Rezension

Leonard Cohen

You Want It Darker


Highlights: You Want It Darker // It Seemed The Better Way // Steer Your Way
Genre: Melancholischer Folkpop // Country // Singer-Songwriter
Sounds Like: Tom Waits // Nick Cave & The Bad Seeds // Johnny Cash // David Bowie // Einstürzende Neubauten

VÖ: 21.10.2016

Mit erhabener Coolness ragt Leonard Cohen lässig aus dem Schwarz-Weiß-Cover zu seinem neuen Album heraus. „You Want It Darker“ ist ein Statement. Mit ruhiger und fester Stimme kündigt Cohen an: „I Am Ready My Lord“ und dimmt schon einmal das Licht. 82 ist er nun, in dem Alter könnte jedes Album das letzte sein, warum also schon nicht einmal dem Teufel ein Schnippchen schlagen und ein sarkastisches Abschiedsalbum aufnehmen? Also setzt sich Opa Cohen an den Kamin und erzählt Schauergeschichten. „Erzählt“ ist dabei wörtlich zu nehmen, denn sein Gesang ähnelt immer mehr dem eines Vorlesers. Irgendwo zwischen Tom Waits und Blixa Bargeld steht noch ein Stuhl und da sitzt nun der alte Cohen. Und wie er da so erzählt, kann man nicht anders, als gebannt zuzuhören. Nehmt euch am besten ein Glas Rotwein dazu.

Da ist die sanfte, tiefdunkle Stimme zum einen, die sich so wunderbar angenehm an die Ohren schmiegt. Dazu die Stories, denen man anhört: Da hat einer was erlebt. Die passende Instrumentierung dazu verantwortet sein Sohn Adam, der dem Ganzen eine gediegene Atmosphäre verpasst. Größtenteils begleiten Streicher und Klavier Cohen. Bisweilen driftet es schon einmal in Country ab, wie in „Leaving The Table“ und „If I Didn’t Have Your Love“. Dennoch ist "You Want It Darker" nicht in der Reihenfolge bisheriger Alben, wie zuletzt "Popular Problems" zu sehen, denn Countryelemente dienen hier der Gediegenheit. Überraschend tauchen dann aber doch wieder Balalaika und Frauenchöre auf (“Traveling Light”). In besten Momenten füllt Cohen trotz leiser Tönen den ganzen Raum. Eine derartige Dichte hatten zuletzt Nick Cave in Hochform oder die ruhigen Alben der Einstürzenden Neubauten. Die düstere Atmosphäre von deren „Sabrina“ setzt „It Seemed The Better Way“ fort.

„You Want It Darker“ ist eine unverschämte Ansage. Soll Leonard Cohen niemand posthum vorwerfen, kein ordentliches Abschiedsalbum gemacht zu haben! Im Gegensatz zu Johnny Cashs letzten Jahren hört man Cohen hier allerdings nicht als alten Mann in den letzten Zügen, sondern als einen Gentleman mit einer galanten Altersplatte, die seinem mittlerweile mehr als 60-jährigen Schaffen nochmal eine neue Krone aufsetzt.

Klaus Porst

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"You Want It Darker"
"Traveling Light"

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