Rezension

Protomartyr

Relatives In Descent


Highlights: A Private Understanding // Windsor Hum // Male Plague // Half Sister
Genre: Postpunk // Noise
Sounds Like: Iceage // Pere Ubu // No Age // Ought

VÖ: 29.09.2017

Zuallererst sei gesagt: Wer für „Relatives In Descent“ die Lautstärke nicht voll aufdreht, soll lieber erst gar nicht reinhören. Eine der besten Produktionen seit langem ist es verdammt noch mal wert entsprechend zelebriert zu werden. Sonny DiPerri (u.a. Animal Collective, Dirty Projectors) hat dem vierten Album von Protomartyr einen Sound auf den Leib geschneidert, der einfach nur gigantisch ist. Selten hat man jedes Instrument dermaßen klar und deutlich herausgehört. Drums und Bass sind so tight wie eine Rhythmusfraktion nur sein kann, die Gitarre klingt zu jeder Zeit wie der feuchte Traum eines jeden Saitenliebhabers. Ob verzerrt oder clean.

Das ist aber nur ein Grund, weswegen die neue Platte von Protomartyr eine deutliche Weiterentwicklung zum bisherigen Schaffen darstellt. Die Band aus Detroit schafft es darüber hinaus, ihr Songwriting auf ein ganz neues Level zu hieven. Die Verschmelzung aus Komplexität der Songstrukturen und ultra-melodiösen Parts gelingt in „Relatives In Descent“ in Perfektion. Das wird direkt mit dem Opener „A Private Understanding“ unmissverständlich klar gemacht. Das Schlagzeug stolpert mehr oder weniger durch das Stück, die Gitarre baut eine fast schon bedrohliche Atmosphäre auf. Dazu gesellt sich der Sprechgesang von Joe Casey, dessen Lyrics unglaublich tiefgründig, ja fast schon poetisch daherkommen. Dann ein plötzlicher Ausbruch, der gleichermaßen brutal und erhaben ist, nur um direkt wieder von der nächsten Strophe geschluckt zu werden. Das alles mündet dann in einem finalen Höhepunkt, in dem Casey immer wieder „She's just trying to reach you“ predigt, während der Lautstärkeregler weiter an den Anschlag gedreht wird. Was für ein Song.

Es gibt einige solcher Highlights auf „Relatives In Descent“, die so viele Post-Punk-Versuche aus den vergangenen Jahren einfach locker in den Schatten stellen. „Windsor Hum“ ist mit seiner unglaublichen Wucht im zweiten Abschnitt ein absolutes Monster von einem Song. „Male Plague“ schreddert einfach alles weg, was sich Punk oder Noise nennt. Und der Schlusstrack „Half Sister“ liefert mit einem Basslauf für die Ewigkeit einen der besten Albumcloser der letzten Jahre.

Das fast schon Erschreckende ist, dass selbst die Songs, welche die großen Meisterleistungen „rahmen“ noch zu gut sind, um einfach so unter den Tisch gekehrt zu werden. Gerade sie tragen sogar zu der fast schon erstickenden düsteren Atmosphäre im besonderen bei. Wenn Casey den bösen Zwilling von Nick Cave gibt („Here Is The Thing“), eine Punknummer wie „Don't Go To Anacita“ mal etwas Licht reinlässt oder Drummer Alex Leonard in der Musik gewordenen Apokalypse „Up The Tower“ einfach völlig hohldreht, dann muss man einfach hinhören. Und staunen.

Protomartyr schaffen auf ihrem neuen Album das, was vielen Bands nie gelingt: Sie machen einen Quantensprung in Sachen Songwriting, ohne ihre eigenen Stärken über Bord zu werfen. Es gab viele gute, ja sehr gute Post-Punk-Platten in letzter Zeit. „Relatives In Descent“ sticht unter diesen aber noch einmal deutlich heraus. Aufgrund des Sounds, aufgrund der Lyrics, aufgrund der spannenden Songarrangements, aufgrund der Melodien. Im Prinzip aufgrund von allem.

Benjamin Köhler

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