Rezension

Max Richter

Three Worlds: Music From Woolf Works


Highlights: Modular Astronomy // In The Garden // Genesis of Poetry // Love Songs
Genre: Klassik // Elektronisch // Ballet
Sounds Like: Jóhann Jóhannsson // Clint Mansell // Erik Satie // Francesco Tristano

VÖ: 27.01.2017

War es die Deutsche Grammophon, die mit ihrer Recomposed-Reihe der Ensemble-Musik zu einem Popularitätsschub bei der Pop- und Alternative-interessierten Zielgruppe verhalf? Oder waren es die ‘jungen’, besser: zeitgenössischen Komponist_en, die durch ihre Präsenz nicht nur in der Filmmusik die Aufmerksamkeit auf die sogenannte klassische Musik zogen? Oder waren es jene Musiker_innen, die ebenso im Pop wie in der Ensemblemusik zuhause sind? Zugegeben, die letzten beiden Gruppen haben eine große Schnittmenge. 

Die Deutsche Grammophon veröffentlicht dieser Tage unter dem Titel “Three Worlds: Music From Woolf Works” Max Richters Musik zu “Woolf Works”, Wayne McGregors Ballet am Royal Opera House. Bereits zuvor hatten Richter und McGregor für das Ballet “Infra” und die Kunst-Installation “Future Self” zusammen gearbeitet. 

Richter ist einer jener erwähnten zeitgenössischen Komponist_en, die seit mehr als einem Jahrzehnt die Bewunderung der Freund_e alternativer und experimenteller Musik auf sich ziehen. Hier steht “experimentell” einfach für zeitgenössische Ensemblemusik, also zeitgenössische Klassik. Sein 2002er Werk “Memoryhouse” begeisterte nicht nur die Kritik, spätestens sein Beitrag zur Recomposed-Reihe der Deutschen Grammophon, eine Bearbeitung von Vivaldis “Die Vier Jahreszeiten”, machte ihn weithin bekannt. Zuletzt erregte seine achtstündige Arbeit “Sleep” Aufmerksamkeit, und sein Soundtrack zur HBO-Serie “Leftovers” vergrößerte erneut sein Publikum. 

McGregors “Woolf Works” bezieht sich in drei Teilen auf Virginia Woolfs Romane “Mrs Dalloway”, “Orlando” und “The Waves” (auf Deutsch "Die Wellen"). Die Musik dazu ist nicht ausschließlich orchestral, vielmehr gibt es auch Kammermusik- und Soloteile. Insbesondere bindet Richter auch elektronische Musik und Synthesizer in das Gesamtwerk der “Three Worlds” ein. 

Vielleicht liegt es daran, dass in den letzten Jahren zu viel zeitgenössische klassische Musik erschien, dass zu viele Komponist_en zu viele Auftragsarbeiten, zu viele Filme, zu viele TV-Serien musikalisch bedienen mussten, in jedem Fall erscheinen Richters “Three Worlds” zunächst einerseits wenig neu, sehr vertraut. Es drängt sich der Eindruck auf, als habe er selber, Ramin Djawadi, Clint Mansell, Jóhann Jóhannsson oder ein anderer zeitgenössischer Komponist/eine andere zeitgenössische Komponistin diese bereits vorher präsentiert. Andererseits fehlt es dem musikalischen Dreiteiler vordergründig an Dynamik. Es ist, ohne Tanz und Bühnenbild dazu zu sehen, in einem Maße träge, dass es zu Teilen fast langweilig wirkt. Dies gilt erstaunlicherweise selbst für ein solch dynamisches Stück wie “The Tyranny Of Symmetry”. In der Tat wird es dort besonders deutlich. 

Dabei ist “Three Worlds” im Kern voller zutiefst emotionaler Musik. Eine Aufnahme Woolfs, wie sie ihr Essay “Words: On Craftsmanship” liest, eröffnet die Platte. Der Text “Words, English words, are full of echoes, of memories, of associations. They have been out and about, on people's lips, in their houses, in the streets, in the fields, for so many centuries.” setzt den melancholischen Grundton des ersten von Mrs Dalloway inspirierten Teils des Albums. Richters Kompositionen “In The Garden” und “War Anthem” reflektieren diese Stimmung, verstärken sie gar noch. Es ist durchaus möglich, sich in diesen Stücken zu verlieren. Die transportierte Traurigkeit kann anstecken. Sie muss aber nicht. Insbesondere das Getragene der Streicher in the “War Anthem” zieht sich, variiert wenig. 

Dieser scheinbare Einklang des ersten Teils der Platte mag ungerechtfertigt den Gesamteindruck bestimmen. Der zweite, “Orlando” folgende Teil beginnt mit elektronischen Synthesizer-Klängen. Den Transformations-Charakter des Romans wollte Richter nach eigener Auskunft durch Variationen eines Themas zum Ausdruck bringen. Während dies in “Modular Astronomy” zunächst durchaus gefallen kann, erscheint die mangelnde Vielfalt in der nachfolgenden Miniatur “Entropy” bereits wieder problematisch. Das Einsetzen des Orchesters mit “Transformation” macht dies teils wieder wett, doch hat sich der Gesamteindruck der Trägheit der Arrangements inzwischen festgesetzt. So kann nicht einmal “The Tyranny Of Symmetry” oder das elektronische, pulsierende “Genesis Of Poetry” diese Stimmung durchbrechen.

Zum Teil besteht auch ein Kontrast in der Wahrnehmung, ob ich die Stücke im Gesamtkontext oder separat höre. Das ambiente Spiegelkabinett “Persistence Of Images” funktioniert allein gehört hervorragend in seiner Intensität, geht aber in der Gesamtinszenierung unter. Ähnlich ergeht es dem nachfolgenden “Genesis Of Poetry”, das nach nur geringen Bearbeitungen fast clubtauglich sein könnte, hier aber nicht wirklich zündet.

Der dritte Teil “Tuesday”, der sich Woolfs “The Waves” widmet, ist seiner Inspiration entsprechend geprägt von einer generellen Wellenstruktur. In seiner Grundstimmung der Melancholie greift er zudem zurück auf die zu Beginn gesetzte Atmosphäre. Er leidet partiell jedoch auch unter der empfundenen Eintönigkeit oder Trägheit, vermag aber eben auch wie der Beginn zu Tränen zu rühren.

“Three Worlds: Music From Woolf Works” ist ohne Zweifel eine gute Komposition, es ist sogar bei aller Kritik eine gute Platte. Sie gewinnt insbesondere durch die Kombination von elektronischen und Ensemble-Arrangements. Trotz allem aber fehlt Richters “Three Worlds” subjektiv etwas, wobei unklar bleibt, was das Problem ist.

Es deutet sich an, dass auch 2017 wieder ein Ensemblemusik-Album zunächst eher lauwarm aufgenommen wird und am Ende zu den Höhepunkten des Jahres gehören mag. Im vergangenen Jahr war es der Soundtrack zu “The Revenant” von Ryuichi Sakamoto, Alva Noto und Bryce Dessner, der anfangs eher wenig überzeugte, und den Verlauf eines Jahres brauchte, seine ungemeine Intensität zu entfalten. Ähnlich könnte es Richters “Three Worlds” ergehen. Auch auf intensive Auseinandersetzung erscheint es erst einmal eher unscheinbar, aber vielleicht braucht es eben einen Winter, Frühling, Sommer und Herbst, um wirklich zu wirken.

Oliver Bothe

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In The Garden

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