Rezension

Nine Inch Nails

Year Zero


Highlights: The Greater Good
Genre: Industrial // Electronic
Sounds Like: Aphex Twin // Squarepusher // Team Sleep

VÖ: 13.04.2007

Was ist denn da passiert? Gerade einmal zwei Jahre sind vergangen, seit Trent Reznor mit „With Teeth“ aus der Versenkung aufgetaucht ist, und jetzt schon wieder neues Material? Nun, so verhält sich wohl ein Mann, der nach jahrzehntelanger Selbstzerstörung endlich zu sich selbst gefunden hat. Dieser Mann platzt vor schierer Kreativität und Ideenreichtum und will nun jeden daran teilhaben lassen.

Alleine schon die Promo zu „Year Zero“ hat mit Sicherheit so manche PR-Agentur vor Neid erblassen lassen. Virales Marketing heißt der Schlüssel, um die Kundschaft bei der Stange zu halten. Da werden vertrackte Botschaften ins Netz gesendet, USB-Sticks auf Toiletten der Konzertvenues platziert und diverse Soundschnipsel an Radiostationen verteilt. Wer da durchblicken wollte (Stichwort: Spieltrieb), der war schneller in den Bann des Meisters geraten, als es einem wahrscheinlich lieb gewesen wäre. So sieht kluges Werben im Zeitalter 2.0 aus.

Aber Trent Reznor wäre nicht Trent Reznor, wenn es ihm nicht um viel mehr als bloße Kommerzialisierung gehen würde. Deshalb ist „Year Zero“ nicht nur eine weitere Nine Inch Nails Platte, sondern ein reines Konzeptalbum. Es geht um eine 15 Jahre entfernte Zukunft, in der die gesamte Welt durch einen totalitären Apparat aus Regierung und Wirtschaft beherrscht wird. Die Menschen sind zu bloßen Werkzeugen der machtbesessenen Oberschicht geworden, zu gefügig, um sich zu widersetzen und ohne Chance auf Hoffnung. Ganze 16 Songs widmet Trent den verschiedenen Blickwinkeln aus der Sicht der Protagonisten und unterstreicht ein weiteres Mal, dass er keinesfalls zu den Frohnaturen dieser Welt gehört.

Entsprechend düster und zerrissen klingt „Year Zero“ deshalb auch. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger beinahe in Gänze am Computer entstanden, wendet sich der Sound fast komplett von der leicht poppigen Note ab, die „With Teeth“ verlauten lies. Bereits das kurze Instrumental „Hyperpower“ zu Beginn zeigt auf, wohin die Reise führt. Ein lärmender und psychotischer Einstieg in eine gleichermaßen minimalistische wie kakophonische Klangwelt. Das Erstaunliche bei dieser Gratwanderung ist dieses unverwechselbare Gespür von Trent Reznor, immer eine gewisse Zugänglichkeit zu wahren. „The Beginning Of The End“ groovt sich beispielsweise umgehend ins Blut, während der Refrain von „Survivalism“ ebenfalls sofort hängen bleibt. Ja, es kann sogar wieder ordentlich getanzt werden, auch wenn das angesichts des Konzeptthemas vielleicht ein wenig absurd anmutet. „God Given“ und „The Warning“ erzeugen jedenfalls genug Schubkraft, um einen ganzen Häuserblock niederzureißen.

Die richtigen Brecher sind aber wieder einmal die auf den ersten Blick zu verquerten Songs. Obwohl sich „Vessel“ beinahe schmerzhaft in die Gehörgänge sägt und besonders die letzten zwei Minuten an der Belastbarkeitsgrenze kratzen, bekommt man, erst einmal angefixt, von diesem Trip nicht mehr genug. Trent empfiehlt manche Songs zum Sex - und dieser gehört zweifellos dazu. Ebenso das nachfolgende „Me I´m Not“. Ein einziger dichter Soundteppich, der so schwarz ist, wie eine Raucherlunge. Angsteinflößend, aber absolut suchtgefährdend. Das Triumvirat der Übersongs komplettiert „The Greater Good“. Ein fünfminütiger Todesmarsch, in dem Reznor irgendwelche Botschaften in das Mikrofon haucht und dabei von einem fiesen Scratchsynthie gegeiselt wird.

Wer dann ein Album ohne einen Ausfall auch noch mit zwei Ausnahmetracks wie „In This Twilight“ und „Zero Sum“ beendet, hat im Prinzip alles perfekt gemacht. Der einzige Grund, der keine Höchstwertung zulässt, ist das beunruhigende Gefühl, dass man damit die früheren Großtaten „The Downward Spiral“ und „The Fragile“ irgendwie abwerten würde. Eigentlich absurd, aber Trent würde das verstehen, denn Trent versteht alles. Besonders wie man Meisterwerke am Fließband aufnimmt.

Benjamin Köhler

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