Rezension

Thom Yorke

Anima


Highlights: The Axe // Traffic // Twist
Genre: Elektro // Ambient // Avantgarde // Pop
Sounds Like: Atoms For Peace // Radiohead // Son Lux // James Blake

VÖ: 27.06.2019

Wie immer überraschend kündigte Thom Yorke kurzfristig das Erscheinen seines nach „The Eraser“ (2006), „Tomorrow's Modern Boxes“ (2014) und einem letztjährigen Soundtrackbeitrag dritten „vollwertigen“ Soloalbums „Amina“ an. Live waren einige Stücke bereits seit zwei Jahren Teil seiner Auftritte, nun also stehen die Studioversionen von „Twist“, „Impossible Knots“ und den sieben übrigen Stücken im Regal.

„Amina“ ist typisch Thom Yorke, was die Grundzutaten angeht, nämlich hochanspruchsvolles Elektrogefrickel zu dem Yorkes Gesangsspuren zu schweben scheinen. Untypisch ist, dass „Amina“ vom Sound her deutlich nach der Referenz klingt, die immer da ist: Radiohead. „The Eraser“ und auch „Tomorrow's Modern Boxes“ zeichnen sich vor allem dadurch aus, trotz Soundwirrwarr in reduziertem Gewand zu erscheinen und zusätzlich Fokus auf Yorkes über weite Strecken klagend klingenden Gesang zu legen. „Amina“ ist anders. Laut. Kraftvoll. Tanzbar.

Bereits „Traffic“ legt als zuckende IDM-Nummer mit voller Breitseite los. Ungelenk zwar, aber deutlich nach vorn preschend. „Last I Heard (… He Was Circling The Drain)“ beginnt hingegen sehr verhalten, baut gen Ende jedoch ein beachtliches Spannungsfeld auf, dessen Entladung jedoch verweigert wird. Dafür entschädigt „Twist“, welches nach vier Minuten eine wunderschöne Klaviermelodie aufnimmt, die nur noch von Yorkes einsetzendem Summen getoppt wird.

Mit „Dawn Chorus“ findet sich sogar ein Song wieder, welcher als Radioheadskizze schon einige Jahre immer mal wieder herumgeisterte. Auf „Amina“ ist er zudem das Stück, in dem am wenigsten passiert, pulsiert, pluckert. Auf einer simplen Keyboardnote basierend ist er so etwas wie der Ruhepol der Platte. Wenig später schüttelt Yorke in „I Am A Very Rude Person“ eine simple, aber eindrucksvolle Basslinie aus dem Ärmel.

Das Highlight schlechthin ist „The Axe“. Was sich als undefinierbares Störgeräusch dreißig Sekunden lang ankündigt, reißt beim Einsetzen des die folgenden sechs Minuten bestimmenden Melodiebogens alles ab. Selbst Radiohead schafften es nur in den seltensten Momenten, ein derart wunderschönes Stück zu erschaffen. Einziger Kritikpunkt ist die Platzierung. Nach diesem Song fällt alles Andere ab. Dass „Impossible Knots“ sowie das gesanglich experimentelle „Runawayaway“ ebenfalls großartig sind, fällt erst dann wirklich auf, wenn man „The Axe“ davor einmal weglässt, denn dieser Song überstrahlt alles. Da „Impossible Knots“ sogar noch einmal Richtung IDM-Tanzfläche geht, wäre es nahe „Traffic“ wohl besser aufgehoben, aber das ist an dieser Stelle ein typisches „First World Problem“. Seien wir also Thom Yorke dankbar, dass es „Amina“ überhaupt gibt.

Klaus Porst

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