Rezension

Torres

Silver Tongue


Highlights: Good Scare // Good Grief // A Few Blue Flowers // Gracious Day
Genre: Indie // Folk
Sounds Like: Lucy Dacus // Chelsea Wolfe

VÖ: 31.01.2020

Es gibt Künstler:innen, die einen genauen Blick auf das eigene (vielleicht noch junge) Leben herausfordern: Freundschaften wurden geknüpft, Wohnorte gewechselt, romantische Beziehungen erprobt – das große Lebenswerk lässt allerdings (noch?) auf sich warten. Doch Mackenzie Scott, besser bekannt als Torres, schafft genau dies mit ihren 29 Jahren auf ganz eigene Weise bereits zum wiederholten Male: Musik, die größer ist als das eigene Leben. Die US-Amerikanerin veröffentlicht mit „Silver Tongue“ nun ihr viertes Album, dieses Mal in sehr viel Eigenproduktion, und überzeugt damit auf ganzer Linie.

Scotts musikalische Überzeugungskraft entspringt ihrem Talent die richtigen Worte mit dem passenden Sound zu ummanteln, wie sie im titelgebenden Track selbst beschreibt:
„My mother told me every breath // Holds the power of life and death // My teachers warned me //
Watch what you sing // Whoever’s listening will believe // When you serve it up on that silver tongue“
.
Sie lässt eine:n so innerhalb von knappen 30 Minuten in ihre Welt abtauchen. Auffordernd streckt sie auf dem Cover die Hand aus und lädt uns ein näherzutreten. Den thematischen Rahmen bilden dabei das Begehren und die Liebe – und die ganze Gefühlspalette, die dieses Sich-Verletzlich-Machen mit sich bringt. Die Einblicke sind persönlich und mitunter extravagant. Gutes Beispiel scheint der vorab veröffentlichte Song „Dressing America“ samt dazugehörigem Video zu sein. Scott erscheint, ihren Nashville-Wurzeln treu, fast konservativ mit Cowboy-Hut, Stiefeln und Rodeo-Hose. Ebenso, wie sie mit Wein in der Hand beinahe unbekleidet mit ihrer Partnerin Jenna Gibbon tanzt (Gibbon ist Künstlerin und hat unter anderem das Cover-Artwork der Platte entworfen). Immer wieder mündet die Choreografie der beiden in vorsichtiges Ringen, vereint die Identitäten Scotts und zeigt zugleich zwei Frauen, wie sie kaum näher miteinander sein könnten. Textlich geht es um die Herausforderungen des Alleinseins („You think that I don’t know you don’t want to be alone? // Come on“). Eine künstlerische und gleichzeitig ganz persönliche Synthese gegen die Angst vor der Einsamkeit.

Klanglich hebt sich „Silver Tongue“ von ihren Vorgängerinnen ab: Der Sound wirkt insgesamt zurückhaltender und drängt sich weniger nach vorne. Dafür webt Scott vermehrt hier und da kleine elektronische Einflüsse mit ein. Wer den Ausbrüchen von Stimme und Gitarre auf den letzten beiden Platten verfallen ist, wird diese jedoch wahrscheinlich vermissen. Denn Songs wie „Strange Hellos“ oder „Helen In The Woods“ sind auf der aktuellen Platte nicht zu finden. Unerwartet ruhig erscheint die neue Platte so und doch nimmt sich Scotts druckvolle Stimme, vor allem in den tiefen Tönen, an exakt den richtigen Stellen den Raum.

Auch wenn wir mit 29 Jahren noch kein Werk erschaffen haben, das über die Grenzen des eigenen Lebens hinausgeht (und dies vielleicht auch nie werden), ist es fast tröstlich an etwas wie „Silver Tongue“ teilhaben zu können. Denn eines scheint klar: Torres' Zunge schimmert silbern, ihre Musik aber ist golden.

Nicole Dannheisig

Sehen


Video zu "Dressing America"

Hören


Audio zu "Good Scare"
Audio zu "Gracious Day"

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.