Rezension

Sebastian Maschat & Erlend Øye

Quarantine At El Ganzo


Highlights: Wipeout // Price // Keycard
Genre: Pop // Softrock
Sounds Like: Kings Of Convenience // Erlend Øye // The Whitest Boy Alive // Junior Boys // Rhye // Air // João Gilberto

VÖ: 31.07.2020

Es ist der März des Jahres 2020. Wir sind in Baja California. Der eine denkt dabei an Bandenkriege, der andere an Surfen, einige auch an Musik. The Whitest Boy Alive wollen zwei Festivals spielen und einige Tage im Studio des Hotel El Ganzo schauen, was so möglich ist.

Wie gesagt, es ist der März ‘20. Also wird aus diesen Plänen natürlich nichts. Die Festivals sind abgesagt dank SARS-CoV-2, und Einreisende aus Europa müssen 14 Tage in Quarantäne.

Erlend Øye ist schon 14 Tage da und Sebastian Maschat hatte in Costa Rica überwintert. Die Studiozeit steht für einige Tage zur Verfügung und Musiker sind auch vor Ort. Maschat und Øye haben jeweils eine Reihe Songs in der Schublade, also entsteht eine improvisierte Band aus Studio-Ingenieur, Tour-Manager, Hotel-Manager und Maschat und Øye. In dieser Besetzung und produziert von Erlend Øye werden 13 Songs aufgenommen und münden im Album “Quarantine At El Ganzo”.

Es ist nicht falsch, diese Stücke im Kern als typische Øye-Stücke zu bezeichnen. Seine Handschrift dominiert zumindest scheinbar. Es sind sanft tanzbare Stücke, die unterkühlte Perfektion und mittelamerikanische Rhythmen verbinden. Es ist Pop voller Sehnsucht nach den 1960ern, nach Bossa-, Cha-Cha- oder Mittelmeer-Urlaub-Ästhetik. Andererseits ist “Quarantine” eine gebrochene Platte. Das zeigt sich weniger an klar unterschiedlichen Schreibstilen von Maschat und Øye – dazu haben sie vielleicht zu lange zusammengearbeitet –, vielmehr hören wir zum einen den perfektionierten Pop-Sänger Øye und zum anderen den charmant unperfekten Sänger Maschat.

Die Stücke auf “Quarantine” sind 13 unauffällige Pop-Songs. Sie überzeugen in ihren klaren Harmonien, in den homogenen Arrangements und in ihrer Unaufgeregtheit. Wie aber vielleicht üblich für ein Projekt mit Beteiligung Øyes, ist hinter diesem vordergründigen Eindruck manches mehr zu entdecken. Es sind nicht der Gesang, der Bass, die Gitarre, das Schlagzeug, die hier aufhorchen lassen, es sind die kleinen Elemente. Es ist zum Beispiel das Flötenspiel, das stocken lässt, das die Platte über das Level reiner Untermalung hinaus hebt.

“Quarantine At El Ganzo” hätte wahrscheinlich auch in anderen Jahren unter anderen Umständen ähnlich entstehen können. Tatsächlich kennen wir die meisten Klangfarben, Harmonien und stilistischen Elemente aus Maschats und Øyes vergangenem Schaffen. Und doch erscheint die Platte in ihrer Aneinanderreihung von Surfmusik, Bossa, Cha-Cha-Cha, Indierock und analog eingespielter House-Musik speziell. Vielleicht trägt die Musik das Spontane ihrer Entstehung zu den Hörer:innen. Vielleicht sind die Einflüsse der drei zufälligen Mitmusiker bedeutender, als erahnt werden kann.

Oliver Bothe

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