Rezension

La Dispute

Wildlife


Highlights: Harder Harmonies // The Most Beautiful Bitter Fruit // King Park // All Our Bruised Bodies And The Whole Heart Shrinks
Genre: Post-Hardcore
Sounds Like: Touché Amoré // Thursday // Defeater // Modern Life Is War

VÖ: 11.11.2011

So mancher Film taugt auch als Theaterstück. Manches Videospiel wiederum würde sich hervorragend als Blockbuster machen. Und ab und an gibt’s Platten, die Bücher sein könnten. Für „Wildlife“ gilt das nicht. Denn das Zweitwerk der Hardcore-Vordenker La Dispute ist praktisch schon Literatur. Grund ist sein Konzept: Texter und Brüllwürfel Jordan Dreyer lässt hier einen fiktiven Autor sein Meisterstück aus Kurzgeschichten verfassen – inklusive in Songs gegossener Notizen des Autors. Der wiederum ist auf der Suche. Nach Sinn, nach Gefühl, nach Kontrolle. Was er stattdessen findet sind Leid, Schrecken oder einfach: gar nichts.

Die Geschichten auf „Wildlife“ gehen ganz tief rein. Sie schocken, weil sie mit keinem schrecklicken Detail sparen. Jordan Dreyer nimmt sich für sie Platz – das Textbuch dieser Platte kann in Sachen Umfang locker mit Hip-Hop-Alben mithalten. Ohnehin: Dreyer ist Meister des Sprechgesangs. Er spielt mit Rhythmik, lässt seine Worte clever dem mal rauen, mal melodischen Post-Core entgegenlaufen und macht seiner Verzweiflung immer wieder mit beängstigender Inbrunst Luft. Texte und Musik hier immer zugleich auf dem Schirm zu haben, garantiert Reizüberflutung.

Wer zuhört, kriegt harten Tobak: Schizophrene, die im Blutrausch auf ihre Väter einstechen („Edward Benz, 27 Times“), Tagebucheinträge von Eltern, die ihr Kind an den Krebs verlieren („I See Everything“) oder brillante Gedankenspiele wie das markerschütternd intensive „King Park“, das erst in seinen letzten Zeilen seine grausame Pointe offenbart. Dreyers Gedanken sind dabei wie ein Bumerang – er kann noch so oft ausholen, immer wieder kehrt sein Verstand zu einem Punkt zurück: dem Tod. Dabei schreit er so verzweifelt, als würde er selbst täglich zwischen Höllenschlund und Erdreich hin und her pendeln.

Musikalisch gerät „Wildlife“ etwas zahmer als das mächtige Debüt der Band – die Group-Shouts sind weg, das Album gerät kunstvoller. Das geht auf die Kappe der sanfteren Produktion, stört aber nur anfangs. Denn diese 57 Minuten sind von vorn bis hinten durchdacht und fügen sich stimmig ineinander. Die Selbstreflexionen des Autors dienen als Interludes, die die Fäden dieses komplexen Meisterstücks verknüpfen. Klar, die ersten Hordurchläufe sind kein Spaziergang. Man ist orientierungslos und überfordert. Zündet die eigenwillige und einzigartige Dynamik von „Wildlife“ aber, springen auch nach Wochen noch winzige, bislang ungehörte Gitarren-Licks oder Rhythmus-Bögen ins Ohr. Das hier ist ein Werk, das Geduld und Auseinandersetzung fordert. Die Belohnung, die dafür winkt, ist umso reicher. Ist bei Weltliteratur ja auch nicht anders.

Gordon Barnard

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"Wildlife" im Stream
www.ladisputemusic.com

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