Rezension

Portugal. The Man

Censored Colors


Highlights: Colors // And I // Created // 1989
Genre: Psychedelic-Rock // Indie
Sounds Like: Pink Floyd // The Mars Volta // Deep Purple

VÖ: 05.09.2008

"Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher" ließ George Orwell schon 1945 seine machtsüchtigen Schweine in der politischen Mammutmetapher "Animal Farm" feststellen. Um das Buch soll es an dieser Stelle nicht gehen, nicht mal um Gesellschaftskritik. Auch hat Orwell nicht bereits vor 53 Jahren die perfekten Worte gefunden, die irgendein pseudoliterater Schreiberling von helga-rockt nun aberschlau aus einem Mangel an Eigenkreativität zitieren kann. Orwell hat lediglich die Antithese zu dem gebracht, was dieser Rezension als Steilvorlage dient. Denn "alle Tiere sind anders, nur einige sind noch andersartiger" trifft wie kein anderer Ausspruch zuvor auf den Punkt, wie es mit Portugal. The Man und ihrem Verhältnis zur Musikgemeinschaft steht.

Dabei geht es nicht nur um Sänger John Baldwin Gourleys befremdlich androgynes Organ, die skurillen Bandfotos, Songtitel und Lyrics oder die Tatsache, dass Bandmitglieder sich in Musikvideos von schlagzeugspielenden Grizzlybären Huckepack durch Vorstädte buckeln lassen. Den Exotenbonus heimsen sie dadurch immer wieder aufs Neue ein, klar. Zudem teilte wie Moses damals das Meer eine gänzlich wahnsinnige Elektronik-Ep ("It's Complicated Being A Wizard") ihr sensationelles wie verqueres Elektronikindiepopdebüt ("Waiter: You Vultures") vom durch den Blues geschleiften Rock des Zweitlings ("Church Mouth").

Und jetzt wird eine Richtung bis zum Ende verfolgt? Was glaubst du wohl, lieber Leser? Warum auch zweimal dieselbe Platte machen, wenn es doch noch so viele Instrumente, Effektpedale und Abgedrehtes gibt, was sich noch auf keiner Platte der Band finden lässt? Der neuste Streich beginnt locker mit lässigem Groove, um dann in einen luftigen "Ba ba bada, ba bada"-Refrain stutzig zu machen ("Lay Me Back Down"). Was folgt ist ein Drittling, der schizophren-schräg und – an dieser Stelle ein Seufzer gefolgt von einem Kopfkratzen – wieder nur schwer mit seinem Vorgänger vergleichbar ist. Bis zur "Intermission" setzen sich Portugal. The Man auf ein sprödes Holzparkett und dimmen das Licht. Dort spielen sie wärmende Songs, gewoben um eine Akustikgitarre, verziert mit pointiert eingesetzten Streichern, Chorgesängen, die Endorphin mit dem Füllhorn ausschütten lassen und psychedlischem Gewaber wie in "And I", dessen anfängliche Reverbeffekte als Liebesgruß an Portishead verstanden werden dürfen.

Mit der "Intermission" wendet sich die Platte diesem Kurs zu Gunsten eines über sechs Titel gestreckten, schwer verdaulichen Riesenkloßes ab. "New Orleans" muss die Erde inzwischen vollständig geschluckt haben, so düster bringen Saxophone und Bongos den Stein von dort aus ins Rollen. Und bald macht das Ding sich selbstständig: Orgeln wuseln gegen rückwärtsgespielte Schlagzeugspuren, Saxophone stolpern umher und plötzlich bricht alles zusammen und zerbröselt in einem Streichermeer. Dann leitet ein Riff weiter, Gourley singt locker eine Oktave über ihm. Anhaltspunkte sind rar gesät, Strukturen erst nach einigen Hördurchläufen wahrzunehmen.

Letzterer benötigt "Censored Colors" noch einmal deutlich mehr als seine Vorgänger – trotz des simplen wie herzergreifenden Paarrausschmeißers "1989" und "Our Way". Wie das Durchhalten im Hinblick auf die Diskografie der Band letztlich belohnt wird, ist absolut individuell bestimmt. Hier gibt es die Silbermedaille. Jetzt hat jeder Fan eine andere der drei Alben zum Lieblingswerk auserkoren. Wieviele Bands können das schon von sich behaupten? Siehste, Orwell.

Gordon Barnard

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