Rezension

The Most Serene Republic

Population


Highlights: Compliance // Present Of Future End
Genre: Bombast-Indie-Pop
Sounds Like: Broken Social Scene // Stars // The Dismemberment Plan // The Flaming Lips

VÖ: 25.01.2008

Der erste Satz dieser Rezension, der durch diesen Satz genau genommen zum zweiten Satz wird, erfordert unter Umständen ein erhöhtes Maß an Konzentration: Win Butler, verkleidet als Richard Perry, mit der Stimme von Will Butler (alle drei Arcade Fire), stellte letztes Jahr in einem Video, das die Vorfreude auf das zweite Arcade-Fire-Album nochmal um ein Vielfaches steigerte, eine sehr interessante Frage: "Do you remember how music used to make you feel?" Ehrensache, dass Arcade Fire einem die Antwort mit ihrer "Neon Bible" deutlich leichter machten, denn dieses beste Album des Jahres 2007 hatte unter anderem die große Stärke, Gefühle in einer Intensität auszulösen, wie es Musik lange nicht getan hatte.

Wieso es in dieser Einleitung nicht um "Population", das neue Album von The Most Serene Republic geht? Nun - geht es natürlich doch. Weder, weil "Population" ebenfalls ein Zweitwerk ist, noch, weil The Most Serene Republic ebenfalls aus Kanada kommen. Sondern weil diese kleine Geschichte über Arcade Fires "Neon Bible" einen ohne Umwege zum großen Problem von, auf und mit "Population" katapultiert...

Okay, das Geschoss hat den Wurfarm also verlassen, doch bevor es landet und etwas kaputt macht, halten wir kurz die Zeit an und gehen ziemlich genau zwei Jahre zurück. Taucherbrillen und Schnorchel aufsetzen, wir tauchen unter - "Underwater Cinematographer", das Most-Serene-Republic-Debüt, weckte nicht zuletzt wegen Artwork und Albumtitel Unterwasserassoziationen. Sensationell war an dem Album allerdings nichts, abgesehen davon, dass The Most Serene Republic die erste Band auf dem kanadischen Arts&Crafts-Label waren, bei der kein Mitglied von Broken Social Scene mitwirkte. Ansonsten war der Indie-Pop schön, bisweilen sogar gut, doch die Referenzen waren zu eindeutig und die Soundschichten zu zahlreich. Die Produktion trug ihren Teil zum kleinen Unglück bei und konnte die meisten Songideen nicht davor retten, unter den Schichten begraben zu werden.

Wieso dieser Ausflug in die Vergangenheit nötig war? Nun - es klingt zwar gemein, aber es ist eben auch wahr: Das Überladene hat bei The Most Serene Republic Tradition. Grandiose Ideen, die kaum noch zu entdecken sind. Oder schlimmer: nie vorhanden waren. Manches klingt fast geklaut. Der Opener "Humble Peasants" zum Beispiel. Sobald dort der Basslauf einsetzt, könnte man problemlos Feists Vocals von Broken Social Scenes "Our Faces Split The Coast In Half" drübermixen. Doch eben solche Vocals wie die von Leslie Feist, die bei BSS über dem scheinbaren Chaos schweben und es zu einem Hit machen, fehlen dem TMSR-Pendant. Es ist nett, aber es reißt nicht mit. Das mag auch am Songwriting liegen, das einfach nicht an das der offensichtlichen Vorbilder heranreicht.

Ich möchte noch etwas näher auf das Problem mit dem Gesang eingehen; es ist selbstverständlich ein eher subjektives. Die Stimme von Adrian Jewett ist halt einfach etwa so umwerfend wie Windstärke 2 auf der Beaufort-Skala, und seine Duettpartnerin Emma Ditchburn ist ihm da nicht allzu weit voraus. Blöde Sache. Dass sich so ein Duett trotzdem schön anhören kann, zeigt "Compliance", einer der vier Hits des Albums neben "Present Of Future End" (die Instrumentierung erinnert an die Stars), "Battle Hymn Of The Republic" (der Gesang erinnert besonders in der Strophe an die Shins) und "Sherry And Her Butterfly Net" (erinnert die ganze Zeit an The Dismemberment Plan).

Das Geschoss ist übrigens immer noch in der Luft. War ja auch ein fettes Katapult. Trotzdem setzt es jetzt zur Landung an: Der Punkt ist nämlich der, dass bei den restlichen Songs - bedingt durch die genannten Gründe - beim Hörer nichts ankommt, außer vielleicht einer gemäßigten Begeisterung dafür, dass The Most Serene Republic ihr Handwerk durchaus verstehen. Schönklang, erzeugt durch das Zusammenspiel von allerlei wundervoll gespielten Instrumenten. Produzent und Keyboarder Ryan Lenssen sagte über "Population": "Every word and note is so placed to be the most biting it could be." Aber ich fühle nichts.

Mario Kißler

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