Rezension

Sigur Rós

Með Suð I Eyrum Við Spilum Endalus


Highlights: Inní mér syngur vitleysingur // Illgresi // Fljótavík
Genre: Pop
Sounds Like: Amiina // The Album Leaf // Múm // Explosions In The Sky

VÖ: 20.06.2008

Bei Sigur Rós weiß man nie, ob man sie beneiden oder bemitleiden möchte. Beneiden ob ihrer außergewöhnlichen Stellung in der Musiklandschaft, durch die sie extrem viele, sehr treue, fast fanatische Fans haben. Andererseits wird genau das zum Problem. Denn diese haben eine unheimlich hohe Erwartungshaltung gegenüber ihren Lieblingen und werden zwar jeglichen Output der Band weiterhin in die Charts hieven, erwarten aber mindestens ein Album, das ihr gesamtes Gefühlsleben anregt und widerspiegelt. Ob verliebt, depressiv, verträumt, fröhlich gelaunt, jegliches Extrema haben die vier Isländer bitteschön zu servieren.

Gerade aber das Gefühl der Fröhlichkeit oder auch der Unbeschwertheit blieb bislang eher indirekt sichtbar im Sigur-Rós-Universum, spätestens jedoch das heimelige Heima setzte ganz auf das Lebensgefühl der neuen Hippies. An diesem Punkt beginnt „Með Suð í Eyrum Við Spilum Endalaust“. Selbst wenn im Video zu Gobbeldigock nicht bereits im Wald umhertollende nackte Menschen zu sehen wären, das gleiche Video würde doch im Kopfkino eines jeden laufen. Sigur Rós entdecken die Leichtigkeit des Lebens und schaffen es innerhalb von Sekunden, den Zuhörer damit zu verwirren. Denn dieser Ansatz ist neu. Bisher setzte man vor allem auf Pathos – schwere Streicher, Klaviereinsatz und der unverwechselbare Einsatz eines Violinenbogens auf der Gitarre. Unbeschwertheit heißt der neue Ansatz, die sich auch im Titel, der zu Deutsch "Mit einem Summen im Ohr spielen wir endlos" lautet.

Auch der zweite Song „Inní Mér Syngur Vitleysingur“ spielt mit der neu entdeckten Fröhlichkeit, wenngleich weniger aufregend und verhaltener. „Góðan daginn“ („Schöner Tag“) bildet da keine Ausnahme dieser ersten Albumhälfte.Da, wo das erste Video im Wald spielte, kann man sich nun vorstellen, ein verträumtes Pärchen über Wiesen (natürlich die weiten, unberührten Wiesen Islands) springen zu sehen, selbstverständlich mit Blumenkranz im Haar. Was bereits „Heima“ bildgewaltig suggerierte wird hier auditiv umgesetzt – Island scheint die verträumt-schöne Insel der Glückseligen zu sein und genau deshalb haben Sigur Rós so viele Anhänger – eben weil sie einem vorspielen, es gäbe noch Orte natürlicher Glückseligkeit und Gefühlswelten auf dieser Erde.

Auf diese, auf vier Songs verteilten, ersten fünfzehn Minuten Lebensfreude der Platte folgt „Festival“, der komplette Gegensatz. Man hätte diesen Song wohl besser als neuntes Stück der „( )“ platzieren sollen, so sehr passt er eher dorthin, als zu eben jenem Einstieg auf „Með suð í eyrum við spilum endalaust“. Knapp zehn Minuten, behäbig, lang gestreckt, für die Deprifraktion unter den Fans, die statt mit ihrer Liebsten auf den Wiesen zu tollen eben solchen Momenten hinterher trauern. Dazu die sehr gequält wirkende Stimme des Sängers Jónsi und kein Auge bleibt trocken. „Með Suð í Eyrum“ schließt an, möchte die teilweise weggetretenen Hörer wieder ins Diesseits zurückholen, ist aber nicht mehr oder weniger als ein „typischer Sigur-Rós-Song“ nach Baukastenschema. Sie wissen schon, die Streicher, Klaviereinlagen und Gitarre. Leider eröffnet dann „Ára Bátur“ eine Schwachstelle der Band – zu viel Kitsch. Während der Song in den ersten sechs Minuten nur so vor sich hinplätschert, steigt gegen Ende ein komplettes Orchester mitsamt Bombastsound ein und verleiht dem Stück ungewollt den Pathos eines Hollywoodfilms.

Umso besser, dass auf derlei Auswüchse in den nächsten beiden Stücken verzichtet wird. "Illgresi" und "Fljótavík" sind das Gegenteil von Bombast. Stark reduziert, oftmals nur von einem einzigen Instrument begleitet, singt sich Jónsi durch wie immer unverständliche, weil entweder auf Isländisch oder der Kunstsprache Hopelandish verfasste Texte. Vor allem diese beiden Stücke lassen merken, dass die Intensität und Leidenschaftlichkeit, mit der die vier zu Werke gehen, nicht aufgesetzt, sondern vielfach auch gelebt ist. Es folgt dann noch nach einem kurzen Intro das sehr einlullende „All Alright“, für all jene, die Sigur Rós zum einschlafen hören und bis zum letzten Lied durchgehalten haben.

„Með suð í eyrum við spilum endalaust“ könnte ein Zwischenwerk werden, den Übergang von den alten zu den neuen Sigur Rós markierend. Deutlich zeigen die Isländer hier auf, dass sie eine breite Varianz an Stilen beherrschen und in Zukunft weiter entwickeln können. Als umso interessanter wird wohl das nächstfolgende Sigur-Rós-Album erwartet werden können. Bis dahin mag noch viel Zeit vergehen, die man mit einem Summen im Ohr auf den schönen Plätzen dieser Welt verbringen kann.

Klaus Porst

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