Rezension

PeterLicht

Wenn Wir Alle Anders Sind


Highlights: Menschen // Letzte Tote Des Großen Krieges
Genre: Deutsch-Pop // Polit-Pop
Sounds Like: Olli Schulz // Gisbert Zu Knyphausen // Die Sterne

VÖ: 19.10.2018

Es war einmal ein deutscher Liedermacher, der hatte eine herausragende Stellung. Seine hintersinnigen Texte kleidete er in musikalisch leichte wie leicht melancholische Kleider, versehen mit der ein oder anderen Elektropop-Applikation. Seine Fans und die Feuilletons liebten es, sich in diese Kleider zu schmeißen und durch den Großstadtdschungel zu ziehen, obwohl oder gerade weil die Stücke hier und da kratzten. Der Schneidermeister war PeterLicht. Eigentlich tut in Zeiten von Primark, Zalando & Co. hochwertige Kleidung ebenso Not wie Kapitalismuskritik, nur scheint es, als seien PeterLicht in den vergangenen sieben Jahren die Ideen abhanden gekommen. So viel Zeit ist vergangen zwischen “Das Ende Der Beschwerde” und “Wenn Wir Alle Anders Sind”.

Das neue Album ist bestenfalls noch Mittelmaß. Ohne Esprit und Elan lassen sich die ersten Stücke dem düsteren Altherrenpop zurechnen. Erst “Menschen”, Song Nummer vier, ist in etwa auf dem Niveau von Lichts Frühwerk. Zügig, beschwingt, leicht nachdenklich, Texte ohne Netz, dafür mit doppeltem Boden. Allerdings fällt schon hier auf, was an anderer Stelle noch viel akuter wird: der unselige Einsatz von Autotune. Dass gerade PeterLicht, zu dem wohl wie zu kaum einem anderen Musiker oder besser gesagt Künstler die Bezeichnung Handwerker passt (und das im positivsten Sinne), seine Stimme verzerrt beziehungsweise. verzerren lässt, mutet merkwürdig an. Zugespitzt wie im “Umentscheidungslied”, das irgendwo zwischen Neuer Deutscher Welle und “Hot 100” zu verorten ist, ließe es sich noch als konzeptueller Ansatz interpretieren, aber bei einem Song wie “Menschen” ist es schlicht unnötig. Wenn der einzig kreative Fortschritt zwischen dem Jahr 2011 und dem Jahr 2018 darin besteht, Autotune einzubauen, dann stimmt etwas nicht.

Wie “Umentscheidungslied” gehen einige der Songs auf Lichts neuem Langspieler einfach auf die Nerven. Zwar gab es auch früher Kontrapunkte wie den “Arbeitgeberpräsident Hundt” oder “Bisnespipeul”, doch waren dies kurze Einsprengsel oder irgendwie witzige, weil neue Dinge. Wirklich gute Pop-Songs vom Format eines “Wir Werden Siegen” oder “Lied Vom Ende Des Kapitalismus”, beide immerhin schon 15 Jahre alt, hingegen fehlen völlig. “Letzte Tote Des Großen Krieges” ist noch am ehesten hörbar, das Ende des Songs sogar angenehm frisch. Nur ist die Platte da bereits 37 Minuten alt. Ansonsten wirkt vieles bemüht, wie die Adaption der Internationalen in “Emotionale – Hört Die Signale!”. Auch wenn PeterLicht mitunter zum Retter der deutschen Poesie hochstilisiert wurde, waren es doch auch immer die schönen Melodien, die zu begeistern wussten. Nun also weder schöne Melodien noch scharfsinnige Texte. Nichts Maßgeschneidertes mehr, bloß noch blasse Kopien.

Mischa Karth

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