Rezension

Philip Selway

Familial


Highlights: Patron Saint // The Witching Hour // Beyond Reason // A Simple Life // All Eyes On You
Genre: Folk // Pop // Folkpop // Acoustic Pop // Singer-Songwriter
Sounds Like: The Go-Betweens // Ringo Starr // George Harrison // John Lennon // Paul McCartney // Jorge Drexler // The Magnetic Fields // Air // Cornershop // José González // The Beatles // Radiohead // Marissa Nadler // The Byrds // Eagles

VÖ: 27.08.2010

Philip Selways Einbindung in Neil Finns zweiter Auflage seines „7 Worlds Collide“-Projekts war vielleicht keine Überraschung, erwartet hatten sie sicherlich nicht all zu viele. Selways Stücke für das im Jahr 2009 erschienene Album setzten in gewisser Weise dort an, wo seine Arbeitgeber Radiohead mit „In Rainbows“ angekommen waren, bzw. passten sich in die Welle der Folk und akustischer Pop-Musik ein, die subjektiv einen Großteil der Veröffentlichungen der letzten Jahre auszumachen scheinen. Insofern ließ sich von Selways Album „Familial“ eine ähnliche Ausrichtung vermuten, was gleichzeitig Befürchtungen schüren konnte, er werde ein ziemlich mittelmäßiges Album veröffentlichen. Wo das Vorgefühl im Bezug auf den Stil des Albums zutrifft, waren die Befürchtungen zur Qualität absolut unangebracht.

„Familial“ überzeugt in einer schlichten Schönheit. Der akustische Pop der Stücke wurzelt tief in der vom Folk geschulten Tradition britischer Popmusik, welche wiederum schon seit den Beatles offen ist für Einflüsse aller Himmelsrichtungen. Selway, als Schlagzeuger bei Radiohead, und seine Mitstreiter – z.B. Wilco-Schlagzeuger Glenn Kotche und Lisa Germano – verzichten weitgehend auf Schlagzeug und beschränken die Rhythmus-Sektion – wenn überhaupt vorhanden – auf perkussive Mittel und den gelegentlichen Einsatz diverser akustischer und digitaler Effekte. Zu behaupten, man höre deutlich seine Zugehörigkeit zu Radiohead, wäre eine Übertreibung und doch finden sich immer wieder Arrangements, Melodieläufe oder gesangliche Mittel, die offenbar an der Arbeitsweise der Band geschult sind (z.B. „The Witching Hour“, „Beyond Reason“). Das ist weder Vorwurf noch Lob an das Album, es mag aber als Beleg dafür gelten, was für ein talentierter Songschreiber Selway selbst ist. Hier möchte also nicht der Drummer einer populären Band einfach mal seinen Teil vom Kuchen haben, sondern hier – wie schon zuvor auf Thom Yorkes „The Eraser“ und in Johny Greenwoods Veröffentlichungen – lässt sich ablesen, was die einzelnen Teile der Familie Radiohead jeweils zum Gesamtwerk beitragen. Allerdings geht es hier nicht um Radiohead, sondern um „Familial“.

Es ist nahezu müßig, auf dem Album Höhepunkte auszumachen, so homogen ist die Qualität der zehn Stücke. Zu Beginn verströmt vieles eine nahezu beatleseske Atmosphäre – sowohl der Band an sich, als auch des Solo-Schaffens der Mitglieder – während im Lauf eine zeitlose Songwriting-Schönheit zu Tage tritt, die sicherlich am ehesten mit den Songs der Go-Betweens zu vergleichen wäre. Beeindruckend ist die leichte Traurigkeit von Stücken wie „Falling“ oder „Broken Promises“, die in ihrer Einfachheit und Zerbrechlichkeit überzeugen. Hervorzuheben ist hier zudem „Don’t Look Down“, welches mit zarter Perkussion, dräuend langgezogenen Klängen und quer laufenden Pianofiguren den Hörer langsam umschließt. Drohend und schleppend, geradezu zögerlich vorwärts schreitet „The Ties That Bind Us“. Mit den Mitteln eines latent psychedelischen 70er-Jahre-Pops vertont es die familiären Banden, die dem Album den Namen gaben.

Gleich zu Beginn verzaubert Philip Selway mit „By Some Miracle“, welches die ruhige, einfach nur schöne und doch tiefer ergreifende Atmosphäre des Albums definiert. Die Mittel, die dieser Stimmung dienen, sind zumeist kaum mehr als die akustische Gitarre und Selways Gesang. Gelegentlich trägt Lisa Germano Vocals bei oder Klavier und Perkussion verstärken die gewünschten Effekte. Am komplexesten arrangiert erklingt sicherlich „Beyond Reason“, das so möglicherweise auch die stärksten Emotionen auslöst, wobei „A Simple Life“ nahezu ebenso das Gemüt bewegt und bis auf ein Bläserquartett vollkommen reduziert erscheint. Die größte Errungenschaft dieses einfachen und stillen Albums ist es eben sicherlich, mit der Simplizität des Präsentierten ein maximales Gefühl beim Hörer auszulösen. Dafür steht neben „A Simple Life“ auch das nachfolgende „All Eyes On You“. Die maximale Schönheit des Albums verdeutlicht aber unter Umständen vor allem „Patron Saint“.

Philip Selways „Familial“ sticht qualitativ sicher nicht aus der Vielzahl akustischer Pop- oder Singer-Songwriter-Alben heraus, es fügt ihnen auch kaum etwas hinzu. Aber: es ist gut, wirklich gut.

Oliver Bothe

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