Rezension

Matt Berninger

Serpentine Prison


Highlights: One More Second // Silver Springs // Collar Of Your Shirt // Serpentine Prison // All For Nothing
Genre: Alternative-Kuschelrock
Sounds Like: Dan Mangan // Hamilton Leithauser // The National // I am Kloot

VÖ: 16.10.2020

Na endlich, es ist Herbst! Holt die Kuscheldecke raus, schenkt das Rotwein-Glas voll, macht den Kamin an und betrachtet von drinnen das Unwetter draußen, denn Matt Berninger brummt wieder in aller Gemütlichkeit und viel schöner wird es dieses Jahr nicht mehr.

Matt Berninger von The National veröffentlicht nun erstmals ein Solo-Album, nachdem er schon einmal 2015 mit seinem Projekt El Vy ohne seine Hauptband eine Platte herausbrachte. Für The National sicher kein Affront, sich einem Nebenprojekt zu widmen. So sind seine Bandkollegen sehr umtriebig, dieses Jahr natürlich allen voran Aaron Dessner mit der Produktion von Taylor Swifts „Folklore“. Doch natürlich bleibt die Frage, warum ein Frontmann einer Band ein Soloalbum herausbringt, nachdem erst letztes Jahr das tolle „I Am Easy To Find“ seiner Band erschien. Stephen Malkmus sagte über seine letzten beiden Soloalben, dass seine Band (The Jicks) einen so festgefahrenen Sound haben, dass sie gar nicht mehr anders klingen können, so wie Wilco – darum muss er, um etwas Neues zu machen, das einfach alleine tun. Bei Berninger scheint das Gegenteil der Fall. Hatten The National auf ihren ersten Platten einen klaren Sound, der immer so weiter gehen könnte, haben sie sich mehr und mehr neu erfunden, elektronische und andere Elemente aufgenommen. Auf dem letzten Werk war Berninger mit seiner Stimme eher Taktgeber und Kurator. Die Stars waren die Gastsängerinnen und The National wurde auf einmal zu einem Kollektiv. Aus vielen Gründen ist das natürlich wunderbar und kreativ. Aus einem Grund jedoch sehr schade, denn so viele lieben es, Matt Berningers Bariton zu lauschen. Genau hier wird jetzt Abhilfe geschaffen.

Produzent Booker T. Jones und Matt Berninger kümmern sich nun darum, dass die Stimme wieder in den absoluten Vordergrund wechselt. Die Instrumente von Jones selbst sowie The-Walkmen- und The National-Mitgliedern sorgen lediglich für einen Rahmen. Beim genaueren Hinhören ist der multiinstrumentale Teil jedoch neben seiner Zurückhaltung wunderschön und bietet Berningers Stimme Pausen zu wirken und Abwechslung für den Hörer. Mal wirkt eine Gitarre, mal Bläser und mal Klavier oder Orgel. Man kann nicht anders als sich an die sehr frühen The-National-Werke, von „Cherry Tree“ über „Alligator“ bis „Boxer“, zu erinnern und deren ruhigere Stücke.

Das Album startet mit „My Eyes Are T-Shirts“ noch recht verhalten, geht dann aber gleich in die Vollen. Die tolle Single „Distant Axis“ wirkt im Gesamtwerk noch harmonischer und schöner als zuvor für sich stehend. Das absolute Highlight folgt direkt. „One More Second“ vertont das Ende einer Liebe und soll laut Berninger die Antwort auf Dolly Partons „I Will Always Love You“ darstellen. Das Ergebnis ist atemberaubend schön und holt alles aus Berningers Stimme und Tiefe heraus. Auch danach baut das Niveau kaum ab, auch wenn sich nach wie vor der Sound zurückhält. Ganz alleine muss es dann doch am Ende nicht sein, denn mittendrin sorgt „Silver Springs“ für gelungene Abwechslung, indem Bowie-Bassistin Gail Ann Dorsey einen kleinen Part der Vocals übernimmt. Durch auch ihre eher tiefe Stimme jedoch kein Bruch im Hörfluss und nur eine charmante kurze Veränderung, wie auch die wechselnden Instrumente – immer leicht im Hintergrund für den perfekten Auftritt des Stars.

Die zweite Albumhälfte bleibt ebenso schön, übt sich noch ein wenig mehr in Zurückhaltung, hat jedoch natürlich keinen schwachen Song, das wäre bei dieser Album-Machart auch kaum möglich, dafür aber einige Highlights, die sich beim genauen Hinhören erschließen. Das wunderbare Ende mit dem Titelsong geht direkt ins Ohr. „Collar Of Your Shirt“ baut sich beispielsweise erst langsam auf, die zweite Songhälfte ist jedoch sehr berührend und das Zusammenspiel zwischen Instrumenten und Gesang funktioniert perfekt.

Von den sehr guten Indie-Rockern sind die Mitglieder von The National zu Größen der Unterhaltungsindustrie geworden. Dass dies genutzt wird, um zu experimentieren, weibliche Musikerinnen einzubeziehen und die ganz großen wie Taylor Swift zu produzieren, ist wunderbar und deutlich zeitgemäßer, als Album für Album die Stimme von Matt Berninger in den Fokus zu rücken. Da diese aber zu schön ist, um nur die Basis der Band und Taktgeber zu sein, gibt es nun mit dem Solo-Debüt die perfekte Lösung für alle, die ohne das Brummen nicht können. Die kalte Zeit darf kommen und es darf gemütlich werden und selten durfte man sich so freuen, dass ein Musiker keine Experimente macht, sondern sich darauf verlässt, was er am besten kann.

Marian Krüger

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Matt Berninger - One More Second (Official Video)

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