Rezension

The Mountain Goats

Getting Into Knives


Highlights: Picture Of My Dress // As Many Candles As Possible // The Great Gold Sheep
Genre: Folk-Rock // Indie-Rock // Americana
Sounds Like: The Weakerthans // The Magnetic Fields // Okkervil River

VÖ: 23.10.2020

2019 erschien Rian Johnsons Film „Knives Out“, vordergründig eine Detektivgeschichte à la Agatha Christie, nicht allzu subtil allerdings auch eine kritische Analyse der USA, ihrer reichen, weißen Elite und deren Umgang mit den Immigrant*innen, die für sie arbeiten. Die Beziehung zwischen Johnson und The Mountain Goats begann 2006 mit dem Musikvideo zu „Woke Up New“ und seither kreuzten sich die Wege immer wieder. Es überrascht also nicht, dass sich Cover und Titel von „Getting Into Knives“ auf den Film beziehen und das Thema als Sprungbrett für Sänger John Darnielles eigene Geschichten dient: Es geht um Menschen am Rand der Gesellschaft, das kleine Leben, die Träume und Alpträume der Vielen, die er aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet.

„Getting Into Knives“ ist das zweite Album der Band dieses Jahr. Im Gegensatz zum Vorgänger „Songs For Pierre Chuvin”, den Darnielle wie zu Solozeiten nur mit einer Gitarre auf seiner Boombox aufnahm, bauen The Mountain Goats mit Hilfe von Bläsern, Klavier, Akkordion und besonders dem Orgelspiel von Musikerkollege Charles Hodges einen vielschichtigen, Americana-inspirierten Sound. Zwischen den liebevollen Schnörkeln und treibenden Rhythmen reißt der soulige Rock’n’Roll immer wieder bedrohlich auf.

Auch in den Texten brodelt es unter der Oberfläche und wie immer zeigt Darnielle sein viel beschworenes Können als Dichter und Erzähler. In „Picture Of My Dress“ versucht eine Frau auf einem Roadtrip ihre Scheidung zu verarbeiten. Umspielt von sanftem Country, fühlt man sich sofort auf die einsamen Highways New Mexicos versetzt. „As Many Candles As Possible“, das Glanzlicht des Albums, entwickelt eine rumpelnde, mitreißende Wucht, die die abstrakten, beängstigenden Zeilen noch verstärkt. Und mit ungewohnt hoher Stimme singt Darnielle in „The Great Gold Sheep“ über die Vergänglichkeit von Ruhm, während die Drums leise, aber bestimmt den Herzschlag vorgeben, bevor das Lied im Sand verläuft.

„Getting Into Knives“ ist kein hoffnungsloses Album, es ist ein Aufruf zu mehr Empathie, untermalt von wunderschönen Melodien. Ob Wölfe, Schafe oder Ratten, alle stecken in einem ewigen Kampf um Anerkennung und Überleben. Trauer, Wut und Flucht sind ständige Begleiter der Menschheit, man kann ihnen nur mit Mitgefühl begegnen. Und wie Benoit Blanc, dem Ermittler in "Knives Out", muss man dafür allen die gleiche Aufmerksamkeit entgegenbringen.

Marc Grimmer

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Video zu "As Many Candles As Possible"
Video zu "Get Famous"
Video zu "Picture of My Dress"

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