Rezension

Maeckes

Tilt


Highlights: Tilt // Gettin‘ Jiggy With It // Marie-Byrd-Land // Kreuz // Loser
Genre: Rap // Pop
Sounds Like: Gerard // Marteria // Umse // Die Orsons

VÖ: 21.10.2016

Wer ist dieser Maeckes? Eigentlich klar: Teil der Orsons, Kompagnon von Plan B, Produzent, Rapper und noch einiges mehr. Und gerade dieses einige mehr macht die Sache kompliziert, denn es ist auch irgendwie ein Nichts. So behauptet der Typ im Titel-Track des neuen Maeckes-Albums „Tilt“, er sei gar nicht Maeckes: „Ich bin nicht Maeckes, nur das Instagram-Profil von Ai Weiwei.“ Und gleichzeitig jede Rolle in jedem Schweighöfer-Film, vier nie buzzernde Judges bei The Voice of Germany und der Verlierer des Maeckes-Lookalike-Contests. Soweit okay, nix ist klar. Auf jeden Fall können wir schonmal sagen: Authentizität ist bei Maeckes nur ein Spiel. Das ganze Album wirkt wie ein spitzzüngiger Kommentar zum Geschehen in der Rap- und sonstigen Welt. Und das rappende Ich schenkt sich dabei auch selbst ordentlich ein: „Nicht mal mein Minderwertigkeitskomplex ist so gut wie der von allen anderen“ („Marie-Byrd-Land“).

Bei all der Ironie ist „Tilt“ über weite Strecken ziemlich ernsthaft. Und ein schlichtweg ziemlich gutes Album. Durchdacht, aber nie zu kopflastig. Poppig aber nie zu cheesy. Nachdem das Album textlich vom Start weg ordentlich loslegt, bleibt man spätestens bei der Single „Gettin‘ Jiggy With It“ zum ersten mal hängen. Wahrscheinlich bewusst holpernd springt der Text vom Schlechten zum Guten im Menschen und wieder zurück. Dahinter steht letztendlich eine simple Message. Wir müssen damit klarkommen, dass die Welt einfach kompliziert ist – es gibt nicht nur ein Gut und Böse: „Denn das Beste auf der Welt sind wir Menschen / Und das Schlechteste der Welt sind wir auch.“

Mit dem schon zitierten „Marie-Byrd-Land“ schließt sich eine wunderbar melancholische und metaphernreiche Ballade über unerwiderte Liebe an. Und in diesem Stil geht es erstmal weiter. Mal wartet Maeckes auf eine Verabredung so lange „wie alle Kippenstummel zwischen den Bahngleisen zusammen“, mehr als einmal fragt er sich, wovor wir eigentlich Angst haben. Überhaupt sind Angst, (unerwiderte) Liebe und die unmöglich zu beantwortende Frage nach dem eigenen Ich die großen Themen auf „Tilt“.

Mit „Die Alpen“ und „Kreuz“ bekommen wir zur Albummitte dann auch die wohl schwerverdaulichste Kost des Albums serviert. Die Hook von „Die Alpen“ knockt uns schon leicht an: „Wehe du gibst mir dein Herz, ich ertränk' es in Whiskey, steck' es in 'nen Mixer und trink es / Schwitz' es auf der nächsten Tanzfläche aus, irgendein Flittchen saugt es dann lächelnd auf.“ Bezeichnenderweise läuft auf dieser Tanzfläche kein Hip-Hop sondern „im Hintergrund "Seasons" von Future Islands, […] "Teen Dream" von Beach House, […] "Digital Ash In A Digital Urn" von Bright Eyes.>“

Und doch kommt es selten vor, dass ein so schweres Album gleichzeitig insgesamt so leicht klingt. Das einfache Geheimnis dafür erfahren wir im poppigen „Loser“: „Die Welt is' eine Tür, Keine-Angst ist der Schlüssel / Solang' wir tanzen, entkommen wir Segway-Streifenpolizisten.“

Der Multi-Instrumentalist Tristan Brusch und der Produzent Äh, Dings tragen ihren Teil dazu bei, dass die 14 Songs des Albums eingängiger und gleichzeitig raffinierter klingen als alles, was wir bisher von Maeckes kannten. Dabei wirkt die Produktion zum Glück keineswegs aufgepfropft. Auch wenn man sich vielleicht kurz über die Geigen bei „In deiner Stadt“ wundert – das alles ist extrem stimmig. Und wo sich etwas zu viel Pathos einzuschleichen droht, wird er sofort auf der Textebene ironisch gebrochen. In diesem Fall mit der Story über die Suche nach Fame und einem Möchtegern-Sternchen, dessen wenige Minuten Ruhm auf einer VHS-Kassette im hintersten Winkel einer Videothek verstauben.

Auch nach dem zwölften Hördurchgang von „Tilt“ ist klar: Wir haben immer noch keine Ahnung, wer Maeckes ist. Aber vielleicht verstehen wir immerhin ein wenig, dass die Welt um uns herum das Schlimmste und das Schönste ist, was wir haben.

Christoph Herzog

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