Rezension

Oneohtrix Point Never

R Plus Seven


Highlights: Boring Angel // Zebra // Chrome Country
Genre: Electro // Hauntology // Experimental
Sounds Like: Boards Of Canada // Forest Swords // Cluster // Brian Eno

VÖ: 27.09.2013

Hauntology war gestern. Hat Daniel Lopatin auf dem Vorgängeralbum „Replica“ vor allem Snippets aus alten Werbesendungen zu Musik zusammengeklebt, ist „R Plus Seven“ eine komplette Neuausrichtung. Das Album klingt nicht mehr nach verregneten, analogen und vergilbten Kindheitserinnerungen, sondern nimmt einen zurück in eine Zeit, in der Computer noch monströse Apparate waren, die nur mit größtem Fingerspitzengefühl fiepsende und klirrende Töne von sich gaben. „R Plus Seven“ zelebriert hemmungslosen Retrofuturismus, den Synthie als Musikinstrument und zitiert Helden der frühen experimentellen elektronischen Musik wie Cluster oder Brian Eno.

Obwohl diese Musik vollkommen elektronisch ist, sollte man hier keinen Soundtrack zur Berghain-Beschallung erwarten. „R Plus Seven“ ist in erster Linie Electro für Daheimbleiber und Rumsitzer. Funktional und tanzfähig ist das, was Daniel Lopatin hier anbietet, nicht. Zu subtil und zurückhaltend ist „R Plus Seven“. Daran kann auch der treibende Beat von „Zebra“ wenig ändern: Dieses Album braucht Zeit. Erst nach mehreren Durchläufen entfaltet das Album seine ganze Eleganz. Einzelne Elemente kehren über die verschiedenen Lieder leitmotivisch und variiert wieder und liefern dem Hörer so Anhaltspunkte in einem anfangs völlig abstrakten Klanggerüst. Obwohl die Musik teilweise erschreckend nahe am New-Age-Graben entlang zu schrammen droht, bleibt sie doch entrückt und sperrig genug, um nie zur schalen Hintergrundbeschallung einer Yogasitzung zu verkommen.

Schlussendlich klingt „R Plus Seven“ wie das wahllose Zappen durch verschiedene Esoterik- und Astrokanäle. Das Album funktioniert nur dann wirklich, wenn man es ganz am Stück anhört und erst im Schlusslied „Chrome Country“ kommt alles zusammen: Die entspannten, lauen Momente, die Steigerung und die endgültige Erlösung in Form von Orgelklängen. „R Plus One“ ist das perfekte Album für alle, die Electro eigentlich stressig finden, mal richtig durchhängen wollen und denen es zu peinlich ist, in der New-Age-Sammlung der Eltern zu wildern.

Yves Weber

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