Rezension

Philipp Poisel

Mein Amerika


Highlights: San Francisco Night // Zum Ersten Mal Nintendo // Bis Ans Ende Der Hölle
Genre: Indie-Pop
Sounds Like: Gisbert Zu Knyphausen // Tim Bendzko // Pohlmann

VÖ: 17.02.2017

Mit „Mein Amerika“ erscheint Philipp Poisels drittes Album sieben Jahre nach „Bis Nach Toulouse“ und neun Jahre nach seinem Debüt „Wo Wängt Der Himmel An“. Die USA sind dabei eine Metapher für all die großen Sehnsüchte und Träume, mit denen man das Land verbinden kann. Eine Trumpkritik sucht man hier also vergebens. Stattdessen bekommt man in etwa das, was man als Fan des gebürtigen Tübingers haben will: eine Platte mit geflüstert schmachtendem Gesang zwischen Melancholie und Hoffnung. Die Zielgruppe für so etwas muss sich stark vergrößert haben, denn ein erster Platz in den deutschen Albumcharts ist doch ein beachtlicher Erfolg für jemanden, der in jungen Jahren aus einem Chor hinausgeworfen wurde.

Anstelle der gewohnten Gitarrenuntermalung ist zumeist sanfter Elektropop das Mittel der Wahl. Die Aufnahmen fanden in Nashville statt und zum ersten Mal lässt sich Philipp Poisel auf einem Album von einer Band begleiten. Was jetzt nach starker Veränderung klingen mag, wirkt sich eher gering aus, da beide Spielarten bei den Songs nur eine untergeordnete Rolle spielen. Im Wesentlichen geht es ja um sanft erzählte Geschichten von Liebe, Jugend, Heimat, dem Erwachsenwerden und so manchem mehr – und nicht um das Gewand, in das diese Inhalte gehüllt werden. Innerhalb dieser thematischen Felder bewegt sich Poisel nach wie vor sehr geschickt und schreibt Songs, bei denen seine Gefühle und die seiner Hörerschaft das einzige sind, was zählt. Im Gegensatz zu vielem, was täglich auf deutschen Radiosendern rauf- und runtergespielt wird, kann man in seine Musik tief eintauchen und muss dafür nur über seinen Schatten bezüglich des Fremdschämens springen, das einen so leicht ereilen kann, wenn man Texte hört, die nicht in einer Fremdsprache geschrieben wurden. Das fällt aber umso leichter, wenn man anstelle von profanen Mitgröhlrefrains poetische Texte bekommt, die durch sehr hohe Zugänglichkeit bestechen.

„Mein Amerika“ ist ein sehr homogenes Album auf gutem Niveau, bei dem es weder den einen herausragenden, genialen noch einen katastrophal schlechten Song gibt, so dass man ungestört von solchen Ausreißern wunderbar seine Gedanken kreisen und sich berieseln lassen kann. Das geht bei dem Grönemeyeresk beginnenden Duett „San Francisco Nights“ mit Luisa Babarro ebenso gut wie in der zärtlichen Ballade „Bis Ans Ende Der Hölle“, welche in der neuesten Verfilmung des Märchens „Das Kalte Herz“ im Abspann lief. Eben jener Film erhält einen weiteren Song, in welchem Streicherklänge zur Abwechslung die Begleitung für die Geschichte des Köhlers im schwarzen Wald bilden. Damit sind wir sehr weit weg von Amerika, aber darum ging es ja auch nie wirklich.

Marcel Eike

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