Rezension

Schrottgrenze

Glitzer Auf Beton


Highlights: Sterne // Lashes To Lashes // Zeitmaschinen
Genre: Indiepop
Sounds Like: Junges Glueck // Herrenmagazin

VÖ: 20.01.2017

Alex Tsitsigias, Sänger der Indiepopband Schrottgrenze, ist glücklich und mit der Welt und sich selbst im Reinen. Und das hört man: Im Gegensatz zu „Schrottism“, dem letzten Album von Schrottgrenze, auf dem es häufig melancholisch und nur sehr selten fröhlich zuging, wirkt das Comeback-Album „Glitzer Auf Beton“ euphorisch und lebensbejahend. Die Erklärung dafür ist sehr einfach: Tsitsigias hat sich als queer geoutet und seitdem ist es, als wäre ein riesiges Gewicht von seinen Schultern gefallen. Er hat sichtlich keine Lust mehr, sich zu verstecken, weder privat noch musikalisch. „Glitzer Auf Beton“ ist ein eindrucksvolles Manifest dafür geworden.

Schon die Vorabsingle „Sterne“ ließ keinen Zweifel daran, dass sich Schrottgrenze nach der Wiedervereinigung nun auch mit politischen Themen beschäftigen, vor allem mit dem Politischen im Privaten. Der Song feiert Menschen, die sich nicht zu klassischen Genderrollen zugehörig fühlen und will Mut machen: „Lieb doch einfach, wen du willst!“ Auch in anderen Liedern ist das Thema Queerness präsent. Manchmal sehr plakativ, wie in „Lashes To Lashes“, das neben „Sterne“ das Herzstück des Albums darstellt. Es geht darin um das Leben als Dragqueen und den Umgang mit den damit verbundenen Vorurteilen. Manchmal sind es aber auch nur einzelne Zeilen, die darauf hinweisen, dass Schrottgrenze sich im Geiste mit Bands wie Against Me und ihrer Frontfrau Laura Jane Grace verbunden fühlen; zum Beispiel, wenn es im Opener „In uns schlagen starke Trans Soul Rebel Hearts“ heißt oder es an anderer Stelle „einmal queer durch’s Universum“ geht.

Da die Songs mit der offensichtlichen Queer-Thematik fast alle am Anfang stehen, werden Homophobe und andere Idioten rechtzeitig aussortiert, bevor die zweite Albumhälfte dann in Manier von „Château Schrottgrenze“ und klassischem Indiepop von Alltagsbeobachtungen und allgemeinen zwischenmenschlichen Beziehungen handelt. Vor allem „Zeitmaschinen“ erinnert mit wavigem Einschlag stark an solche Zeiten. Und „Dulsberg“ klingt dann wieder, als wäre es direkt vom rockigeren Album „Das Ende Unserer Zeit“ genommen. Eigentlich kein Wunder, schließlich handelt es sich bei „Glitzer Auf Beton“ nicht um ein Soloalbum, sondern um eine echte Bandplatte. Und das bedeutet, dass alle Mitglieder zu gleichen Teilen am Songwriting beteiligt waren. Der größte Vorteil daran ist, dass man schnell merkt, wie ähnlich sich die Songs eigentlich sind und wie gut sie zusammenpassen. Und dass die sexuelle Orientierung oder Genderidentität keinerlei Einfluss auf die Ohrwurm- oder Mitsingqualitäten haben. So feiert „Glitzer Auf Beton“ nicht nur das Anderssein, sondern auch sehr gekonnt das Zusammenleben – gegossen in gefälligen Indiepop.

Lisa Dücker

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Video zu "Sterne"
Video zu "Zeitmaschinen"

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