Rezension

Myrkur

Folkesange


Highlights: Svea // Gudernes Vilje // Vinter
Genre: Nordic Folk // Traditional
Sounds Like: Ulver // Chelsea Wolfe // Wardruna

VÖ: 20.03.2020

Ein rotwangiges Mädchen geht barfuß am blühenden Ufer eines Fjords entlang, Strickzeug in der Hand. Es trägt Tracht, am Arm hängt ein Holzeimer. Hinter ihm ragen Berghänge in die Höhe, das Sonnenlicht taucht die Szene in goldweißes Licht. Das Cover zu Myrkurs drittem Album „Folkesange“ zeigt den Ausschnitt eines Gemäldes von Hans Dahl, bekannt für seine idealisierenden Darstellungen der norwegischen Landschaft sowie seine Freundschaft zum deutschen Kaiser Wilhelm II. Als Illustration eines Albums, das mit der Rückbesinnung auf ein undeutliches Ursprüngliches die Antwort auf turbulente Zeiten geben will, wie es im Pressetext heißt, wirkt diese Wahl zumindest fragwürdig, wenn nicht zynisch.

Dass sich Künstler aus dem Black-Metal-Umfeld der Natur, dem Paganismus und den Traditionen des skandinavischen Nordens zuwenden, ist keine neue Entwicklung. Und auch bei Amalie Bruun alias Myrkur ist es nicht weiter überraschend, wenn man die Entwicklung des Projekts seit den Anfängen 2014 betrachtet. Das Live-Album „Mausoleum“ von 2016 verwandelte den Blackgaze des Debüts schon in chorale Akustikstücke und auf YouTube veröffentlicht die Künstlerin seit Jahren Interpretationen von Volksliedern, die nun teilweise auf „Folkesange“ in Studioversionen umgesetzt wurden.

Bruuns ausgezeichnete Gesangsstimme soll immer wieder mit Überlagerungen in überirdische Sphären gehoben werden, die glatte Produktion nimmt ihr aber leider jede Wärme. Auch dass die Dänin auf „Folkesange“ auf traditionelle Instrumente wie die Nyckelharpa zurückgreift, ist hervorzuheben, das Klangbild in seiner Gänze erinnert aber eher an Soundtracks zu Fantasyfilmen als an die Vertonung von Voksliedern, wie sie am Küchentisch gesungen wurden. Ein Beispiel dafür ist „House Carpenter“, eine alte schottische Ballade, die auch schon von Joan Baez oder Bob Dylan interpretiert wurde. An Baez‘ Version orientierte sich Myrkur dann wohl und erweitert durch Streicherklänge, Chor und Hall soll das Lied verträumter klingen, bleibt aber letztlich seltsam gefühllos.

Was fehlt, ist der Kontrast, von dem Myrkurs Musik bisher lebte. Lieder wie „Svea“, getragen von tiefen Streichinstrumenten, oder „Gudernes Vilje“, das in Aufbau und Gesangsmelodie an frühere Veröffentlichungen erinnert, stechen umso mehr hervor, während die Eigenkomposition „Leaves Of Yggdrasil“ nur knapp am Kitsch vorbeischrammt. Insgesamt bleibt der Eindruck, dass Bruun ihre Rückkehr zu Spiritualität und kulturellem Erbe mit einer gewissen Naivität betreibt, wenn sie diese nur in einem Sehnen nach einer Vergangenheit, wie sie nie existiert hat, ausdrücken kann.

Marc Grimmer

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Video zu "Leaves Of Yggdrasil"

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