Rezension

Manu Delago

Silver Kobalt


Highlights: Chemical Reaction // Dearest // Simon Is Psychling
Genre: Indie // World-Music // Electronica
Sounds Like: Björk // Jon Hopkins // Lali Puna // The Notwist

VÖ: 10.04.2015

Wenn Musik sich nicht mehr in den üblichen Schablonen erfassen lässt, wenn sie Grenzen überwindet und Mauern im Kopf einreißt, dann ringst du um Worte, um diese Musik zu beschreiben. In den Klängen von Manu Delago offenbaren sich solch unterschiedliche Stimmungen, so viele Ideen, dass es schwierig ist, überhaupt eine Sprache zu finden. Das, was Delagos neues Album „Silver Kobalt“ ausmacht, lässt sich vielleicht zunächst als eine Rüstung oder ein Kettenhemd beschreiben, unter dem tief vergraben ein Herzschlag zu hören ist. Zwar liefert „Disgustingly Beautiful“ gleich zu Beginn einen kurzen Eindruck von der sinnlichen Seite, doch die ersten Songs sind so schwer zugänglich und brechen derart mit Hörgewohnheiten, dass es Geduld braucht, um sich dem Kern, der Essenz zu nähern. „Down To The Summit“ strahlt eine nächtliche Schwermut, eine jazzige Einsamkeit aus, bis tiefe Frequenzen schließlich ins Mark hineinschneiden. Es sind bildhafte Sprünge, wie sie ein Jon Hopkins in Perfektion beherrscht, die hier auch Manu Delago meisterhaft komponiert.

Delago ist akustischer Forscher, wenn man so will; dabei stets vorwärts gewandt. Sein Drang, die Grenzen der Musik zu erweitern, ist permanent zu spüren. Das Hang, ein metallenes Schlaginstrument, dem Delago zu einiger Bekanntheit verholfen, dessen Klang sich jedoch noch lange nicht in unsere Hörgewohnheiten eingereiht hat, hilft ihm dabei. Es findet sich natürlich auch auf „Silver Kobalt“ wieder. Allerdings liefert es nur einige von vielen Farbschattierungen, drängt sich nicht in den Vordergrund. Auch die Lyrics eröffnen eher Räume, als dass sie Antworten liefern: „I'm sending these postcards / Without any words / I'm sending these postcards / To the sun in the north“, ist eine der zentralen Lines, „Objects in mirror / Disgustingly beautiful“ eine andere.

Das Prisma ist gewaltig. „Wandering Around“ ist ein gewichtiges Instrumentalstück, das in seiner orientalischen Opulenz abermals Grenzen sprengt. „Simon Is Psychling [sic]“ startet mit Fahrradklingeln. Dann: invertierte Sounds, ein Fagott, ein Klavierglissando. Dann wieder harte Beats. Das hat mit Pop-Musik nicht mehr viel zu tun. Gut so.

Dass es trotz der Mannigfaltigkeit möglich ist, bei der Stange zu bleiben, liegt an der Zartheit, die allen Liedern innewohnt. Sie gipfelt schließlich im Herzstück des Albums, „Chemical Reaction“. Von jetzt auf gleich erstrahlt alles in hellen Klangbildern, getaucht in ein Licht voller Zuversicht. Alles, was vorher mit einem Fragezeichen versehen war, löst sich in Wohlgefallen auf. Schließlich haucht Rahel Debebe-Dessalegne „And I keep my heart beating...“, und dann ist nur noch die Frequenz eines Herzschlags zu hören. Die Rüstung ist abgelegt. Und du denkst, dass dies das perfekte Ende ist.

Doch zum Glück macht Delago weiter, reanimiert diesen Über-Song für weitere drei Minuten und sorgt anschließend durch das ebenfalls in Optimismus getränkte „Dearest“ für Gänsehaut: „We can make the cloud smile“, singt Katie Noonan. Und selbst dann ist noch nicht Schluss. Mit „Almost Thirty“, einem weiteren Instrumental, schließt Delago den Kreis und macht mit einem tanzbaren Beat samt Akkordeon kurz vor Ultimo noch zwei weitere Fässer auf. Mehr Musik geht nicht.

Mischa Karth

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