Rezension

Lorde

Pure Heroine


Highlights: Royals // Ribs // Buzzcut Season // A World Alone
Genre: Indie-Pop // Elektropop // Hip Hop
Sounds Like: AlunaGeorge // Charli XCX // The Neighbourhood // MS MR

VÖ: 25.10.2013

Spätestens seit Disney präpubertäre, musikalische Kinder für sich und den Markt entdeckt hat, ist eine Zwölfjährige auf den Bühnen der Welt nicht mehr ganz so spektakulär wie es Wolfgang Amadeus Mozart seinerzeit war. Der hatte allerdings auch als besagter Zwölfjähriger bereits drei Opern, sechs Sinfonien und zahlreiche weitere Werke komponiert, würde also schon zur Kategorie der musikalischen Wunderkinder zählen und stellt heute noch alle Britneys und Mileys in den Schatten. Nichtsdestotrotz sind deren Erfolge auch nicht zu verachten, was allerdings nicht ausschließlich an der Musik liegen dürfte. Die eine verliert erst ihre Kindheit und dann dank einer Radikalrasur ihr Haupthaar, die andere schwingt ihren in Latex gekleideten Körper durch einen Haufen Mickey Mäuse und sich anschließend nackt auf einer Abrissbirne durchs Musikvideo – solche Aktionen verkaufen sich, da scheint die neue Platte nur Nebenprodukt zu sein.

Auch die Neuseeländerin Ella Yelich-O'Conner ist mit zwölf Jahren entdeckt worden. Sie war zwar nie wie Britney Spears Mitglied im Mickey Mouse Club, doch nachdem Universal Music einen Gesangsauftritt zugeschickt bekam, sie unter Vertrag nahm und förderte, erschien im November 2012 „The Love Club EP“ und Ella war ganz ohne Disney im Alter von 16 Jahren unter dem Namen Lorde in aller Munde. Vorerst wurden die Songs zum freien Download auf Soundcloud angeboten und so sprang die CD, war sie erst verkäuflich, ohne große Promotion oder aufwändig in Szene gesetztes Motiv auf dem Cover auf Platz zwei der neuseeländischen Charts; die Singles „Royals“ und „Tennis Court“ (von der 2013 erschienenen „The Tennis Court EP“) erreichten Platz 1, für die ironischerweise Miley Cyrus Platz machen musste. Seitdem wird Lorde in beinahe jedem Pressetext als Wunderkind bezeichnet und weckte immer weiter die Neugier auf das Album, das nun seinen Weg in die Plattenläden gefunden hat.

Wie es die vorherige Abwesenheit von großer Mainstream-Produktion vermuten ließ, kommt „Pure Heroine“ auffällig unauffällig daher. Schwarzer Grund, weiße Blockschrift, fertig. Auch fällt auf, dass es von den bereits veröffentlichten Liedern allein die beiden Nummer-1-Hits auf die Platte geschafft haben. Somit stimmt „Tennis Court“ als Opener auf acht bisher unbekannte Songs ein und die Beats aus „Royals“ schnipsen einem nach einer fast schon nervigen Dauersirene („400 Lux“) entgegen. Mit den folgenden Titeln „Ribs“ und „Buzzcut Season“ zeigt Lorde sich von einer andere Seite, die zwar immer noch der alten Linie folgt und mit Beats untermalt ist, aber durchaus zarter und verträumter klingt. Zeilen wie „You're the only friend I need / Sharing beds like little kids / We'll laugh until our ribs get tired“ und „And nothing's wrong, when nothing's true / I live in a hologram with you“ legen sich sanft ins Ohr, man bewegt sich beinahe automatisch zur Musik und denkt an alles und nichts, bis man zu dem elektronischen Schall in „Team“ aus der Trance erwacht.

Komplett wegdämmern kann man zu „Pure Heroine“ bei den beinahe erschreckend erwachsenen Songtexten jedoch nicht. Vielleicht ist es Lordes junge Ehrlichkeit, die vieles treffend an- und ausspricht und sie von besten Freundschaften und Liebe, dem überbewerteten Materialismus der Schönen und Reichen und von der Angst des Älterwerdens singen lässt. Man könnte natürlich auch sagen, dass es gerade die 16 Jahre sind, die aus ihr sprechen und „It feels so scary getting old“ feststellen, doch dann fallen einem wieder die anderen Kinderstars ein, die damals von sich sangen, sie seien „not a girl, not yet a woman“ und ihre Pubertätskrisen in Jugendfilmen festhielten oder gleich zwei Popstars gleichzeitig verkörperten.

Bei Lorde hat man das Gefühl, sie hätte all das nicht nötig, denn „Pure Heroine“ läuft keinerlei Gefahr, als bloßes Nebenprodukt zu wirken. Zwar klingt Lordes Stimme an einigen Stellen noch sehr jung, doch das ist in ihrem Alter keine Überraschung und soll sicherlich nichts schlechtes sein. Mit der Mischung aus Hip-Hop und elektronisch angehauchtem Indie-Pop sprechen Musik und Texte für sich, was (bis jetzt) keine große Selbstvermarktung verlangt.

So bleibt nur zu hoffen, dass Lorde lange Mitglied im Love Club bleibt und nicht zum Mickey Mouse Club wechselt, um sich in 15 Jahren die Haare abzurasieren, denn es wäre jammerschade um ihre schöne Löwenmähne.

Doreen Stoecke

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