Rezension

Oneohtrix Point Never

Magic Oneohtrix Point Never


Highlights: I Don't Love Me Anymore // No Nightmares // Lost But Never Alone
Genre: Experimental-Pop
Sounds Like: Tim Hecker // Autechre // Arca // Sweet Trip

VÖ: 30.10.2020

Daniel Lopatin hat sich vom Fringe-Ambient-Drone zum interessantesten Produzenten im Mainstream-Pop entwickelt. "Magic Oneohtrix Point Never" ist seine retrospektive Werkschau, ein Magnus Opum der experimentellen Erforschung menschlicher Zustände.

Konzipiert als eine Hommage an das Radio teilt sich Magic Oneohtrix Point Never in lose Abschnitte eines Tages einer Parallelwelt. Die verzerrten Radiomoderationen, die durch das Album gesponnen sind, wecken unheimliche Assoziationen mit Musik vergangener Tage. Wenn die verzerrte Moderatorenstimme auf "Cross Talk II" "And Somehow The Music We All Grew Up Listening To Doesn't Relate To Our Adult Realities And Our New Dreams" in den Äther des 80er Jahre Easy-Listening-Programms schickt, ist das nicht nur ein Kommentar über die rasante Veränderung, die Musik in der Vergangenheit durchlaufen hat, nur um im Status Quo repetitive Endlosschleifen zu durchlaufen, sondern vor allem eine düstere Satire auf den menschlichen Zustand im Spätkapitalismus.

Mit Leichtigkeit verwebt Lopatin seine Einflüsse aus den letzten zehn Jahren, lässt Glitch-Sounds in Ambient-Flächen intervenieren, rearrangiert Sound und dekonstruiert New Age in psychedelische Gewitter. Jeder Track kann jederzeit in sich zusammenbrechen, hinter jeder angedeuteten Easy-Listening-Melodie verbirgt sich ein einschneidender Soundschnipsel. Magic Oneohtrix Point Never ist eine Herausforderung im Zusammensetzen der Bruchteile des Sounds. Aufgebaut auf dem allgegenwärtigen Easy Listening aus Country, Soft-Rock und New Age der 80er, zerreißt Lopatin dessen Heile-Welt-Ästhetik und legt unter der Banalität der Hintergrundmusik deren tiefere Bedeutung als Betäubung der unerträglichen Alltäglichkeit offen. War das Easy-Listening-Radio in den 80ern noch in der Lage, diesen Zustand zu überspielen, ist es in Lopatins post-moderner Parallelwelt durchzogen von Störgeräuschen, seine haltgebenden Melodien Glitches. Wie in "Inception" dringen immer wieder zerstörende Elemente in die sedierende Realitätsemulation ein.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Lopatin seine komplexen Soundscapes in "I Don't Love You Anymore", einen lupenreinen Dancefloor-Banger, auflöst, um dessen Flow daraufhin wieder in abstrakte Klangkulissen kollabieren zu lassen, stellt die Einzigartigkeit von Oneohtrix Point Never in der aktuellen Pop-Musik heraus. "Lost But Never Alone" explodiert zum Ende hin in Space-Rock-Gitarren, die sich von dem langsamen Glitch-Pop zu einem dystopischen Abgesang entwickelt. Der Drang zur großen Produktion und Pop-affinem, Festival-konformen Songwriting hat bei Lopatin keinesfalls zu einer Verwässerung des Sounds beigetragen. Im Gegenteil, Magic Oneohtrix Point Never meistert die Gratwanderung zwischen musikalischer Grenzerfahrung und Mainstream-Pop zu jeder Zeit mit Bravour.

Die Breite des Albums zeigt sich auch in den Kollaborationen. PC-Pop-Sängerin Caroline Polachek, Experimental-Ikone Arca und RnB-Weltstar The Weeknd treten als Gäste auf, letzterer co-produziert das gesamte Album. Keiner der Gäste ist dabei bloß ein isoliertes Feature, alle sind auf mehreren Tracks vertreten und erweitern Lopatins Sound-Architektur um eigene Feinheiten, führen seine Songs mal ins experimentelle, mal ins poppige.

Magic Oneohtrix Point Never ist eines der seltenen Alben, die nicht nur altes emulieren, sondern einen genuin neuen Blick auf musikalische Entwicklung erlauben. In Zeiten, in denen der musikalische Output des Mainstream-Pop eine Obsession mit der Vergangenheit entwickelt hat, ist die größte Stärke der Platte, dass sie eine musikalische Zukunft aufzeigt. Lopatin zerlegt die omnipräsente Nostalgie in Versatzstücke und setzt sie zu einer süffisant-dystopischen Klangwelt zusammen.

Robin Jaede

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