Rezension

Prinz Pi

Nichts War Umsonst


Highlights: Trümmerfeld // Haus im Wald // Für Immer Und Immer
Genre: Deutschrap // Radio-Pop
Sounds Like: Fabian Römer // Chakuza // Sido

VÖ: 03.11.2017

Mit Prinz Pi ist es so eine Sache. Einerseits ist seine künstlerische Person geprägt vom ewigen Ankämpfen gegen den Vorwurf des Sell Outs. Andererseits dürfte er wohl der einzige Rapper Deutschlands sein, der sich bewusst in den Nerdhaftigkeiten analoger Aufnahmetechniken und -Equipment der 60er verliert und zum audiovisuellen Perfektionismus neigt.

Letzteres muss man nicht mögen, man muss nicht mal besonderen Wert darauf legen. Aber man darf es wohlwollend anerkennen. Ebenso wie das zur Marke gewordene Missverständnis von Pi als letztem Intellektuellen des Deutschraps. Doch genau hier entsteht seit einigen Jahren ein immer größer werdendes Spannungsverhältnis. Wie kann es sein, dass der sich selbst in Interviews in seiner bürgerlichen Intelligenz suhlende Pi mit immer vereinfachteren Federmäppchen-Weisheiten für die Swagger der Gen X aufwartet und sich zusehends von sich selbst entfernt? Seit Jahren weist Pi diese Anschuldigungen mit den berechtigten „Künstler porträtieren ihre Leben. Leben ändern sich.“-Mantras von sich. Doch so ganz wahr ist das schon länger nicht mehr. „Kompass Ohne Norden“ konnte man inhaltlich noch entsprechend verargumentieren.

Spätestens „Nichts War Umsonst“ muss sich leider der Zerreißprobe stellen. Nicht zuletzt, weil Pi verkündete, dass dieses Album das beste Pi-Album und eine Quintessenz des bisherigen Schaffens sei. Und tatsächlich bedienen sich die Songs inhaltlich und musikalisch am reichhaltigen Ouvre des selbsternannten Prinzen – jedenfalls dem seit seiner Umbenennung von Porno zu Pi. Es geht um Beziehungen, die meist gescheitert sind, um Sehnsuchtsorte, um die Welt durch die Augen seiner Kinder, um Selbstwert, Orientierungslosigkeit und vor allem Zukunftsangst. Gerade jene Themen scheinen wie in einer Marktforschung auf die Zielgruppe in A/B-Testings zugeschnitten und mit einem Mark-Forster-Refrain zum 1Live-Hit hochpoliert. Und so relevant diese Themen für ebenjene Zielgruppe sind, so wenig glaubhaft wirken sie aus dem Mund eines 38-jährigen Vaters zweier Kinder. Teenage Angst ist, so wohlwollend man es dreht und wendet, eben nicht Teil seiner Realität. Und hier wird das eben erwähnte „Künstler porträtieren ihre Leben. Leben ändern sich.“-Argument gnadenlos ad absurdum geführt.

Viel ehrlicher wird Pi, wenn er politisch wird oder den Kampf mit seiner Depression zum wiederholten Male in geschickte Metaphern verpackt. Doch diese Songs sind auf diesem als alternatives Best-Of-Album verpackten Release nunmehr nur noch für einen Bruchteil verantwortlich.

„Nichts War Umsonst“ ist ein Offenbarungseid des Selbstverständnisses des Künstlers. Und so stellt sich dann doch die Frage: „Quo Vadis, Prinz?“. Man muss kein ewiggestriger Prinz-Porno-Head sein, um die Frage zu stellen, warum einer der potenziell klügeren, interessantesten Köpfe der Szene sich nicht den großen Themen und Weissheiten widmet. Die Antwort dürfte bekannt sein, die Frage daher eher rhetorisch. Schade ist es allemal.

Andreas Peters

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