.

Von Wegen Lisbeth die fehlende gesellschaftliche Relevanz vozuwerfen, wäre jedoch auch unfair, denn dass die vier Jungs mit viel Witz und Charm an ihre Musik gehen und ein gutes Händchen für tanzbare Songs beweisen, muss man auch anerkennen. Soundtechnisch bringen sie von Synthesizern bis Marimbas diverse Instrumente und Stile in ihrem gut gelaunten Indie-Pop-Sound unter, der dadurch mal an Bilderbuch erinnert und groovig voranschreitet wie bei der belgischen Indie-Pop-Band Balthazar.

Ihr Handwerk beherrschen sie und dass deutsche Popmusik nicht zwangsweise nach Mark Forster klingen muss, sondern junge Musiker durch handgemachte Musik und ausgefeiltes Songwriting radiotaugliche Hits abliefern und die großen Hallen des Landes bespielen, ist eine sehr positiv zu bewertende Sache. Von diesem Ansatz aus betrachtet machen die Songs, bespickt mit popkulturellen Referenzen von Lieferando bis Harry Potter, sogar Laune und bringen garantiert Schwung in die nächste Erstie-Party der Lehramts-WG von nebenan.

Abhilash Arackal

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