Rezension

UNKLE

Where Did The Night Fall


Highlights: Follow Me Down // Natural Selection // Ablivion // Ever Rest // Falling Stars
Genre: Elektropoprock
Sounds Like: Tricky // Massive Attack // DJ Shadow // Moby

VÖ: 14.05.2010

Eine spärlich bekleidete Dame räkelt sich an einer Wand, im Booklet finden sich diverse Negativbilder, die vor allem eines zeigen: viel Haut. Das Video zu „Follow Me Down“: Eine größtenteils nackte Frau tanzt ausdrucksstark zur Musik. Nein, wir sprechen hier nicht von der x-ten Auflage eines beliebigen Gangster-Hip-Hop-Albums, sondern von UNKLE. Seit jeher Ästheten sondersgleichen, wirkt die beschriebene Szenerie auch nur auf den ersten Blick platt. Auf den zweiten offenbart sie eine seltene Verknüpfung von Tanz, Körper und Kultur. Und auf den dritten Blick, beziehungsweise ersten Hördurchgang, liefern sie zu allem auch gleich den passenden Soundtrack. UNKLE, das war seit jeher ein Projekt mit einer unzähligen Anzahl an Gastsängern. „Where Did the Night Fall“ bildet da keine Ausnahme.

Besagtes „Follow Me Down“ eröffnet nach einem kurzen Intro die musikalische Reise durch Höhen und Tiefen der Nacht, zu der UNKLE einladen. Einen besseren Opener hätte es auch kaum geben können. Der psychedelische, schnelle Beat, dazu die geliehene Stimme der Sängerin von Sleepy Sun, die bei einem Björk-Ähnlichkeitswettbewerb sogar Björk selbst schlagen würde, weil sie es trotzdem schafft, nicht zu nerven. „Natural Selection“ folgt auf den Pfad zurück in die Vergangenheit. Mit Unterstützung der Black Angels wähnt man sich erneut irgendwo zwischen 1965 und 1975, aufgepeppt mit dem typischen Sound von UNKLE. Das verträumt-kühle 80er-Geplänkel „Joy Factory“, das hippieske „The Answer“, 90er-Indie in „On A Wire“ oder das Aufgreifen der abgeklärten 2000er-Jahre in „Falling Stars“ – UNKLE bedienen sich so weiträumig in der Musikgeschichte, dass es eigentlich nicht möglich ist, all dies unter einen Hut zu bringen. Dennoch schaffen sie es. Meistens bedingt durch einen unauffälligen Grundton, den sie jedem Stück beimischen, um die typische Färbung zu verleihen. Das Rezept geht deswegen auf, weil die unterschiedlichsten Sänger und Sängerinnen völlig verschiedene Ansätze und Stile mitbringen.

Wohin man skippt, (fast) nur Highlights: Die düsteren Momente wie das von Katarina Ford gesungene „Caged Bird“, wie „The Runaway“, das auch von Tricky sein könnte, wäre da nicht dieser Lo-Fi-Beat. Es gibt Stücke, wie „Ever Rest“, oder „Ablivion“ die im Grunde genauso klingen, wie auch schon andere UNKLE-Stücke vor ihnen, aber so sehr Hits sind, dass man sie einfach mögen muss. Lediglich den ewig schlecht gelaunten und gelangweilten Mark Lanegan zum Abschluss hätte man sich nicht unbedingt ins Boot holen müssen. „Another Night Out“ ist auch deshalb fehl am Platze, weil es jeglicher Dynamik entbehrt, die sich zuvor durch jede Sekunde von „Where Did The Night Fall“ zog.

UNKLE schaffen es mit ihrem vierten Album, über die gesamte Länge mit einem schlüssigen Konzept zu überzeugen, das bis auf das Ende spannend ist, immer wieder Stellen aufweist, die auch nach dem zehnten Hören noch anders klingen, als die neun Male davor und komplexe Strukturen so eingängig anbietet, dass man sich fragt, warum statt den üblichen Popverdächtigen nicht Stücke wie „Follow Me Down“, „Ever Rest“ oder „Falling Stars“ im Radio laufen.

Klaus Porst

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