Rezension

The Weeknd

Thursday


Highlights: Lonely Star // Thursday // The Birds Part 1
Genre: Dubsteb // Elektro // R'N'B // Soul
Sounds Like: Prince // Jamiroquai // Massive Attack // Portishead // Justin Timberlake // Burial

VÖ: 18.08.2011

Da denkt man immer, man hat schon alles gehört – und dann kommen die Jahresendlisten. Ab und zu ein Kopfnicken – ja, die Platte war gut 2011, die eher weniger, die war Hippsterkram, ne andere übertriebener Kunstunsinn wie James Blake. Fast wäre so auch eine, nein, sogar zwei besondere Platten durch das Klischeeraster gefallen – „House Of Balloons“ und „Thursday“, beides online veröffentlichte Album von „The Weeknd“. Gut, der Name klingt nach Berliner Hippsterparty, zu denen man mit unter 18 noch nicht und mit 21 nicht mehr reingelassen wird, aber weil es eben kostenlos verfügbar ist, kann man ja mal reinhören in die beiden Alben, die in so vielen Listen auftauchen.

Und siehe da: Man ist völlig überrascht und zunächst auch einmal überfordert. Soll man das ernst nehmen, was The Weeknd a.k.a. Abel Tesfaye einem da vorsetzt? Diesen Gesang, der purer R’n’B ist, der im besten Fall nach Prince klingt, nach Justin Timberlake, Jamiroquai oder sogar Michael Jackson zu guten Zeiten. Oder aber auch nach dem durchschnittlichem Chartsstück, bei dem eine männliche Stimme bis zur Unkenntlichkeit hochgedreht wurde. Also nichts, was man als sogenannter anspruchsvoller Hörer über sich ergehen lassen muss. Wäre da nicht das, was um die Stimme herumgebastelt ist. Denn dies könnte interessanter, intelligenter und großartiger kaum sein.

Das „Thursday“ R’n’B ist, der keiner ist, und zudem so gut wie nie die Chance hat, in einem durchschnittlichen Club gespielt zu werden, mag das Dilemma dieses Album sein. Denn die Atmosphäre, die Tesfaye schafft, könnte dichter und eindringlicher kaum sein. Vertrackte Portisheadbeats wie „Lonely Star“, das Takt für Takt voranstampfende „Life Of The Party“ – schwer ist es, das zu begreifen, was Sekunde für Sekunde auf einen einprasselt. Zwischendurch kann die Gitarre im Genremix mal zeigen, dass sie nicht nur zierendes Beiwerk eines Computerprogrammes ist.

Der düsterkalte Beat des Titelstückes erinnert irgendwie an den „The Crow“-Soundtrack, passt auch wunderbar zu verregneten Donnerstagen, wenn mal wieder keine S-Bahn fährt. Wer danach noch nicht heruntergezogen ist, wird vom spartanischen, reduzierten „The Zone“ mitgenommen, dessen Gesang wie immer nicht direkt darauf schließen lässt, ob Tesfaye nun klagt oder kündet. Das Doppelstück „The Birds“ verbindet Trommelwirbel, große Gesten, Pathos und den Aufbau eines trotzigen Anti-Liebes-Song mit dem in sekundenbruchteilen erfolgenden Zusammenbruch dieses Scheingebildes zu purer Verzweiflung. Kurz bevor man denkt, man hätte es irgendwie geschafft, die Facetten von „The Weeknd“ auch nur ansatzweise zu ergründen, knallt einem Tesfaye in „Heaven Or Las Vegas“ einen Reggae-Dubstep-Beat vor die Nase. Einfach so. Weil er es kann.

„Thursday“ ist wie „House Of Balloons“ ein Album, bei dem man zunächst einmal vor einer Wand steht. Man mag zurückschrecken und umdrehen wollen, angesichts des Gesanges, der so typisch von einer Musikrichtung blockiert ist, die für viele unbetretbares Terrain scheint. Auf der anderen Seite ist da schon nach Sekunden diese Neugier, zu schauen, was sich denn auf der anderen Seite befindet, wenn man es schafft, irgendwie hinüberzuklettern. Ob man dazu in der Lage ist, muss jeder für sich entscheiden. Eines sei nur verraten – es lohnt sich.

Klaus Porst

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Das Album zum Download
www.the-weeknd.com

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