Rezension

Nicholas Lens & Nick Cave

L.I.T.A.N.I.E.S


Highlights: Litany Of The Forsaken // Litany of Blooming // Litany Of Fragmentation
Genre: Klassik // Alternative // Oper // Experimental
Sounds Like: Max Richter // Madrugada // Grinderman // Sophie Hunger // Soap & Skin // Sven Helbig

VÖ: 04.12.2020

Die Deutsche Grammophon veröffentlichte dieser Tage ein Album, das in vielerlei Hinsicht hinters Licht führt: „LITANIES” beinhaltet keine Litaneien in der hergebrachten Bedeutung, aber auch die angekündigte Oper findet sich hier nicht im gebräuchlichen Sinn. Nicholas Lens, der für die Musik verantwortlich zeichnet, nennt es eine Kammeroper, aber auch das kann als Überdehnung des Begriffs gesehen werden. Lens präsentiert hier mit Nick Cave, der das Libretto beisteuert, zwölf Lieder, deren Instrumentierung in der zeitgenössischen Klassik wurzeln, bei denen der Gesang aber wiederum in der Mehrzahl der Stücke doch eher der alternativen Popmusik des 20. und 21. Jahrhunderts zuzuordnen ist.

Die Legende zum Album suggeriert, Lens habe sich in Belgien in den Tagen der ersten Pandemiebekämpfungsmaßnahmen an die Atmosphäre eines Zen-Tempels erinnert gefühlt und, so inspiriert, die Musik zu den 12 Liedern geschrieben. Dann habe er laut Information zum Album Cave angerufen und ihn gebeten, zwölf Litaneien zu schreiben. Eine Litanei ist ein Gebet in der Gemeinschaft, bei der die Gemeinde auf den Vortrag eine:r Vorbeter:in antwortet. Ein Beispiel wäre der Vortrag „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt”, auf den die Gemeinde antwortet „erbarme dich unser, O Herr”.

Dieses Muster findet sich hier in keinem der Stücke wieder. Wenn man den Begriff der Litanei jedoch weiter fasst und weniger die Form als den Inhalt mit dem Charakter als Anrufung betont, kommt „LITANIES” einer Sammlung von Litaneien durchaus näher. Wenn man zudem den repetitiven Charakter einer Litanei mit Lens Zitat der Zen-Atmosphäre verbindet und berücksichtigt, dass Lens zudem offenbar mit der Musik auf eine Art Trancezustand hinwirken möchte, mag der Titel „LITANIES” doch nicht so falsch gewählt zu sein.

Die Titel der Stücke gestalten sich alle als „Litany Of...”, Cave sieht sie als das Flehen um eine kosmische Anerkennung an eine:n göttliche:n Schöpfer:in. Insofern mögen Stücke mit Titeln wie „Litany Of Divine Absence”, „Litany Of The Forsaken” oder „Litany Of Divine Presence” auch für Cave direkte Reaktionen auf die Situation des Jahres 2020 sein, so wie sich Lens direkt von seiner Situation inspiriert sah.

Für Hörer:innen lassen sich die Lieder definitiv als Antwort auf ein Gefühl der Unsicherheit hören, auf einen Verlust und das Gefühl, verloren zu sein. Sie lassen sich hören als Sehnsucht nach Antworten, nach Antworten, bei denen es fast egal sein mag, ob sie nun endgültige Wahrheit oder nur scheinbare Antworten sind. Sie funktionieren so zudem, um sich vom Hier und Jetzt zu entrücken und sich in Richtung von Lens Ziel der Trance zu bewegen.

Egal ob man „LITANIES” nun als spirituelle Litaneien hört, als Kammeroper oder als etwas ganz anderes – Lens und Cave gestalten etwas ganz Eigenes. Dieses Eigene schafft es sowohl, sich zwischenzeitlich eindeutig in der sogenannten klassischen Musik zu befinden, wie auch an anderen Stellen dem Œuvre des Pop- und Rockmusikers Cave neue Hits hinzuzufügen. So irreführend das Auftreten des Albums sein mag, so exemplarisch steht die Platte somit aber auch für die gelungene Überbrückung des scheinbaren Grabens zwischen Klassik und Pop.

Oliver Bothe

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