Rezension

The Vaccines

English Graffiti


Highlights: Handsome // 20/20 // Denial
Genre: Indierock // Indiepop
Sounds Like: The Strokes // Arctic Monkeys // The Libertines

VÖ: 22.05.2015

The Vaccines sind zu deutsch „Die Impfstoffe“, wie Wikipedia altklug verrät. Eine Information, die man getrost vergessen kann. Was man nicht vergessen kann, sind die schwitzigen Indie-Disco-Songs des ersten Albums der Londoner. Auf „What Did You Expect from The Vaccines?“ waren einfache Hits wie „Wreckin' Bar (Ra Ra Ra)“ oder „Post Break-Up Sex“, aber auch turmhohe Grower wie „All in White“. Damals herrschte Aufbruchsstimmung im Indierock-Land. Als mit „Come Of Age“ dann das zweite Album erschien, war die Ernüchterung umso größer. Mehr vom alten Rezept, aber ohne die nötige Frische – man kennt das Phänomen. Mit ihrem dritten Album „English Graffiti“ können The Vaccines also nur gewinnen. Und siehe da: Es geht wieder aufwärts.

Der Opener „Handsome“ legt gleich ordentlich Druck vor und rockt die Indie-Girls in Ekstase, bis die blonden Strähnen auf der Stirn kleben bleiben. Und dabei sind sie „so pretty“. Metaebene? Keine Spur. Spaßfaktor? Auf dem Maximum! Das Rad muss nicht neu erfunden werden, es läuft schließlich rund. Genauso „Dream Lover": Das haben die Arctic Monkeys so schon gut und vielleicht sogar besser gemacht, aber die Bassdrum dröhnt im Ohr und der hymnische Refrain geht schon beim ersten Durchlauf ins Langzeitgedächtnis. „Minimal Affection“ klingt dann allerdings wieder mehr nach einer B-Seite der Strokes als nach einem erinnerungswürdigen Song. Das geht besser im herrlich verspielten „20/20“. Wer zu diesem Song in der Sonne radelt, läuft Gefahr, sich hektisch tretend zu verausgaben. Tempo, Tempo, mehr Tempo.

Aber wo bleibt der inoffizielle Nachfolger von „All in White“, der besten Single des Debütalbums? Die Entschleunigung kommt in Form von „(All Afternoon) In Love“. Nicht gleichwertig, aber niedlich und verträumt aus dem Fenster blickend wie ein langhaariger 15-Jähriger in der Mathestunde. Die Themen sind auf „English Graffiti“ genauso wenig neu wie die Song-Strukturen, aber die Londoner (Achtung!) versprühen gute Laune. Justin Hayward-Youngs Stimme bringt die nötige Naivität rüber, um die Liebeslieder zu verkaufen und beim heimlichen Star des Albums, dem Song „Denial“, zeigt er, dass er auch mehr als eine Oktave kann.

Der Spaß des neuen Vaccines-Album geht zwar nur etwas länger als eine halbe Stunde, aber das macht den Reiz der Indie-Rocker aus. Außerdem kann man das Album getrost mehrfach hintereinander hören. Langweilig oder nervig wird es so schnell nicht. Warum der Titelsong zusammen mit ein paar verschiedenen Edit-Versionen nur in der Special Edition verfügbar ist, bleibt allerdings ein Rätsel. Spielt am Ende aber auch keine Rolle, weil „English Graffiti“ wieder einiges von dem Charme hervorrufen kann, den The Vaccines zwischendurch verloren hatten. Und der Indie-DJ grinst verschmitzt, denn er hat wieder ein paar Songs mehr für seine Playlist.

Arne Lehrke

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