Rezension

The Dillinger Escape Plan

Option Paralysis


Highlights: Farewell, Mona Lisa // Endless Endings // Widower // I Wouldn't If You Didn't
Genre: Math-Core // Rock
Sounds Like: The End // Botch // The Chariot // Faith No More // Nine Inch Nails

VÖ: 26.03.2010

Ist es schön, die Wahl zu haben? Nun, es hängt vom Standpunkt ab. Gilt es, als Herr der Lage eine Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten zu treffen, kippt die Waage notgedrungen irgendwann zu einer Seite. Aber bei mehreren hundert Optionen, wenn das eigene Ross nicht gerade das höchste ist? Tatsächlich wird die Entscheidung gar nicht erst gefällt. Es kommt zur so genannten „Option Paralysis“. Ein psychologisches Phänomen, was treffenderweise Titel seiner musikalischen Entsprechung ist: The Dillinger Escape Plan.

Da Besetzungswechsel bei dieser Band Dauerthema sind, gleich mal vorweg: Der Neue im Plan heißt Billy Rymer und spielt Schlagzeug. Und das – wie könnte es anders sein – wie ein besessener Epileptiker. So einen Irren braucht man auch an den Fellen, klingt man, wie diese Band nun mal klingt: Als würde ein grundauf sadistischer Herzchirurg mit seinem Schnippelwerkzeug endlich mal die Sau raus lassen. Für die Massen ist das wirres, unerträgliches Gemetzel, wer der Sache mehr Zeit widmet, erkennt hier Präzision, Leidenschaft und den Antrieb dieses scheinbar zügellosen Irrsinns. Das war schon beim Vorgänger so und ja: So groß wie von „Miss Machine“ zu „Ire Works“ ist der Schritt dieses Mal nicht. Vielmehr steht als Maxime der Schliff am eigenen Songwriting

Die Hits (bei dieser Band gleichbedeutend mit „Songs mit Melodie“) zwängen sie nun nicht mehr in das Korsett einzelner Songs, sondern bröseln immer wieder harmonische Brocken über ihre spastischen Frontalattacken. Und die Sperrigkeit steigt weiter an. Paradebeispiel: „I Wouldn’t If You Didn’t“, das plötzlich zu Schrott geschrammelt und dann mit Jazz-Piano wieder aufgerichtet wird. Überhaupt Piano: In diesem Fluchtplan gehört es inzwischen zum Basisinventar.

So auch „Widower“: Lounge-Jazz, Vocals, die von Mike Patton persönlich stammen könnten und erbarmungsloses Metal-Gedresche – den dramaturgischen Aufbau dieses Monolithen und Instant-Klassikers dürften selbst Arrangierfreaks wie Porcupine Tree oder Dream Theater anerkennend abnicken. Doch auch was Dillinger Escape Plan schon in kompromiss- und harmoniefreien Zweieinhalbminütern („Endless Endings“) an Ideen unterbringen, ist schlicht gesagt unfassbar.

Es ist fast so, als hätte alles hinein gemusst. Als hätte man sich eben nicht entscheiden können, welcher Teil des Songs nun fliegt. So viel zum Titel. Ob sie den genialen Vorgänger nun getoppt haben oder nicht – die Frage ist hinfällig. Denn der immer wieder geführte Vergleich zu Faith No More trifft es diesmal. War „Ire Works“ ihr „King For A Day, Fool For A Lifetime“, ist „Option Paralysis“ entsprechend „Angel Dust“. Erstmal schwieriger, am Ende aber entlohnender.

Gordon Barnard

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